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Storks Spezialfutter: Die EU, die Axt im Walde

Holz als Energieträger zu verfeuern, gilt als nachhaltig. Ist es aber nicht. Und die EU hat es jetzt verpasst, dazu eine klare Entscheidung zu treffen, findet unser Kolumnist.
Gerodeter Wald in Deutschland.
Gerodete Bäume liegen entlang eines Waldwegs. Holz ist zwar eine nachwachsende Ressource, doch seine industriemäßige Verbrennung erhöht den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid.

Dem Wald im Amazonas ging es noch nie so schlecht wie heute. Seit Jahren werden dort immer mehr Flächen verkauft, abgebrannt und gerodet, um Platz für Sojaplantagen und Rinderweiden zu schaffen. Dabei galt der Amazonas doch einmal als grüne Lunge der Welt, weil er Unmengen an Sauerstoff produziert und Milliarden Tonnen klimaschädliches CO2 bindet. Heute hat die Lunge mindestens eine schwere Entzündung, eher sogar Krebs in einem fortgeschrittenen Stadium.

Man mag jetzt denken – alles weit weg. Aber nicht wirklich. Denn auch hier zu Lande hat der Wald eine wichtige Funktion als Sauerstoffproduzent und CO2-Senke. Und auch hier ist der Wald in einem beklagenswerten Zustand: In den Sommerferien bin ich einmal quer durch die Republik gefahren. Dabei sind mir immer wieder Gruppen winterkahler Laubbäume und Nadelhölzer mit abgestorbenen braunen Ästen aufgefallen. Es sind die Folgen der anhaltenden Dürre. Mit Ausnahme von 2021 waren alle Jahre seit 2018 überdurchschnittlich trocken. Weil der Klimawandel in vollem Gange ist, wird sich in Zukunft daran wenig ändern.

Der Welt steht ein Umbruch bevor – ob die Menschheit will oder nicht: Landwirtschaft, Verkehr und Energiegewinnung müssen nachhaltig und fit für den Klimawandel werden, gleichzeitig gilt es, eine wachsende Weltbevölkerung mit wachsenden Ansprüchen zu versorgen. Was bedeutet das für uns und unsere Gesellschaft? Und was für die Umwelt und die Lebewesen darin?
In »Storks Spezialfutter« geht der Umweltjournalist Ralf Stork diesen Fragen einmal im Monat auf den Grund.

Wenn man den Wald so sieht, wünscht man ihm dringend eine Verschnaufpause – die wird es aber sicher nicht geben. Dem Wald macht nämlich nicht nur die Dürre zu schaffen, sondern ein ganzes Bündel wirtschaftlicher Interessen, die die Gefahr einer Übernutzung mit sich bringen.

Vergangene Woche hat sich das EU-Parlament zweimal mit den Wäldern in Europa beschäftigt: Zum einen stimmten die Abgeordneten über die Erneuerbare-Energien-Richtlinie ab, kurz RED II. Dabei ging es auch um die Frage, ob Holzbiomasse weiterhin zu den erneuerbaren Energien zählt oder nicht. Zum anderen wurde die so genannte EU-Waldstrategie 2030 verabschiedet: Die EU will, dass Wälder künftig eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen. Der Plan: Es soll mehr gesunden Wald geben. Dazu sollen Bäume gepflanzt und naturnähere Waldstrukturen gebildet werden. Man will also weg von der Monokultur hin zu einem Wald, in dem Raum für verschiedene, unterschiedlich alte Baumarten ist.

Die EU fördert die Energiegewinnung aus Holz

Dieses ehrenwerte Ziel beißt sich allerdings mit der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie: Bisher galt Holz als erneuerbare Energie. Und auch nach dem aktuellen Beschluss des EU-Parlaments wird sich daran wenig ändern. »In Deutschland ist es zum Beispiel so, dass der Einbau neuer Holzpelletbrenner gefördert werden kann«, sagt Sven Selbert, Referent für Waldpolitik beim Naturschutzbund (Nabu). »Auf EU-Ebene werden Großfeuerungsanlagen vom europäischen Emissionshandel befreit, wenn sie in großem Stil Holz verbrennen. Holz wird in der EU bereits in ganz großem Stil in Kohlekraftwerken zugefeuert, um die CO2-Abgabelast zu drücken.«

Es gibt also Zuschüsse von der EU, wenn viel Holz zur Strom- und Wärmeerzeugung verbrannt wird. Das ist jedoch nicht besonders nachhaltig. Darauf hatten schon vor einem Jahr hunderte renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in einem offenen Brief hingewiesen. Bäume, die gefällt und für Bioenergie eingesetzt werden, produzieren nämlich ebenfalls Kohlenstoffdioxid. Und frisch gepflanzte Bäume brauchen Zeit zum Nachwachsen – sie können das zusätzliche CO2 nicht so schnell aufnehmen, wie es nötig wäre, um den Klimawandel einzudämmen. »Wie zahlreiche Studien gezeigt haben, wird diese Verbrennung von Holz die Erwärmung über Jahrzehnte bis Jahrhunderte verstärken«, heißt es in dem offenen Brief. Zudem werden viele Holzpellets nicht bloß aus Holzresten hergestellt, sondern dafür werden auch alte, naturnahe Wälder, teilweise in Nationalparks abgeholzt.

Die Wissenschaftler und ebenso die Umweltverbände hatten die Hoffnung, dass das Parlament die Verstromung von Holz umgehend stoppen würde. Diese Hoffnung hat sich jetzt zerschlagen: »In der Erneuerbaren-Energien-Richtlinie, die vom Parlament verabschiedet worden ist, wird zwar festgelegt, dass Holz nicht zu den erneuerbaren Energien gehört. Allerdings gibt es so viele Schlupflöcher, dass eine EU-Förderung von Holzbiomasse fast im gleichen Umfang wie bisher möglich bleibt«, sagt Selbert.

Der Teufelskreis aus Schadholz und Klimawandel

Zunächst einmal können die EU-Länder die durchschnittliche Menge Holz, die sie in den Jahren 2017 bis 2022 energetisch genutzt haben, auch weiterhin als »erneuerbar« deklarieren und verfeuern. Nach und nach sollen sie diese Menge zwar verringern. »Wie, bis wann und in welchem Umfang ist aber noch völlig offen«, erklärt Selbert.

Außerdem wird Schadholz, das bei Dürre- oder Sturmschäden oder durch Schädlingsbefall angefallen ist, nicht als Holzbiomasse kategorisiert. In Deutschland hat es in den vergangenen Jahren über die Hälfte der Gesamtmenge an geerntetem Holz ausgemacht. Und es darf weiterhin zu den fördergünstigen Bedingungen der erneuerbaren Energien verheizt werden. »Die Regelung erhöht fatalerweise noch den Anreiz, klimageschädigten Wald abzuräumen und das Holz zu verbrennen«, sagt Nabu-Referent Selbert. »Die Klimakrise produziert Schadholz, das Schadholz die Klimakrise, der Zirkel wird nicht durchbrochen.«

Der ohnehin schon geschwächte Wald wird sich so jedenfalls in den kommenden Jahren nicht erholen können. Es ist ganz ähnlich wie beim Amazonas: Wenn die wirtschaftlichen Interessen groß sind, bleiben Klima- und Artenschutz auf der Strecke.

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