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Warkus' Welt: In der Zwickmühle

Würden Sie einen Menschen sterben lassen, um fünf andere zu retten? Das Dilemma, das hinter solchen Gedankenexperimenten steckt, geht weit über die Suche nach der richtigen Antwort hinaus.
Mann muss sich zwischen drei Türen entscheiden

Marilyn muss sterben, damit die Kolonisten leben können. Das ist die Moral der berühmten Sciencefiction-Kurzgeschichte »The Cold Equations« von Tom Godwin aus dem Jahr 1954. Darin versteckt sich ein Mädchen als blinder Passagier an Bord eines Notfallraumschiffs, das Medikamente transportiert. Doch der Treibstoffvorrat ist so knapp bemessen, dass bereits die Masse einer einzelnen nicht eingerechneten Person die Mission gefährdet. Entweder Marilyn geht durch die Luftschleuse – oder sechs Teilnehmer einer Forschungsexpedition auf einem fernen Planeten, die sehnsüchtig auf die Behandlung einer gefährlichen Seuche warten, werden sterben müssen.

Geschichten, die ihren Protagonisten diese Art von Entscheidung abverlangen, gibt es viele. Sie werden nicht nur in der Literatur, im Film und im Fernsehen erzählt, sondern begegnen uns auch als Gedankenexperimente in der Ethik beziehungsweise der Moralphilosophie. Vielleicht haben Sie schon einmal vom so genannten Trolley-Problem gehört, das zum ersten Mal 1967 von der Philosophin Philippa Foot formuliert wurde. In der ursprünglichen Fassung sitzt jemand am Steuer einer nicht mehr abzubremsenden Straßenbahn, die auf eine Weiche zusteuert. Auf den beiden von der Weiche wegführenden Gleissträngen arbeiten Menschen – einer auf einer Seite, fünf auf der anderen. Bei Straßenbahnen können vorausliegende Weichen (anders als bei der Eisenbahn) normalerweise vom Führerstand aus gestellt werden. Die Frage ist also: Soll der Fahrer oder die Fahrerin die Weiche umstellen oder nicht?

Warum stellt jemand so viele Überlegungen zu einem Vorfall an, der in jedem Straßenbahnbetrieb extrem unrealistisch wäre?

In einem anderen Gedankenexperiment, dem »Tunnelproblem«, steuert ein autonom fahrendes Auto auf einer schmalen Gebirgsstraße auf einen Tunnel in einer Felswand zu. Kurz vor Erreichen des Tunnels springt ein Kind auf die Straße, so dass der Computer, der das Auto steuert, nur die Wahl hat, entweder den Tod des Kindes oder den des Fahrzeuginsassen zu verursachen.

Probleme dieser Art werden in der Philosophie und verschiedenen anderen angrenzenden Fächern seit Längerem intensiv diskutiert. Die Frage ist: Was können wir aus ihnen lernen? Ein Standpunkt, den man vertreten kann, ist folgender: Die Antworten einer großen Anzahl von Personen auf Fragen wie »Soll der Wagen dem Kind ausweichen?«, »Soll die Weiche auf das Gleis mit nur einem Arbeiter umgestellt werden?« oder »Soll Marilyn sterben?« verraten uns etwas darüber, welches moralische Bauchgefühl Menschen haben. Nach einer weit verbreiteten, aber nicht unumstrittenen Ansicht muss Moralphilosophie Regeln und Theorien produzieren, die mit dieser Intuition übereinstimmen. Das hieße zum Beispiel auch, dass sich Ethikerinnen und Ethiker mit der Vorstellung anfreunden müssten, dass Menschenleben sich gegeneinander aufwiegen ließen und es in Ordnung wäre, andere zu töten, wenn es eine sehr gute Begründung dafür gibt. Jeder Appell, solche Probleme nicht anzufassen, wäre sozusagen ein Aufruf dazu, die Augen vor der Lebensrealität zu verschließen.

Eine Frage der Formulierung

Man kann aber auch der Ansicht sein, dass gerade die menschliche Intuition etwas so Trügerisches ist, dass man auf ihr keine Theorie aufbauen sollte und schon gar keine Ethik. Vielleicht sollte Erziehung darauf hinwirken, dass sich Menschen unter keinen Umständen an der Tötung anderer beteiligen, und sei es um den Preis des eigenen Verderbens – und den des Verderbens vieler anderer. Oder zumindest könnte man anerkennen, dass unser moralisches Bauchgefühl den verschiedensten Einflüssen unterworfen ist – und zum Beispiel abhängig davon ist, wie man die Fragen formuliert, mit denen man es zu erkunden versucht.

Ich bin kein Ethiker und möchte hier nicht energisch für eine dieser beiden Seiten – oder eine der vielen anderen Möglichkeiten, sich zu solchen moralischen Gedankenexperimenten zu verhalten – plädieren. Mir geht es um etwas anderes: Warum schreibt überhaupt jemand eine Sciencefiction-Geschichte, in der er mit erheblichem Aufwand ein Szenario kreiert, in dem ein älterer, naturwissenschaftlich gebildeter Mann nur zum Helden und Lebensretter für sechs Menschen werden kann, indem er ein junges, naives Mädchen tötet? Warum stellt jemand so viele Überlegungen zu einem Vorfall an, der in jedem Straßenbahnbetrieb extrem unrealistisch wäre? Warum denkt sich jemand ein Gedankenexperiment mit autonomen Autos aus, denen es möglich ist, mit hoher Geschwindigkeit an einer Stelle vorbeizufahren, an der ein Kind auf die Fahrbahn springen könnte? Man könnte ja zum Beispiel auch einfach alle autonomen Autos so bauen, dass sie an unübersichtlichen Stellen sehr langsam fahren.

Wer sich solche Szenarien ausdenkt, verleitet andere dazu, sie hinzunehmen, ohne sie zu hinterfragen. Wenn uns jemand hypothetische ethische Ja-nein-Fragen stellt (wie im viel diskutierten »Zeit«-Artikel »Oder soll man es lassen?«), sollten wir uns immer überlegen, was eigentlich der Hintergrund ist, der durch die Fragestellung aufgebaut wird. Welchen Voraussetzungen stimmen wir dadurch zu, dass wir überhaupt antworten?

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