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Gewalt: Führen schärfere Waffengesetze zu weniger Gewalt?

Wer nicht so leicht an Waffen kommt, läuft auch seltener Amok oder erschießt Menschen. Das bestätigen eine Reihe von internationalen Untersuchungen.
Waffe mit beiden Händen gehaltenLaden...

In regelmäßigen Abständen beobachten wir das immer gleiche Schauspiel: Ein Amoklauf erschüttert die USA, das ganze Land debattiert über schärfere Waffengesetze, und es passiert … nichts. Allerdings sind Debatten über die Notwendigkeit, den privaten Waffenbesitz zu reglementieren, kein rein amerikanisches Phänomen. Und anderswo blieb der Gesetzgeber auch nicht untätig. So wurde das Waffenrecht in Deutschland nach den Amokläufen von Erfurt 2002 und Winnenden 2009 durchaus verschärft. Doch kann man damit tatsächlich die Gewalt eindämmen?

Ein Großteil der Studien, die sich dieser Frage annahmen, antwortet mit einem Ja. Staaten, in denen der legale Zugang zu Schusswaffen erschwert ist, weisen deutlich geringere Mord- und Suizidraten auf als solche, in denen sich die Bürger leichter bewaffnen können. In Japan etwa sind Schusswaffen in privater Hand faktisch verboten, die Zahl der mit ihnen verübten Morde pro Jahr wird dort kaum je zweistellig. In den USA dagegen kamen im Jahr 2017 exakt 14 542 Menschen durch Kugeln ums Leben. So eindeutig die Korrelation zwischen der Verfügbarkeit von Schusswaffen und öffentlicher Waffengewalt ist, sie belegt nicht zwangsläufig die Effektivität von Waffengesetzen. Schließlich können die Unterschiede auch kulturell begründet sein. Da hilft nur ein genauerer Blick auf einige beispielhafte Staaten.

In Australien wurde das Waffenrecht nach dem Amoklauf von Port Arthur 1996 verschärft, ergänzt durch ein Rückkaufprogramm für in Umlauf befindliche Waffen. In der Folge sank sowohl die Mord- als auch die Suizidrate drastisch. Selbst in Hinsicht auf Amokläufe scheint die Verschärfung effektiv gewesen zu sein: In den 18 Jahren vor dem Amoklauf in Port Arthur hatte es 13 vergleichbare Taten im Land gegeben, in den 23 Jahren seither keine einzige.

Vergleichbare Effekte wiesen Kriminologen für die Waffenrechtsverschärfung in Österreich nach. Und Zahlen aus einzelnen US-Bundesstaaten lieferten ebenfalls klare Hinweise darauf, dass schärfere Waffengesetze wirken. Angesichts dieser Befunde gilt die aktuell in Brasilien vorangetriebene Lockerung des Waffenrechts vielen als brandgefährlich, zumal das Gewaltniveau in diesem Land ohnehin hoch ist.

Das oft vorgetragene Argument, Menschen würden einfach zu anderen Gewaltmitteln greifen, wenn Schusswaffen schwer verfügbar seien, greift aus zwei Gründen zu kurz: Erstens ist für die meisten Menschen die Hemmschwelle, eine Schusswaffe zu gebrauchen, wesentlich niedriger als beispielsweise die, mit einem Messer zuzustechen. Jemanden zu erschießen, ist eben weit unpersönlicher als ein Angriff mit Körperkontakt. Und zweitens sind Schusswaffen schlicht viel tödlicher als andere Waffen. Es ist kaum vorstellbar, dass ein mit einem Messer verübter Amoklauf ähnlich viele Opfer fordern könnte wie eine Bluttat mit dem Sturmgewehr. Zudem muss man berücksichtigen, dass Straftaten im Affekt durch einen guten Zugang zu Schusswaffen deutlich erleichtert werden. Das gilt nicht zuletzt auch für Suizide. Deren Wahrscheinlichkeit lässt sich vor allem durch verpflichtende Sicherheitsvorrichtungen zur Aufbewahrung von Gewehren und Pistolen senken.

Die Hemmschwelle zu schießen ist niedriger als die, zuzustechen

Bei all diesen Befunden der Forschung sollte man jedoch eines nicht vergessen: Entscheidend dafür, ob Gesetze im Allgemeinen und Waffengesetze im Besonderen wirken, ist die Qualität ihrer Umsetzung. Das schärfste Waffengesetz ist nutzlos, wenn seine Einhaltung nicht konsequent verfolgt und Zuwiderhandeln nicht bestraft wird. Deshalb stellt die zunehmende Ausbreitung des illegalen Waffenhandels im »Darknet« viele Staaten und ihre Strafverfolgungsbehörden vor große Herausforderungen.

6/2020 (November/Dezember)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 6/2020 (November/Dezember)

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  • Quellen

Chapman, S. et al.: Fatal firearm incidents before and after Australia’s 1996 National Firearms Agreement banning semiautomatic rifles. Annals of Internal Medicine 169, 2018

Hurka, S., Knill, C.: Does regulation matter? A cross-national analysis of the impact of gun policies on homicide and suicide rates. Regulation & Governance 10.1111/rego.12235, 2018

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