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Freistetters Formelwelt: Mit Mathematik gegen Verschwörungstheorien

Die Mondlandung hat in Wahrheit gar nicht stattgefunden. Der menschengemachte Klimawandel existiert nicht und ist nur Propaganda der Klimawissenschaft. Impfungen sind schädlich für die Menschen, und diese Wahrheit wird von Medizinern und der Pharmaindustrie vertuscht. Die Erde ist eine Scheibe, und Astronomen und Raumfahrtagenturen belügen die Menschheit seit Jahrhunderten. Die Welt ist voll mit Verschwörungstheorien – aber folgt man der Mathematik, könnte keine Verschwörung lange geheim bleiben.
Mondlandung

Wer das zweifelhafte Vergnügen einer ausführlichen Diskussion mit Anhängern einer Verschwörungstheorie hat, wird mit einer regelrechten Lawine von angeblichen »Beweisen« konfrontiert. Diejenigen, die an der Realität der Mondlandung zweifeln, präsentieren Bilder, auf denen »falsche« Schattenwürfe zu sehen sind, oder Staub, der sich angeblich nicht so bewegt, wie er es tun sollte. Man kann mit diesen Leuten stundenlang über Details auf Aufnahmen von Mondgestein diskutieren oder über die Art und Weise, wie sich eine Fahne im Vakuum bewegt.

Dabei gerät die eigentlich interessante Frage in den Hintergrund: Wie um Himmels willen kann man so eine gewaltige und umfassende Täuschung über einen so langen Zeitraum hinweg geheim halten? Wenn die NASA im Jahr 1969 die Landung auf dem Mond tatsächlich nur vorgetäuscht hat: Wie hat man es geschafft, all die dafür nötigen Mitarbeiter, Schauspieler und restlichen Konspiratoren zu dauerhafter Geheimhaltung zu zwingen? In den 50 Jahren, die seitdem vergangen sind, hätte doch sicherlich der eine oder die andere mal etwas ausgeplaudert?

Die Frage der Geheimhaltung stellt sich bei jeder Verschwörungstheorie, und David Robert Grimes von der University of Oxford hat sie im Jahr 2016 auch mathematisch untersucht. Dazu hat er eine Formel aufgestellt, mit der man die Wahrscheinlichkeit beschreiben kann, dass irgendwer das große Geheimnis doch ausplappert:

Formel von Grimes gegen Verschwörungstheorien
Formel von Grimes

Die Wahrscheinlichkeit L hängt logischerweise stark von der vergangenen Zeit t ab; darüber hinaus auch von der zu jedem beliebigen Zeitpunkt eingeweihten Menge an Menschen N(t) und der Wahrscheinlichkeit, dass eine Person das Geheimnis verrät (1-ψ).

Der Wert, auf den es in dieser Formel ankommt, ist die Funktion N(t). Wie viele Leute sind von Anfang an in die Verschwörung eingeweiht? Je größer diese Zahl, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand doch schwach wird und an die Öffentlichkeit geht. Bei einer angeblichen Verschwörung wie der vorgetäuschten Mondlandung wird die Zahl mit der Zeit geringer werden. Nachdem die Täuschung einmal stattgefunden hat, braucht es keine neuen Verschwörer mehr, und alle, die eingeweiht sind, sterben irgendwann. Geht es aber darum, die Menschen davon zu überzeugen, dass die Erde nur eine Scheibe oder der menschengemachte Klimawandel nicht real ist, dann müssen immer wieder neue Menschen zu Mitverschwörern gemacht werden, da ja auch immer wieder neue Menschen anfangen, Astronomie oder Klimawissenschaft zu studieren.

Grimes hat entsprechende Modelle für verschiedene Verschwörungstheorien ausprobiert und kommt in seiner Arbeit zu dem Schluss, dass eine vorgetäuschte Mondlandung keine vier Jahre lang geheim gehalten werden könnte. Ein wenig besser hätten es Klimawissenschaftler, die einen menschengemachten Klimawandel erfinden: Sie kämen damit maximal 27 Jahre lang durch; es sei denn, es wären nicht nur die Wissenschaftler selbst, sondern auch die diversen wissenschaftlichen Behörden und Organisationen involviert. Dann wäre schon nach drei Jahren und acht Monaten Schluss mit der Geheimhaltung. Und die »Wahrheit« über die Schädlichkeit von Impfungen könnte man kaum drei Jahre lang geheim halten.

Die Formel von Grimes drückt das mathematisch aus, was eigentlich dem gesunden Menschenverstand entspricht: Wenn zu viele Leute Bescheid wissen, lässt sich eine Verschwörung nicht geheim halten. Es sei denn natürlich, die Mathematiker stecken auch ganz tief in der Sache mit drin!

22/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22/2018

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