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Mehr Glück als Verdienst

Günstige Zufälle prägen den individuellen Erfolg weit mehr, als die meisten annehmen.

Erfolgreiche Menschen sind oft talentiert und haben hart gearbeitet. Aber es gibt mindestens ebenso viele, die es nicht »nach oben« schaffen, obwohl sie die gleichen Fähigkeiten besitzen und sich ebenso stark bemühen. Denn der selbst geleistete Anteil am Lebenslauf wird meist deutlich überschätzt, die Rolle von Glück und Zufall hingegen stark unterbewertet. Das schreibt der amerikanische Ökonom Robert H. Frank, der als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Cornell University (New York) arbeitet und sich als Buchautor sowie »New York Times«-Kolumnist einen Namen gemacht hat.

Frank selbst hatte Glück im Unglück, als er beim Tennisspielen einen Herzanfall erlitt und nur überlebte, weil zufällig ein Krankenwagen in der Nähe war. In seinem Buch fragt er, welche Bedeutung zufällige Faktoren für den Lebenserfolg haben, etwa der Geburtsmonat oder der Anfangsbuchstabe des Nachnamens. So haben Studien gezeigt: Schulkinder, die wegen ihres Geburtsdatums zu den älteren in der Klasse zählen und aus diesem einfachen Grund deutlich öfter repräsentative Positionen bekleiden (etwa als Klassensprecher), erzielen später im Berufsleben höhere Gehälter. Eine weitere Untersuchung ergab, dass Assistenzprofessoren mit umso höherer Wahrscheinlichkeit eine Festanstellung bekamen, je früher ihr Nachname im Alphabet auftauchte – wohl deshalb, weil bei gemeinschaftlich verfassten Fachartikeln die Nachnamen der beteiligten Autoren oft alphabetisch sortiert sind. Erfolg, so Franks Fazit, hängt maßgeblich mit den Lebensumständen zusammen, ist also weitgehend dem Glück zu verdanken.

Gates' Fortune

Der Autor zeigt das exemplarisch an bekannten Personen. Der US-Unternehmer Bill Gates etwa, der zweitreichste Mensch der Welt, kam durch eine glückliche Fügung an eine Schule, die ihren Schülern unbeschränkten Zugang zu einem der ersten Time-Sharing-Computerterminals bot. Danach gefragt, wie viele seiner Altersgenossen damals eine solche Möglichkeit gehabt hätten, meinte Gates: »Wenn es weltweit 50 waren, würde mich das sehr wundern. Ich hatte als Jugendlicher einen besseren Zugang zur Softwareentwicklung als wohl jeder andere zu dieser Zeit.«

Ein zweites Beispiel ist der US-Schauspieler Al Pacino. Er verdankt seine sagenhafte Karriere vor allem dem Umstand, dass er eine Hauptrolle in dem Film »Der Pate« bekam – eine höchst willkürliche und unwahrscheinliche Besetzung, denn Al Pacino war zu diesem Zeitpunkt kaum bekannt. Der damals noch unerfahrene Regisseur Francis Ford Coppola wollte für die Rolle jemanden, der wie ein »echter Sizilianer« aussah, und wählte Al Pacino statt, wie es eigentlich üblich gewesen wäre und von den Studiobossen auch gefordert war, einen bekannteren Darsteller.

Mit fortschreitender Lektüre wird immer klarer: Erfolgreiche Menschen unterschätzen die Bedeutung günstiger Zufälle in ihrem Leben und messen der eigenen Leistung zu viel Gewicht bei. Viele wollen auch nicht zugeben, wie viel Glück sie tatsächlich hatten. Das fängt schon beim Elternhaus, dem Land und dem sozialen Umfeld an, in das man hineingeboren wird. In einem hoch entwickelten, funktionierenden Staat aufzuwachsen, als Kind geliebt und umsorgt zu werden, von den Möglichkeiten einer Mittelschichtfamilie zu profitieren, die richtigen Kontakte vermittelt zu bekommen – all das sind entscheidende Anfangsvorteile, die die Weichen für das gesamte restliche Leben stellen. Viele Kinder, die sich in solchem Milieu entfalten, sind von Anfang an auf der Erfolgsspur, weitgehend unabhängig davon, über welche Fähigkeiten sie verfügen. Wer dieses Glück nicht hat, dem bringt Können wenig bis gar nichts.

Es sei ein weit verbreiteter Trugschluss, dass ein gelingendes Leben vor allem harter Arbeit und Intelligenz zu verdanken sei, schreibt Frank. Sein Sachbuch ist kurzweilig zu lesen, interessant und lehrreich.

2/2018 (Juni/Juli)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2018 (Juni/Juli)

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