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Warkus' Welt: Es ist Zeit, sich zurückzuhalten

Der Philosoph Johannes von Salisbury hatte schon im Mittelalter genaue Vorstellungen davon, wie gute Kommunikation aussieht. Seine Ansichten werden in der Krise aktueller denn je, meint unser Kolumnist Matthias Warkus.
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Wenn sich viele Menschen in einem verhältnismäßig kleinen Raum aufhalten (ein klassisches Beispiel hierfür ist ein voller Landgasthof am Wochenende), kommt es oft zu folgendem Phänomen: Mit der Zeit wird es immer lauter. Wenn man sich mit dem Nebenmann oder der Nebenfrau unterhalten will, muss man den Hintergrundlärm so weit übertönen, dass man verstanden wird. Aber die Gespräche anderer Leute sind natürlich auch Hintergrundlärm. Finden zufällig einmal ein paar lautere Gespräche zur gleichen Zeit statt, müssen alle Beteiligten ihre Stimme erheben, dadurch wird es insgesamt lauter, und die anderen müssen dann auch lauter sprechen. Am Ende reden alle unangenehm laut, und irgendwann fühlt es sich an, als würde einem der Kopf platzen. Man möchte schreien: »Seid doch alle einmal gleichzeitig leise!« – einfach, damit man sich wieder in Zimmerlautstärke unterhalten kann.

Was können die Menschen im Landgasthof tun, um den Anstieg der Lautstärke zu vermeiden? Einfach leiser sprechen funktioniert nicht, denn man will ja auch selbst verstanden werden. Letztlich läuft es auf etwas hinaus, was man zum Beispiel bei großen Familienfesten oder Betriebsausflügen gar nicht so selten erlebt: Wenn es gerade besonders anstrengend ist, verzichtet man darauf, selbst noch dazwischenzubrüllen, und winkt ab: »Ach, ist nicht so wichtig, reden wir nachher drüber.« Wenn genügend Leute so handeln, wird es tatsächlich wieder leiser. Das ist selten, aber es kommt vor.

Ein gelungenes Gespräch setzt voraus, dass nicht alle gleichzeitig brüllen. Das funktioniert natürlich nur, wenn entweder hinreichend wenige Personen etwas zu sagen haben oder wenn die, die etwas zu sagen haben, sich zurückhalten und genau urteilen, wann es sinnvoll ist, etwas zu sagen. Dazu gehört es auch, zu erkennen, auf welche Äußerungen anderer man am besten gar nicht reagiert.

Ein gelungenes Gespräch setzt voraus, dass nicht alle gleichzeitig brüllen

Zurückhaltung dieser Art ist ein Aspekt der Mäßigung oder Bescheidenheit (»moderatio« beziehungsweise »modestia«), ein Kernthema zum Beispiel in der mittelalterlichen Philosophie von Johannes von Salisbury (etwa 1117–1180). Antike Vorstellungen davon, dass das Gute stets in der Mitte zwischen den Extremen zu finden ist, treffen bei ihm mit christlichen Demutsvorstellungen zusammen. Er erklärt recht konkret, wie man diese Zurückhaltung praktisch verwirklicht: So soll man beispielsweise beim Sprechen die eigenen Behauptungen stets so einordnen, dass sie nicht missverstanden werden können und man sich hinterher keine Falschaussage vorwerfen lassen muss. Menschen, die moralisch verachtenswürdige Meinungen äußern, soll man einfach ignorieren, denn man wird sie ja so oder so nicht umstimmen, und letztlich verschwendet man damit nur die eigene Zeit und geistige Energie. Ungezügeltes Debattieren über beliebige Themen ohne Rücksicht auf den konkreten Bezug und den Nutzen des Ganzen, wie es in Johannes von Salisburys Umfeld im 12. Jahrhundert anscheinend sehr beliebt war, schadet ihm zufolge dem Charakter. Auch wenn es in der Praxis sicher kaum vorkommen wird, vermute ich doch, dass es in einem Saal, in dem alle versuchen, sich auf diese Weise zurückzuhalten, nicht besonders laut wird.

Kommunikation in Zeiten der Corona-Krise

Nun treffen sich in Deutschland seit einer Weile (hoffentlich) gar keine großen Gruppen in verhältnismäßig kleinen Räumen mehr, und keiner fährt mehr am Wochenende zu einem Ausflugslokal, denn das Coronavirus Sars-CoV-2 hat uns fest im Griff. Aber der Lärm im Landgasthof kann durchaus als Analogie für menschliche Kommunikation ganz allgemein dienen. Ob in einer globalisierten Medienlandschaft oder im Nebenzimmer »Zur alten Post«: Je mehr und je »lauter« die Botschaften werden, die eine Einzelperson durch ein bestimmtes Übertragungsmedium erreichen, desto anstrengender und schwieriger wird es, mit ihnen umzugehen.

Daran ist nichts spezifisch für die aktuelle Krise. In einer liberalen Gesellschaft wie unserer tauchen wir ständig in verschiedene Medien mit unterschiedlichem »Geräuschpegel« ein. Doch in Zeiten der Pandemie scheint unser Sinn für die Tugend der Zurückhaltung geschärft. Anders wäre nicht zu erklären, dass zum Beispiel der medial zum Thema sehr präsente Virologe Christian Drosten mit Lob dafür überschüttet wird, dass er eine einordnende Sprechhaltung pflegt und offen anspricht, was er nicht weiß. An anderer Stelle ist von Zurückhaltung wenig zu bemerken, wenn beispielsweise Leiter von Politikberatungsagenturen oder Vizepräsidenten von Silicon-Valley-Unternehmen sich nicht bloß fachfremd äußern, sondern noch wesentlich bestimmter und mit weniger eingestandener Unsicherheit sprechen als Epidemiologen; oder wenn zu einem Zeitpunkt, da die Krise gerade erst begonnen hat, Journalisten und Marketingforscher reihenweise lange und selbstsichere Denkstücke über »die Welt nach Corona« produzieren.

So oder so: Der mittelalterliche philosophische Rat, möglichst nicht so zu reden, dass es falsch oder überzogen interpretiert werden kann, und Unsinn aus Selbstschutz unkommentiert zu lassen, scheint aktueller denn je. Soll man es tröstlich finden, dass die Menschen sich so wenig ändern? Soll man darüber resignieren? Das weiß ich leider auch nicht. Aber der Rat ist da, für alle, die auf ihn hören wollen, seit mehr als 800 Jahren.

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