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Kulturelles Lernen: Aufgespießt

Delphine tun es, Krähen tun es, sogar Nacktmulle sind schon dabei beobachtet worden. Doch unangefochtener Meister der Werkzeugnutzung ist immer noch der Schimpanse. Jetzt wurden Forscher Zeugen einer weiteren kulturellen Errungenschaft der Affenwelt: Unser nächster Verwandte nutzt Speere zur Jagd.
Wenn es ums Fressen geht, sind Schimpansen äußerst kreative Tiere. Mit Stöcken angeln sie Ameisen aus hohlen Ästen, schlagen mit Steinen die harten Schalen wohlschmeckender Nüsse entzwei oder graben in der Nähe von abgestandenen Tümpeln nach frischem Wasser. Doch in den Weiten der Fongoli-Savanne des Senegal hat eine Gruppe von Schimpansen eine Fertigkeit entwickelt, die in der Tierwelt ansonsten vergeblich ihresgleichen sucht: Aus Ästen fertigen die Primaten zugespitzte Stöcke an, mit denen sie auf Beutejagd gehen.

Schimpansin Tia geht mit Speeren auf die Jagd | Die Schimpansensippe der Fongoli-Savanne des Senegal ist die erste Primatengruppe neben dem Menschen, die bei der Jagd mit Werkzeugen beobachtet wurde. Auch Schimpansin Tia bastelt aus Ästen tödliche Waffen.
Die Fongoli-Sippe der Pan troglodytes verus lebt in einem etwa 60 Quadratkilometer großen Revier, das in weiten Teilen aus trockenem Grasland besteht. Die karge Umgebung stellt die Primatenfamilie vor einige Ernährungsprobleme. Denn der Rote Stummelaffe, der von anderen Schimpansensippen gemeinschaftlich gejagt und verköstigt wird, bevorzugt fruchtbarere Gegenden. Das einzige Tier, das hier als schmackhafter Ersatz dienen könnte, ist der kleine Senegalgalago. Doch der nachtaktive Halbaffe mit den großen Augen ist mit etwa 200 Gramm Gewicht nur eine halbe Portion. Bei einer gemeinschaftlichen Jagd, wie sie Schimpansen bei anderen Affen üblicherweise praktizieren, bliebe beim gemeinsamen Mahl anschließend nur allzu wenig für die Beteiligten übrig. Falls es der Sippe überhaupt gelänge, den kleinen Gesellen zu erwischen. Denn der Galago ist äußerst flink. Einmal aufgescheucht, ist er kaum noch zu bremsen.

Doch einige Mitglieder der Fongoli-Sippe haben eine bessere Methode ersonnen, an ihr Fleisch zu gelangen, beobachteten Jill Pruetz von der Iowa State University und Paco Bertolani vom Leverhulme Centre for Human Evolutionary Studies der Universität Cambridge: Die Tiere überraschen den Halbaffen einfach im Schlaf. Überkam die Primaten demnach die Fleischeslust, berichten die Forscher, streiften sie erst einmal in ihrem Revier umher, bis sie mit einer Höhle oder einem Baumloch ein potenzielles Galago-Nest entdeckten. Dann brachen sie einen etwa 60 Zentimeter langen Ast vom nächsten Baum und entledigen ihn aller Äste und Blätter. Insgesamt zehn verschiedene Schimpansen konnten die Forscher hierbei mehrmals beobachten, darunter Jungtiere, Weibchen und Männchen.

Senegalgalago | Der Senegalgalago, auch Buschbaby genannt, entkommt seinen Feinden gemeinhin durch seine Flinkheit. Doch die Schimpansen in der Fongoli-Savanne sind findige Tiere. Sie überraschen ihre Beute tagsüber, wenn sie schläft – und spießen sie mit angespitzen Stöcken einfach auf.
In etwa einem Viertel der Fälle waren die Schimpansen ungeduldig und stießen ihren Stock nun schon in das vermutliche Nest. Meist jedoch widmeten sie ihrem Speer noch einige Zeit und Mühe. Sie bearbeiteten die Enden des Stockes mit ihren Schneidezähnen, so dass sie eine scharfe Spitze erhielten, teilweise entfernten sie sogar die Rinde. Am Ende jedoch stießen alle Tiere ihr Werkzeug mehrmals mit Kraft in den Hohlraum, in dem sie ihre Beute vermuteten. Anschließend zogen sie den Stock wieder heraus, rochen daran oder leckten die Spitze ab.

Doch trotz der Mühen, welche die Schimpansen in ihren Werkzeugbau steckten, beobachteten Pruetz und Bertolani bei 22 Jagdversuchen nur einen erfolgreichen Treffer: Das glückliche Weibchen hatte mehrmals in ein Baumloch gestoßen. Auf einmal kletterte sie auf den toten Ast und hüpfte darauf herum, bis er brach. Anschließend griff sie in den Hohlraum hinein und entnahm ihre leblose Beute, die sie dann alleine verspeise. Der Speer wurde achtlos verworfen.

Ob auch andere Tiere mit der ungewöhnlichen Jagdmethode erfolgreich waren, können die Forscher nicht sagen. Sie entdeckten zwar auch andere Tiere, die beäugt von ihren Artgenossen einsam einen Galago verspeisten, aber wie die Schimpansen an ihre Beute heran gekommen waren, ließ sich nicht ermitteln – Freilandbeobachtungen stoßen eben an gewisse Grenzen. Dennoch sind sich die Forscher sicher, dass sie hier neben dem Menschen die erste Primatensippe entdeckt haben, die Werkzeuge nutzt, um damit zu jagen.

Besonders fasziniert waren Pruetz und Bertolani von der Tatsache, dass gerade Jungtiere und Weibchen ausdauernd mit den Speeren auf die Jagd gingen. Denn bei den bei Schimpansen üblichen Treibjagden spielen sie gemeinhin eine untergeordnete Rolle – was auch dazu führt, dass sie an der gemeinschaftlichen Beute nur wenig teilhaben. Denn geteilt wird bei Schimpansen nur unter denjenigen, die an der Jagd beteiligt waren. Doch Not macht anscheinend erfinderisch. Mit ihrer Speerjagd, so vermuten die Forscher, haben sich die Jungtiere und die Weibchen eine Nische eröffnet, die von den Männchen bis dahin nicht besetzt worden war – und sich so eine eigene Futterquelle erschlossen.

Diese Entdeckung könnte auch unser Bild von den frühen Hominiden gründlich verändern, glauben die beiden Wissenschaftler. Denn auch sie könnten auf eine ähnliche Weise gejagt haben. Nachweisen können die Forscher ihre These freilich nicht. Holzspeere überleben selten mehrere Millionen Jahre, um späteren Generationen von ihrem Nutzen Zeugnis abzulegen. Der älteste bisher entdeckte Speer ist keine 400 000 Jahre alt. Doch da der Lebensraum früher Vormenschen wie etwa der Australopithecinen mit dem der heutigen Fongoli-Schimpansen nahezu identisch ist, sind die Thesen durchaus einen Gedanken wert. Sicher ist allemal eines: Dass unsere nächsten Verwandten noch geschickter und intelligenter sind, als wir bislang angenommen haben.

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