Direkt zum Inhalt

Astronaut Matthias Maurer: Mit der SpaceX-Kapsel in die Zukunft

Im Tesla mit Flügeltüren fuhr Matthias Maurer zur SpaceX-Kapsel »Dragon«, um ins All zu reisen. Um 21.03 Uhr Ortszeit erwachte der Drache zum Leben und stieg empor. Next Stop: Internationale Raumstation.
Am 11. November 2021 um 3.03 Uhr deutscher Zeit ist die Crew-3 von SpaceX mit Matthias Maurer an Bord zur Internationalen Raumstation gestartet.

Es hat etwas von »Zurück in die Zukunft«, dieser Start des deutschen Raumfahrers Matthias Maurer. Und das ist durchaus gewollt. Denn während jahrzehntelang amerikanische Astronautinnen und Astronauten auf dem Weg zu ihrer Rakete in einen umgebauten Campingbus stiegen – in ein rundliches, silbrig glänzendes und stets etwas klapprig wirkendes Gefährt, das sie liebevoll Astro-Van nannten – winkt Maurer in der Nacht zum 11.11. 2021 aus den sich langsam schließenden Flügeltüren eines Tesla.

Er formt aus Zeigefingern und Daumen noch schnell ein Herz, bevor sich die Türen seines weißen Teslas schließen. Vor wenigen Momenten hat er, wie TV-Bilder der US-Raumfahrtbehörde NASA zeigen, das vierstöckige Gebäude auf dem Gelände des Kennedy Space Centers verlassen, in dem er sich in den vergangenen Stunden auf seinen ersten Raumflug vorbereitet hat. In nicht einmal dreieinhalb Stunden soll er ins All fliegen. Ziel: die Internationale Raumstation ISS.

Weil Maurers Rakete und Raumkapsel, die knapp zehn Meilen entfernt startbereit stehen, jedoch vom privaten Unternehmen SpaceX betrieben werden und nicht von der NASA, fährt Maurer nun nicht mit dem knatternden Astro-Van, sondern mit einem elektrischen Tesla. Und weil Elon Musk, Chef von sowohl SpaceX als auch Tesla, ein Faible für effektvolle Auftritte hat, spendiert er seinen Raumfahrenden Dienstwagen vom Typ Model X – Flügeltüren inklusive. Genau so, wie einst beim kultigen Gefährt aus der Sciencefiction-Komödie »Zurück in die Zukunft«.

Erster Deutscher in einer SpaceX-Kapsel

Von der Zukunft ist tatsächlich einiges zu spüren in dieser Novembernacht in Florida. Musk hat der NASA neues Leben eingehaucht und Maurer erlebt es als erster Deutscher am eigenen Leib. Im Jahr 2014 hatte die NASA beschlossen, SpaceX und Boeing mit dem Bau neuer Raumfahrzeuge für astronautische Flüge zur ISS zu beauftragen als Ersatz für die eingemotteten Spaceshuttles. Die beiden Firmen hatten weitgehend freie Hand. Sie sollten ihre Kapseln selbst entwickeln, bauen und betreiben. Die NASA wollte nur noch Sitzplätze für ihre Crews kaufen – fast wie im Charterflieger. Während Boeings Starliner wegen großer technischer Probleme allerdings frühestens Mitte 2022 mit Menschen an Bord abheben wird, steht für die Dragon-Kapsel von SpaceX nun bereits der dritte reguläre Flug an, der zweite eines Europäers, der erste eines Deutschen.

Fahrt der Astronauten zur SpaceX-Kapsel | Matthias Maurer und seine drei Mitreisenden sind mit einem Tesla zur Startrampe gefahren worden.

Maurers Tesla – Kennzeichen: »S3ND IT« (send it, zu Deutsch etwa: losschicken) – braust derweil am riesigen Vehicle Assembly Building vorbei, kurz VAB. Es ist eines der vielen ikonischen Gebäude aus der Zeit der alten Raumfahrt, die überall in Cape Canaveral zu finden sind. Im VAB, einem der volumenmäßig größten Gebäude der Welt, wurden einst Amerikas Saturn-V-Raketen für die Flüge zum Mond zusammengeschraubt, später die Spaceshuttles. Nun wird hinter den hohen Türen die nächste US-Mondrakete startbereit gemacht, das Space Launch System. Im Februar soll es, noch ohne Menschen an Bord, erstmals abheben.

Ein Flug zum Mond, das ist auch für Matthias Maurer der große Traum, daran lässt er in seinen Interviews vor dem Start keinen Zweifel. Zumal der 51-Jährige vor seiner Astronautenkarriere für den Aufbau eines Mondlabors bei der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA verantwortlich war. Doch wer zum Erdtrabanten will, muss sich zunächst im Erdorbit bewähren. Für Maurer, den promovierten Materialwissenschaftler, bedeutet das: sechs Monate an Bord der ISS, 100 bis 150 wissenschaftliche Experimente, darunter 36 Versuche mit deutscher Beteiligung. Zudem täglicher Sport, PR-Aktivitäten, Hausmeisterdienste. Das volle Astronautenprogramm eben, vom Außeneinsatz bis zum Putzen der Bordtoilette.

In der russischen Sojus-Kapsel wäre alles anders

Längst hat die Kolonne das VAB hinter sich gelassen. Im Tesla dudeln die Toten Hosen mit »Tage wie diese« aus den Lautsprechern, aber auch Sido und Rammstein. Zumindest hatte es Maurer vorher so bestimmt. Würde er, wie fast alle seine ESA-Kollegen im vergangenen Jahrzehnt, mit einer russischen Sojus-Kapsel zur ISS starten, dann säße er nun allerdings in einem Reisebus. Er hätte, so will es die Tradition, unter den immer gleichen Klängen eines russischen Schlagers sein Quartier verlassen. Er hätte strammgestanden vor den politischen Entscheidungsträgern. Er hätte, so geht die Legende, an den Hinterreifen des Reisebusses gepinkelt – aus Respekt vor dem sowjetischen Überflieger Juri Gagarin, den vor seinem Erstflug ins All angeblich solch ein Bedürfnis überkommen hatte.

Rituale sind wichtig in der Raumfahrt. Nicht, weil die Astronautinnen und Astronauten abergläubisch wären, dafür agieren sie zu rational. Rituale geben vielmehr Halt. Sie geben den Wochen, Tagen und Stunden vor dem Start, wenn die Anspannung unweigerlich steigt, Struktur. Sie bieten Abwechslung. Und diesmal haben sich diese Wochen vor dem Start angesichts mehrerer Verzögerungen besonders lang gezogen.

Da Wildpinkeln in Florida nicht gerne gesehen wird, braucht die Raumfahrt der Zukunft allerdings andere Traditionen. Noch in Köln, am Astronautenzentrum, hat Maurer daher ein Bäumchen gepflanzt, einen amerikanischen Amberbaum. In Houston, nach dem Training, hat er auf der Tür des TV-Studios unterschrieben, in Cape Canaveral auf seiner rußverschmierten, zuvor bereits einmal geflogenen Rakete. Und er hat sich am Tag vor dem Start sein Wunschessen servieren lassen: Thai-Curry und gebratene Nudeln, scharf.

Schon Apollo 11 ist von hier gestartet

Die Flügeltüren öffnen sich. Maurers Tesla-Kolonne, das zeigen die Fernsehbilder, ist an der Startrampe angekommen, dem Launch Complex 39A. Apollo 11 hat von dort abgehoben, die legendäre Mondmission, genauso wie das erste und das letzte Spaceshuttle. Nun steht hier eine Falcon 9 von SpaceX, Seriennummer B1067, gekrönt von einem nagelneuen Dragon-Raumschiff. Es heißt »Endurance«, auf Deutsch: Durchhaltevermögen. Für Maurer, der 2009 bei der europäischen Astronautenauswahl in der letzten Runde durchgefallen war, nie aufgegeben hatte und sechs Jahre später doch noch ausgewählt wurde, könnte es keinen treffenderen Namen geben.

Maurer muss sich weit ins Hohlkreuz lehnen, will er an der gut 63 Meter langen Rakete emporblicken. SpaceX hat der Crew zwar weiße, schlanke, futuristisch anmutende Raumanzüge geschneidert – Maurer muss nicht mehr das Orange aus Shuttle-Zeiten tragen, und auch nicht mehr die vor allem am Gesäß unförmige russische Variante. Den Kopf mitsamt Helm in den Nacken zu legen, ist trotzdem ganz schön schwer. Aber egal: Ein bisschen Gymnastik tut gut, schließlich muss die Crew die nächsten Stunden eingezwängt in der Dragon-Kapsel verbringen.

Matthias Maurer auf dem Weg zur SpaceX-Kapsel | Ein letztes Mal winken für die Presse – dann ab ins Weltall.

Den Platz ganz rechts hat SpaceX Matthias Maurer zugewiesen. Nummer 4, Fenstersitz. Und das Fenster ist riesig, insbesondere im Vergleich mit dem Guckloch in der Sojus. Neben dem Deutschen haben es sich drei Raumfahrende der NASA in den Schalensitzen bequem gemacht. Für zwei von ihnen, Kommandeur Raja Chari und Missionsspezialistin Kayla Barron, ist es – wie für Maurer – der erste Flug ins All. Lediglich Pilot Thomas Marshburn war bereits mit Sojus und Spaceshuttle unterwegs.

Die SpaceX-Kapsel fliegt vollautomatisch zur ISS

Erfahrung spielt aber ohnehin kaum eine Rolle, zumindest in der Dragon, dem »Drachen«. Die Kapsel, das war eine der wenigen Vorgaben der NASA an SpaceX, fliegt vollautomatisch zur ISS. Kommandeur und Pilot können auf den großen Touchscreens vor ihnen zwar hin und her wischen und schauen, was gerade passiert. Die Kontrolle liegt aber beim Bordcomputer. Für Maurer bleibt ohnehin nur der Blick aus dem Fenster. Er müsste nur dann aktiv werden, wenn es Probleme gibt: Bei Feuer an Bord, bei einem Startabbruch, bei einer Notwasserung. »Ich hoffe jedoch, dass ich beim Start Passagier bleiben darf«, hatte er vor seinem Flug halb scherzend gesagt.

Und so kommt es dann auch. Punkt 21.03 Uhr Ortszeit, in Deutschland ist der Donnerstag längst angebrochen, erwacht der Drache zum Leben. Die Falcon 9 rumpelt, sie scheint Feuer zu spucken und lässt den Boden erzittern, so dass die Kameras wackeln. Dann geht alles ganz schnell: Nach 64 Sekunden durchbricht »Endurance« die Schallmauer, nach knapp 170 Sekunden trennt sich die erste Raketenstufe, nach vier Minuten hat das Raumfahrzeug schon eine Höhe von 160 Kilometern erreicht.

Zwölf Jahre nachdem er bei der Astronautenauswahl der ESA durchgefallen war, aber gerade einmal 8 Minuten und 57 Sekunden nach dem Start hat sich Matthias Maurers Traum erfüllt: Er ist im Weltall. Eine schwebende Plastikschildkröte in der Kapsel zeigt an, dass die Schwerkraft ihre Macht verloren hat. Nur 90 Minuten später wird Maurer, der Globetrotter, der nach der Promotion einst ein Jahr lang auf Weltreise ging, zum ersten Mal den Globus umrundet haben. Viele Weltumrundungen werden folgen. 16 pro Tag. Mehr als 2800 in den nächsten sechs Monaten.

Offenlegung: Die Recherche am Kennedy Space Center wurde ermöglicht durch eine Einladung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, das die Kosten für den Hin- und Rückflug übernommen hat.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte