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Coronakrise: Die allsehenden Augen

Woher stammen eigentlich die vielen Satellitenbilder von den leeren Straßen in aller Welt während des Corona-Lockdowns? Das Video von Bloomberg Businessweek beschreibt den Stand der kommerziellen weltraumbasierten Erderkundung und erklärt, wie man die Fotos richtig analysiert.
Coronakrise: Die allsehenden Augen

Veröffentlicht am: 30.04.2020

Laufzeit: 0:10:53

Sprache: englisch

Stellen Sie sich eine Satellitenflotte vor, die einmal am Tag die gesamte Landfläche der Erde fotografiert, und zwar völlig routinemäßig. Stellen Sie sich weiter vor, dass jede Firma oder Privatperson diese Aufnahmen kaufen darf. Möchten Sie in einer solchen Welt leben? Zugegeben, die Frage ist etwas unfair, denn das oben skizzierte Szenario beschreibt, wie das Bloomberg-Video überzeugend belegt, bereits unsere Gegenwart. Der Titel des Videos, »What Earth Looks Like When Everything Stops«, ist etwas irreführend, denn den Autoren geht es nicht allein um die sichtbaren Spuren des Corona-Lockdowns. Wer sich im Internet umsieht, stolpert allerorten über Fotostrecken von Disney World (voller und leerer Parkplatz), Mekka (heilige Stätten mit und ohne Menschen) oder Wuhan (befahrene und leere Straßen). Das Video beleuchtet die Technologie hinter den Bildern und die Kunst der richtigen Auswertung von Satellitenfotos, die leider nicht jeder beherrscht.

Der Journalist Ashlee Vance, bekannt durch seine Elon-Musk-Biografie, interviewt in diesem Video die freiberufliche Satellitenbild-Analytikerin Allison Puccioni und Will Marshall, den Geschäftsführer und Mitgründer des Satellitenherstellers und -betreibers Planet Labs. Dieses Start-up aus Kalifornien unterhält nach eigenen Angaben eine Flotte von rund 150 Satelliten zur Erdbeobachtung. Die meisten davon sind sogenannte Cube Sats, Minisatelliten, kaum größer als drei Milchtüten. Sie tragen den Namen »Dove« (Taube) und bilden zusammen einen Schwarm (»Flock«). Ein Großteil von ihnen kreist in einer Umlaufbahn, die es ihnen möglich macht, immer den gleichen Winkel zur Sonne zu halten (sonnensynchrone Umlaufbahn). Sie überfliegen also jedes Gebiet der Erde zu einer festen Tageszeit. Damit werfen Gebäude oder Bäume an aufeinander folgenden Tagen ähnliche Schatten, was die Beurteilung deutlich vereinfacht. Bei Beginn des Corona-Lockdowns wollten Medien und Regierungen beispielsweise wissen, ob der Straßenverkehr tatsächlich nachließ. Das lässt sich nur beurteilen, wenn man die Fotos stets zur gleichen Uhrzeit aufnimmt – eine Spezialität von sonnensynchronen Satelliten. Die Cubesats von Planet Labs lösen etwa 3,7 Meter pro Pixel auf. Für viele Zwecke reicht das nicht aus, deshalb betreibt das Unternehmen auch die deutlich größeren Satelliten der SkySat-Serie, von denen bisher 18 (von 21) gestartet sind. Ihre Kameras liefern kleinere Bildausschnitte mit höherer Auflösung. Ein Pixel auf den Bildern entspricht etwa einem halben Meter am Boden. Doch die US-Unternehmen beherrschen den Markt nicht alleine. Die Pekinger Firma SpaceWill bietet als Exklusivdistributor die Bilder verschiedener chinesischer Erdbeobachtungssatelliten an.

Wer eine noch schärfere Bilder braucht, kann sich beispielsweise an die US-amerikanische Firma Maxar wenden. Ihre WorldView-Satelliten liefern Aufnahmen, bei denen ein Meter etwa drei Pixeln entspricht. Das reicht, um auf einem Parkplatz Kleinwagen von SUVs zu unterscheiden. Maxar bietet auch Radar und Infrarot-Aufnahmen der Erde zum Kauf an – in deutlich gröberer Rasterung allerdings – und hilft bei der Analyse der Daten. Die sehr viel teureren militärischen Aufklärungssatelliten kommen übrigens auf maximal sieben bis zehn Zentimeter pro Pixel. Damit lassen sich militärische Fahrzeuge und Waffensysteme gut unterscheiden. Eine Gesichtserkennung aus dem All, wie sie in manchen Spionagethrillern beschrieben wird, bleibt jedoch Sciencefiction.

Die Flut an kommerziell erhältlichen Satellitenfotos hat ganz neue Geschäftsideen möglich gemacht. Zum Beispiel kann Farbe oder Helligkeitsverteilung von Getreidefeldern anzeigen, ob eine gute oder schlechte Ernte zu erwarten ist oder das Feld eventuell bewässert werden muss. Ein Bauer kann zwar solche Bilder bestellen, aber er braucht einen Fachmann, um die Daten richtig auszuwerten. Die Firma EOS Data Analytics aus Menlo Park in Kalifornien hat das erkannt und bietet die Analyse von Weltraumfotos für die Landwirtschaft an. Fernsehsender und Internetportale kaufen bei Überschwemmungen, Großdemonstrationen oder eben bei Pandemie-Maßnahmen gerne hochauflösende Satellitenfotos ein. Aber natürlich möchten sie sich bei der Beurteilung nicht blamieren. Freiberufliche Bildauswerter, wie die im Video interviewte Allison Puccioni, helfen ihnen dabei, aus den Bildern die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Google Maps wirkt im Vergleich mit den neuen Diensten geradezu steinzeitlich. Die Bilder sind teilweise mehrere Jahre alt, Planet Labs erstellt dagegen jeden Tag neue Fotos der gesamten Landfläche. Auf Bestellung erhalten Kunden binnen Stunden hochauflösende Aufnahmen beliebiger Gebiete. Anders als bei Google Maps können Grundstückseigentümer keinen Einspruch einlegen.

Ashlee Vance gestaltet seine Interviews als freundliche Plauderei und stellt keine wirklich harten Fragen. Das mag man kritisieren, andererseits reden seine Gesprächspartner dann sehr viel entspannter. Beide heben die Bedeutung der Satellitenüberwachung für das Wohl der Menschheit hervor. Will Marshall sieht die Satellitenbilder seiner Firma als sehr wichtig für das Erkennen von Umweltveränderungen im Zuge des Klimawandels an, oder für die Überwachung von Naturkatastrophen. Allison Puccioni versteht die vielen Fotos unter anderem als Lackmustest für die Aussagen von Regierungen. Die täglichen Satellitenbilder ließen weniger Raum für Lügen, meint sie. Sie erläutert auch, wie schnell sich der Markt entwickelt hat. Zu Beginn der 2010er Jahre habe es vielleicht fünf kommerzielle Satelliten mit hoher Bildauflösung gegeben. Jetzt seien es schon 36 bis 37.

Und es werden ständig mehr. Am 13. Juni 2020 brachte SpaceX drei SkySat-Satelliten für Planet Labs in eine Umlaufbahn. Maxar und Planet Labs haben für Juli noch weitere Starts gebucht. An jedem wolkenfreien Tag wird unsere Stadt, unsere Straße, unser Haus aus dem Weltall fotografiert. Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Und damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende: Einige Start-Ups planen bereits, ständig hochauflösende Videos aus dem All auf die Erde zu streamen.

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