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Ausbruch in Großbritannien: Affenpocken verbreiten sich weltweit

Weltweit sind mehr als 200 Menschen an Affenpocken erkrankt. Wie sie sich ansteckten, ist unklar. Die Häufung ist ungewöhnlich, aber Teil eines Besorgnis erregenden Trends. Die Krankheit scheint von einem regionalen Phänomen zu einer global relevanten Infektionskrankheit zu werden.
Reife (links) und heranreifende Affenpockenviren

Dutzende Fälle von Affenpocken bei Menschen sind in Großbritannien und rund 20 anderen Ländern identifiziert worden. Damit steigt die Zahl der nachgewiesenen und mutmaßlichen Infizierten außerhalb von Afrika auf 237. Die bisherigen Indizien legten nahe, dass es eine bislang unbekannte Übertragung innerhalb der Bevölkerung gebe, berichtet die UK Health Security Agency (UKHSA), die für Gesundheitsschutz und Infektionskrankheiten zuständige Behörde. Außerhalb von Afrika gab es das bisher nicht. Die Affenpocken stammen vermutlich aus Nagetieren in Zentral- und Westafrika und springen immer wieder auf Menschen über. Fälle außerhalb von Afrika sind selten und gingen bislang auf infizierte Reisende oder importierte Tiere zurück.

Der erste Fall wurde am 7. Mai 2022 bekannt, eine aus Nigeria nach Großbritannien eingereiste Person war an Affenpocken erkrankt. Eine Woche später meldeten die Behörden zwei weitere Fälle in London, die nicht mit dem ersten Fall zusammenhingen. Die vier nun identifizierten Erkrankten hatten ebenfalls keinen bekannten Kontakt zu den drei vorherigen Fällen. Das spricht für unbekannte Infektionsketten in der Bevölkerung.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation haben sich alle Betroffenen, bei denen das Erbgut des Virus bisher analysiert wurde mit der westafrikanischen Variante des Virus angesteckt. Sie verläuft deutlich milder als die Kongobecken-Variante, auf die sich die meisten veröffentlichten Daten zur Krankheitsschwere beziehen, und verschwindet bei den meisten Betroffenen ohne Behandlung wieder. Die Infektion beginnt mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Erschöpfung, nach einem bis vier Tagen entwickelt sich ein Ausschlag und die für Pocken typischen Bläschen und Pusteln, die verkrusten.

»Das ist eine Geschichte, die sich derzeit noch entwickelt« sagt Anne Rimoin, Professorin für Epidemiologie an der Fielding School of Public Health der University of California in Los Angeles. Sie hat viele Jahre lang Affenpocken in der Demokratischen Republik Kongo erforscht und stellt sich nun viele Fragen: an welchem Punkt des Krankheitsverlaufs sind die Infizierten Personen? Sind es wirklich neue Fälle oder ältere, die jetzt erst entdeckt wurden? Wie viele von ihnen gehen auf Kontakt mit infizierten Tieren zurück, wie viele auf Ansteckungen beim Menschen? Sind die Infizierten Personen gereist? Und gibt es Verbindungen zwischen den Fällen? »Ich denke, es ist zu früh, um definitive Aussagen zu machen«, sagt Rimoin.

Alle Infizierten haben eine milde Variante

Viele, aber keineswegs alle Infizierten sind Männer, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben. Die Fachleute vermuten, dass ein Teil der Übertragungen in dieser Gemeinschaft stattfinden, aber auch durch engen Kontakt zum Beispiel mit Familienmitgliedern oder medizinischem Personal.

Das Virus verbreitet sich durch Tröpfchen aus Nase und Mund, denn virushaltige Pusteln können auch in der Mundschleimhaut entstehen. Eine Verbreitung über Aerosole analog zu Menschenpocken gilt als zumindest theoretisch denkbar. Außerdem kann es sich durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten verbreiten, durch die Pustelflüssigkeit und Schorfkrusten sowie damit in Kontakt gekommene Gegenstände. Allerdings ist nach Ansicht der meisten Fachleute enger Kontakt für die Ansteckung erforderlich.

Die Häufung der Fälle sei selten und ungewöhnlich, sagt Susan Hopkins, Leitende medizinische Beraterin der UKHSA. Die Behörde verfolge derzeit die Kontakte der Infizierten nach. Während Daten aus der Demokratischen Republik Kongo eine effektive Reproduktionszahl von 0,3 bis 0,6 nahelegen, mehren sich die Indizien dafür, dass sich das Virus unter bestimmten Bedingungen dauerhaft unter Menschen verbreiten kann. Aus noch ungeklärten Gründen steigt die Zahl der Infektionen und Ausbrüche deutlich an, deswegen gelten die Affenpocken als potenzielle globale Gefahr.

Fachleute haben angesichts der sich noch entwickelnden Situation bisher nicht ausdrücklich vor verbreiteten internationalen Ausbrüchen gewarnt. »Ich bin gar nicht so sehr besorgt«, sagt Peter Hotez, Dekan der National School of Tropical Medicine am Baylor College of Medicine. Historische Ausbrüche gingen meist auf Übertragungen von Tieren auf Menschen zurück, und um sich von Mensch zu Mensch auszubreiten, ist enger oder intimer Kontakt nötig. »Es ist nicht annähernd so ansteckend wie Covid-19 zum Beispiel, und nicht mal so ansteckend wie Menschenpocken«, sagt Hotez.

Das größere Problem sei, dass das Virus von Tieren – vermutlich Nagern – übergesprungen ist, sagt er. »Wenn man sich einige unserer schwierigsten Bedrohungen durch Infektionskrankheiten ansieht – ob Ebola oder Nipah oder Coronaviren wie [die Erreger von] SARS und Covid-19, und jetzt die Affenpocken – dann sind das weit überwiegend Zoonosen, Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen wurden«, erklärt Hotez.

Welcher Anteil der Infizierten an Affenpocken stirbt, ist wegen der schlechten Datenlage unklar. Bekannte Risikogruppen sind Menschen mit Immunschwäche und Kinder, bei Schwangeren kann eine Infektion zu einer Fehlgeburt führen. Für die Kongobecken-Variante des Virus geben manche Quellen Sterblichkeiten von zehn Prozent und mehr an, neuere Erhebungen zeigen Fallsterblichkeiten von bis zu fünf Prozent. Dagegen überleben bei der westafrikanischen Variante fast alle Infizierten. Sogar beim größten Ausbruch, 2017 in Nigeria, starben lediglich wenige Menschen, vier davon mit geschwächtem Immunsystem.

Es gibt derzeit keine spezifischen Medikamente gegen die Affenpocken. Man behandelt die Symptome der Krankheit und verhindert zum Beispiel zusätzliche bakterielle Infektionen, die bei solchen Viruserkrankungen Probleme verursachen können. Sehr früh in der Erkrankung kann man den Verlauf abschwächen, indem man den Pockenimpfstoff oder ein von geimpften Personen gewonnenes Antikörperpräparat verabreicht. Daneben können auch antivirale Medikamente wie Cidofovir, Brincidofovir und Tecovirimat den Verlauf der Erkrankung dämpfen. Es gibt sogar einen Impfstoff, von dem Deutschland inzwischen laut Gesundheitsminister Karl Lauterbach »bis zu 40 000 Dosen« bestellt habe.

Die Affenpocken werden häufiger

Die Zahl der Fälle weltweit und die Hinweise auf eine anhaltende Übertragung zwischen Menschen außerhalb Afrikas ist das neueste Indiz, dass das Virus sein Verhalten ändert. Wie Analysen von Rimoin und ihrem Team zeigen, hat sich die Zahl der Fälle in der Demokratischen Republik Kongo zwischen 1980 und 2007 womöglich verzwanzigfacht. Zusätzlich ist das Virus in mehreren westafrikanischen Ländern nach Jahrzehnten wieder aufgetaucht; seit 2017 gab es zum Beispiel in Nigeria mehr als 550 mutmaßliche Fälle, von denen 240 im Labor bestätigt wurden, und acht Tote.

Es ist unbekannt, weshalb sich so viel mehr Menschen mit dem Virus anstecken. Eine Rolle spielen womöglich jene Faktoren, die auch die Ebola-Epidemien in Westafrika und in der Demokratischen Republik Kongo mit jeweils mehreren tausend Infizierten begünstigten. Fachleute vermuten, dass Faktoren wie Bevölkerungswachstum und mehr Siedlungen in der Nähe von Wäldern sowie mehr Interaktion mit potenziell infizierten Tieren die Übertragung tierischer Viren auf Menschen begünstigen. Gleichzeitig verbreiten sich Viren durch höhere Bevölkerungsdichte, bessere Infrastruktur und mehr Mobilität schneller auch international.

Die Verbreitung in Westafrika könne auch darauf hindeuten, dass das Virus in einem neuen tierischen Reservoir aufgetreten ist. Eine ganze Reihe von Tieren kann sich mit dem Virus anstecken – neben vielen Nagetieren Affen, Schweine oder Ameisenbären. Infizierte Tiere übertragen das Virus relativ leicht auf andere Arten und auf Menschen – so geschehen beim ersten Ausbruch außerhalb Afrikas. 2003 gelangte das Virus mit afrikanischen Nagetieren in die USA; bei diesen steckten sich wiederum Präriehunde an, die als Haustiere verkauft wurden. Mindestens 47 Menschen infizierten sich mit Affenpocken.

Auf der Spur der Pocken

Der mutmaßlich wichtigste Faktor ist allerdings, dass der bevölkerungsweite Impfschutz gegen Pocken weltweit nachlässt. Die Pockenimpfung reduziert die Wahrscheinlichkeit, sich mit Affenpocken anzustecken, um rund 85 Prozent. Allerdings steigt seit dem Ende der Impfkampagne der Anteil der Ungeimpften kontinuierlich an, so dass die Affenpocken es leichter haben, auch Menschen zu infizieren. So ist der Anteil von Mensch-zu-Mensch-Übertragungen an allen Infektionen von rund einem Drittel in den 1980er Jahren auf drei Viertel im Jahr 2007 gestiegen. Für einen Einfluss der Impfungen spricht zudem, dass das Durchschnittsalter der Erkrankten steigt, je länger die Impfkampagne zurückliegt.

Besonders afrikanische Fachleute warnen angesichts dieser Trends, dass die Affenpocken von einer regional verbreiteten Zoonose zu einer global relevanten Infektionskrankheit werden könnte. Das Virus besetze womöglich die ökologische und immunologische Nische, die das Pockenvirus einst einnahm, schrieb 2020 ein Team um Malachy Ifeanyi Okeke von der American University of Nigeria in einer Veröffentlichung.

»Zurzeit gibt es kein globales System, um die Verbreitung der Affenpocken zu kontrollieren«, sagte außerdem der nigerianische Virologe Oyewale Tomori in einem Interview mit dem Magazin »The Conversation«. Dass die internationalen Ausbrüche zu einer Epidemie werden, gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich. Derzeit suchen weltweit Gesundheitsbehörden nach neuen oder bisher übersehenen Fällen.

»Wenn wir die Fälle identifiziert haben, müssen wir die Fälle sehr genau untersuchen und ihre Kontakte nachverfolgen – und außerdem ihr Erbgut sequenzieren, um zu klären, wie das Virus sich verbreitet hat«, sagt Rimoin. Es sei möglich, dass das Virus schon eine Weile zirkulierte, bevor die Gesundheitsbehörden auf das Problem aufmerksam wurden. » Wenn man mit einer Taschenlampe ins Dunkel leuchtet«, sagt sie, »dann wird man auch etwas sehen.« Bis Fachleute verstehen, wie sich das Virus tatsächlich überträgt, müsse man »von dem ausgehen, was wir haben, aber auch bescheiden sein«, sagt Rimoin. »Und daran denken. dass solche Viren immer in der Lage sind, sich zu verändern und zu evolvieren.«

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