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Hirnforschung: Gibt es ein fotografisches Gedächtnis?

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Menschen mit herausragenden kognitiven Fähigkeiten faszinieren uns. Dazu zählen Kopfrechengenies ebenso wie Erinnerungskünstler. Ein Beispiel für solch ein außergewöhnliches Talent ist das fotografische Gedächtnis, das längst Einzug in die Popkultur gehalten hat. Aber was ist dran an Berichten über Personen, die sich mit nur einem Blick unzählige Details einprägen können? Gibt es sie wirklich, oder sind sie bloß eine Erfindung Hollywoods?

Das fotografische Gedächtnis wird in der Fachsprache als eidetisches Gedächtnis bezeichnet, vom altgriechischen Wort »eidos« für Gestalt. Gemeint ist damit die Fähigkeit, visuelle Information nach kurzem Betrachten über lange Zeit bildhaft abrufen zu können, so dass sich die darin enthaltenden Informationen wie von einem Foto ablesen oder nachzeichnen lassen. Im Internet stößt man schnell auf Eidetiker wie den Künstler Steven Wiltshire, der es fertiggebracht haben soll, nach einem kurzen Rundflug über Rom ein detailliertes Panorama der italienischen Hauptstadt aus dem Gedächtnis zu zeichnen.

Doch solche Anekdoten über vermeintlich spektakuläre Gedächtnisleistungen sind nicht besonders stichhaltig. Die Randbedingungen und die Dauer der Merkphase wurden weder experimentell kontrolliert noch hat sich jemand die Mühe gemacht, diese wenigstens zu dokumentieren. Außerdem stützen sich die Berichte über die bildhafte Natur der Erinnerung lediglich auf Zeugnisse der Begabten selbst und nicht auf gedächtnispsychologische oder neurokognitive Messverfahren. Aussagekräftige Experimente mit mutmaßlichen Eidetikern sucht man bislang vergeblich.

Zwar gibt es Hinweise darauf, dass Kinder bessere mentale Schnappschüsse machen als Erwachsene, doch auch hier sind die experimentellen Belege dürftig. Die Unterschiede scheinen eher gradueller Natur zu sein, und Nachweise perfekter Langzeitgedächtnisleistungen nach kurzem Betrachten eines Bilds fehlen auch bei den Kleinen. Es ist nicht auszuschließen, dass vermeintlich eidetische Fähigkeiten in Wahrheit auf Training mit wirksamen Merkstrategien beruhen. Dazu gehört die Loci-Methode, bei der man das Einzuprägende gedanklich mit Orten auf einem vertrauten Weg verknüpft.

Durch Kombination verschiedener solcher Maßnahmen, mit denen sich das Erinnerungsvermögen substanziell verbessern lässt, können durchaus Kunststücke gelingen, die eidetischen Gedächtnisleistungen ähneln. Das ändert nichts an ihrer Faszination, macht allerdings deutlich, dass herausragende Leistungen Einzelner die Gesetzmäßigkeiten des Gedächtnisses nicht aushebeln, sondern – im Gegenteil – gerade auf ihnen beruhen können.

Ist das fotografische Gedächtnis also reine Fiktion? Nicht unbedingt, denn für sehr kurze Zeit können sich Bilder tatsächlich mental »einbrennen«. Das ist allerdings keine individuelle Begabung; jeder Mensch besitzt dieses so genannte ikonische Gedächtnis. Der US-amerikanische Psychologe George Sperling konnte schon 1960 nachweisen, dass wir ein Nachbild des zuletzt betrachteten Fixationsorts für wenige Sekunden speichern. Er zeigte Probanden zunächst für 50 Millisekunden eine Matrix aus drei Zeilen mit je vier Buchstaben, die sie anschließend wiedergeben sollten. Normalerweise erinnern sich Menschen unter diesen Bedingungen an vier oder fünf der zwölf Buchstaben. Erklingt jedoch nach dem Erlöschen der Buchstabenmatrix ein hoher, mittelhoher oder tiefer Ton, der anzeigt, ob die erste, zweite oder dritte Zeile wiederzugeben ist, fallen Versuchspersonen im Schnitt fast alle Buchstaben der betreffenden Zeile ein.

Diese Verbesserung kann nur auf einem »Gedächtnisnachbild« beruhen, denn die Matrix war ja zum Zeitpunkt, als der Ton erklang, schon verschwunden. Durch Variation des Zeitintervalls zwischen dem Erlöschen der Matrix und der Darbietung des Tons konnte Sperling auch die Dauer des Nachbilds bestimmen: Es hielt bis zu vier Sekunden lang an.

Wer sich etwas bildhaft vorstellt, behält es meist besser, wie der kanadische Psychologe Allan Paivio herausfand. Imagination führt jedoch nicht zu eidetischen Erinnerungsbildern und garantiert auch keinen perfekten Abruf. Das langfristige fotografische Gedächtnis im Sinn einer individuellen Begabung, sich Dinge auf einen Blick zu merken, ist also eher ein Mythos.

3/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 3/2018

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  • Quellen

QUELLE

Sperling, G.: The Information Available in Brief Visual Presentations. In: Psychological Monographs 74, S. 1–29, 1960

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