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Neurologie: Akuter Hörstopp

Unermüdlich singend buhlen Grillen im Sommer um eine Braut. Doch die Lieder, mit denen sie das Herz der Verehrten erweichen wollen, können sie selbst nicht hören. Schuld daran ist eine einzige Nervenzelle.
Grille
Ein Sommernachtstraum: sanft in einer Hängematte zwischen zwei Bäumen schaukelnd einen leckeren Drink schlürfen und dem zarten Zirpen der Grillen lauschen. Doch der auf Menschen beruhigend wirkende Liebesgesang der Grillenmännchen ist für die umworbenen Weibchen ausgesprochen aufreizend – und für die Sänger ein geradezu ohrenbetäubender Lärm: Mit stundenlangen Gesängen um die 100 Dezibel (das entspricht in etwa dem Krach eines Presslufthammers) versuchen die Männchen, sich für das weibliche Geschlecht interessant zu machen.

Lockendes Grillenmännchen | Durch Aneieinanderreiben seiner Flügel erzeugt das Grillenmännchen das typische Zirpen, um das Herz eines Weibchens für sich zu gewinnen.
Erstaunlich ist, dass dieser enorme Geräuschpegel die Freier nicht taub macht. Schließlich befinden sich ihre Ohren an den Vorderbeinen – und liegen damit in unmittelbarer Nachbarschaft der Lärmquelle: Als Musikinstrumente für die lauten Liebeslieder benutzen die Grillen ihre Vorderflügel. Durch Aneinanderreiben derselben erzeugen die Insekten ihren betörenden Gesang.

Um durch die eigenen Laute nicht halb taub zu werden und um auch während des Singens noch Geräusche aus der Umgebung wahrnehmen zu können – etwa die gezirpten Kommentare eines Konkurrenten oder das Nahen eines Feindes – bedienen sich die Grillen eines Tricks: Über einen nervösen Feedback-Mechanismus (corollary discharge) schalten sie ihre Hörnerven während des eigenen Zirpens einfach ab. Wie ihnen das im Einzelnen gelingt, fanden nun James Poulet von der Polytechnischen Universität Lausanne und Berthold Hedwig von der Universität Cambridge heraus.

Grillus bimaculatus | Grillenmännchen lauschen nur den Liedern von Konkurrenten, die eigenen kennen sie nicht, denn während sie selbst zirpen, schalten sie ihr Gehör ab.
Die beiden Wissenschaftler entdeckten im Zentralnervensystem der Spezies Grillus bimaculatus ein auf die Gehörregulation spezialisiertes Interneuron, das diese Aufgabe übernimmt. Der Zellkörper dieser besonderen Nervenzelle liegt im Ganglion des Mesothorax, in direkter Nachbarschaft des zentralen Generators für den Gesang. Es streckt seine langen Fortsätze, die Axone, durch den ganzen Körper des Tieres aus und steht in engem Kontakt mit auditorischen Nerven. Es ist also optimal situiert, um Gesang und Gehör miteinander zu verknüpfen.

Sobald nun die Flügel des Insekts ihre musikalische Arbeit aufnehmen, beginnt auch das Interneuron zu feuern: Exakt während der lauterzeugenden Bewegung der Flügel sendet es Signale aus, die ankommende akustische Signale unterdrücken. Kaum hört die Lauterzeugung auf, bleiben auch die hemmenden Signale aus. Das Interneuron unterbricht also während des Singens den Hörvorgang, schaltet ihn aber in den Sangespausen (Grillen zirpen in Serien kurzer Silben, die alle 300 bis 500 Millisekunden wiederholt werden) immer wieder an.

Das Interneuron geht dabei ausgesprochen geschickt vor: Es unterscheidet die Flügelbewegung zur Lauterzeugung von der Flugbewegung und hemmt das Gehör ausschließlich während des Zirpens, nicht aber während des Fluges. Auch geringere Lautstärken – wie sie beispielsweise das ankommende Liebeslied eines Konkurrenten hat – ignoriert es geflissentlich.

Mit diesem Trick stellen sich die Insekten gegenüber dem eigenen Lied taub, behalten fremden Geräuschen gegenüber aber stets ein wachsames Ohr.

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