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Baumsterben: Die Letzten ihrer Art

Viele Baumarten sind bedroht. Doch Bäume haben keine gute Lobby, und seltene Exemplare sind schwer zu züchten. Wie Fachleute gegen den Artenschwund kämpfen, obwohl die Lage fast aussichtslos ist.
Die Zypresse Widdringtonia whytei am Mount Mulanje in Malawi.
Die Zypressenart Widdringtonia whytei gibt es lediglich am Mount Mulanje in Malawi. 2019 waren nur noch sieben Exemplare übrig, heute gedeihen dort wieder eine halbe Million dieser Bäume.

Als Viswambharan Sarasan zwischen den Palmwedeln des einsamsten Baums der Welt saß, musste er eine wichtige Entscheidung treffen. Er hatte sich jahrelang darum bemüht, Zugang zu dieser Palme zu erhalten – dem letzten lebenden Vertreter der Art Hyophorbe amaricaulis, die im Botanischen Garten von Curepipe auf Mauritius wächst. Sarasan streckte seine Hand nach einem Bündel der walnussgroßen, olivgrünen Früchte aus. Der Botaniker an den Royal Botanic Gardens in Kew, unweit von London, hatte nach heiklen Verhandlungen die Erlaubnis ergattert, Früchte mitnehmen zu dürfen. Eine jede enthält nur einen einzigen Samen.

Als sich Sarasan in neun Metern Höhe befand, wo 50 Stück der Früchte in seiner Reichweite baumelten, fragte er sich: Wie viele sollte er mitnehmen? Es mussten genug sein, damit er sie in Kew nachzüchten konnte, und so wenige, dass die Wissenschaftler vor Ort noch genug für ihre eigenen Forschungen hatten. »Es war die einzige Chance, die ich bekommen konnte«, sagt er über seinen Besuch im Juni 2006. »Aber ich wollte nicht alle Samen mitnehmen, falls etwas schiefläuft.« Er pflückte zehn Früchte. Es sollte nicht seine Glückszahl werden.

Bäume, die vom Aussterben bedroht sind

Berichte über die Abholzung von Wäldern gibt es zuhauf, aber das ist längst nicht das einzige Problem. Fast ein Drittel aller Bäume – mehr als 17 500 Arten – sind vom Aussterben bedroht. Das sind mehr als doppelt so viele, wie es bedrohte Säugetiere, Vögel, Amphibien und Reptilien zusammen gibt. Es ist paradox, aber Massenanpflanzungen von Bäumen verschlimmern das Problem, da oft nur einzelne Arten kultiviert werden. Inzwischen kämpfen hunderte Pflanzenschützer weltweit für die Rettung jener Bäume, die vom Aussterben bedroht sind.

Einsame Palme | Der Baum im Botanischen Garten von Curepipe auf Mauritius ist das letzte überlebende Exemplar der Art Hyophorbe amaricaulis. Forscher haben jahrelang versucht, neue Bäume dieser Art zu pflanzen – bislang ohne Erfolg.

»Wir sollten keine einzige Baumart aufgeben«, sagt Paul Smith, Leiter von Botanic Gardens Conservation International (BGCI), einer in London ansässigen Wohltätigkeitsorganisation. Die BGCI will bedrohte Baumarten auf der ganzen Welt retten. Doch die Zeit drängt, und die Probleme sind gewaltig. Sowohl der Klimawandel als auch die Trends in der Ökologie erschweren die Arbeit der Baumschützer. Peter Bridgewater, Spezialist für Biodiversitätsmanagement an der University of Canberra in Australien sagt, dass es unmöglich sei, für jede Baumart ein natürliches Habitat zu finden, weil der Klimawandel die Ökosysteme so grundlegend verändere. Wissenschaftler, die dieses Ziel für realistisch halten, »leben in ihrer eigenen Traumwelt«.

Volkszählung unter Bäumen

Durch den Klimawandel verschwinden Arten. Das ist für die Umwelt ebenso schädlich wie die globale Erwärmung selbst. Die Zahl der ausgestorbenen Spezies hat historische Ausmaße erreicht. Zudem beschleunigt sich der Prozess. Inzwischen sind rund eine Million Tiere und Pflanzen bedroht, doch von Bäumen ist selten die Rede. Um mehr Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, führte die BGCI in Zusammenarbeit mit der International Union for Conservation of Nature (IUCN) 2016 die umfangreichste Baumzählung in der Geschichte der IUCN durch: das Global Tree Assessment. Hunderte Pflanzenschützer durchsuchten Regenwälder, Gebirge und sogar Unruheregionen. Und manchmal diente ihnen als Wegweiser nicht mehr als ein sprödes Exponat aus einem Herbarium oder die Beschreibung eines längst verstorbenen Entdeckers.

2021 berichtete die BGCI, dass man 58 497 Baumarten gefunden habe – 17 510 davon seien bedroht. Seitdem sind fast 2800 Arten sogar vom Aussterben bedroht. Bei 142 Arten geht man davon aus, dass sie in der Natur ausgestorben sind (siehe Grafik »Bedrohte Baumarten«). Eine andere Arbeitsgruppe schätzte 2022, dass weitere 9000 Baumarten noch unentdeckt sind.

Es geht nicht nur um die bloße Zahl der Bäume, sondern auch um die Artenvielfalt. Eine einzige Spezies kann die Grundlage eines ganzen ökologischen Netzwerks bilden. Verschwindet sie, könnten zahlreiche weitere Arten bedroht sein – und schließlich gesamte Ökosysteme zusammenbrechen. Dabei sind robuste Ökosysteme besser in der Lage, Kohlenstoff zu binden, sagt Jean-Christophe Vié. Er ist Generaldirektor der Franklinia Foundation, einer privaten Organisation in Genf, die den Schutz von Bäumen finanziert und das Global Tree Assessment unterstützt. Keine Baumart dürfe als entbehrlich angesehen werden, sagt Vié. Ein solcher Präzedenzfall würde Bauunternehmern, Landwirten und Holzfällern die Rechtfertigung liefern, selbst bedrohte Bäume zu roden.

Doch der Schutz von Bäumen geht in den vielen internationalen Bemühungen zum Artenschutz unter – teils weil Bäume als nur eine von vielen zu schützenden Pflanzen angesehen werden, teils weil Gewächse insgesamt weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen als Tiere. »Säugetiere, Vögel, Reptilien – zu ihnen gibt es Daten, die in politische Diskussionen eingebracht werden können«, sagt Malin Rivers, Leiterin der Abteilung für Naturschutzpriorität beim BGCI. »Durch die Taxonomie erhält eine Art einen Namen, und die Feststellung ihres Schutzstatus gibt ihr eine Stimme.«

Bäume in ihren natürlichen Lebensräumen schützen

Mit Hilfe des Global Tree Assessment haben die Naturschützer begonnen, Arten und taxonomische Gruppen nach Prioritäten zu ordnen. Am besten sei es laut Smith, gefährdete Bäume in ihren natürlichen Lebensräumen zu schützen. Wenn das nicht möglich ist, versuchen Forscher, sie in einem Labor, Gewächshaus oder botanischen Garten aus Samen nachzuzüchten.

Das Global Tree Assessment ergab, dass fast zwei Drittel der bedrohten Bäume in Gebieten vorkommen, die bereits unter Schutz stehen. Daher sei es wichtig, diese Gebiete noch besser abzuschirmen oder sogar zu erweitern. Das bedeutet, die Beweidung zu kontrollieren, Abholzverbote für bestimmte Baumarten zu verhängen oder Baumbestände abzugrenzen, von denen Samen gesammelt werden können, ohne die gesamte Population zu gefährden. Auf der östlichen Karibikinsel Dominica beispielsweise zapfte man Lansanbäume (Protium attenuatum) an, um Harz für Weihrauch zu gewinnen. Die Folge: Der Baumbestand dezimierte sich. Die Negativentwicklung ließ sich stoppen, indem man das Harz mit einer anderen Methode aus den Gewächsen schöpfte.

Karomia gigas | In seinem Lebensraum in Tansania ist der Riesenbaum durch einen Pilz vom Aussterben bedroht.

Manchmal sind jedoch so wenige Bäume übrig, dass es nicht mehr ausreicht, ein Gebiet einfach nur unter Schutz zu stellen. So in Tansania. Dort arbeitet der Spezialist für Saatgutbiologie Fandey Mashimba mit einer winzigen Population gigantischer Bäume, einer Art namens Karomia gigas. Diese Bäume mit ihren großen ovalen Blättern und den charakteristischen, papierartigen Früchten galten in den 1980er Jahren als ausgestorben. Doch 2011 entdeckten Botaniker der Universität von Dar es Salaam sechs Exemplare. Deren Habitat unter Schutz zu stellen, würde allerdings nicht viel helfen: Ein Pilz befällt die Bäume regelmäßig und zerstört die unreifen Früchte. Mashimba, der bei der tansanischen Forstbehörde für die Saatgutproduktion zuständig ist, versucht, die Früchte zu ernten, bevor sie der Pilz infiziert. Anschließend reinigt er die Samen, vermehrt sie und pflanzt sie dann an.

Mashimba und sein Team versuchten, hunderte Samen von Karomia gigas zum Keimen zu bringen. Das Ergebnis: Nur drei Pflanzen entwickelten sich, die Mashimba durch sein Bürofenster beobachten kann. 2018 schickte der Forstdienst außerdem 6000 Früchte an den Missouri Botanical Garden in St. Louis. Dort überwachte der Botaniker Roy Gereau die Gewinnung und den Anbau von 24 000 Samen. Aus ihnen gingen nur 30 Pflanzen hervor. 2021 entfaltete ein Setzling eine kleine, blassviolette Blüte, die innerhalb eines Tages verblühte. Sollten einmal zwei Bäume gleichzeitig blühen, hoffen die Botaniker, dass sich die Gewächse gegenseitig bestäuben.

Seltene Blüte | Eine von 30 kultivierten Pflanzen der Art Karomia gigas im Missouri Botanical Garden hat 2021 geblüht – allerdings nur einen Tag.

30 Jahre warten auf Nachwuchs der Kätzcheneibe

Mashimba hat in einer Hinsicht Glück: Immerhin produziert Karomia gigas noch Samen. Manche Bäume können keine mehr hervorbringen, weil ihre Bestäuber verschwunden sind. Und manchmal ist nur noch ein Geschlecht eines Baumes übrig. So sind zum Beispiel die meisten überlebenden Exemplare der Kätzcheneibe Amentotaxus argotaenia in Südchina männlich. Nach einer weltweiten Suche wurde ein einziges weibliches Exemplar im Royal Botanic Garden Edinburgh entdeckt. Britische Wissenschaftler schickten Stecklinge nach China, damit sie neben den männlichen Bäumen gepflanzt werden. Sollten sie blühen, könnten sie sich wieder reproduzieren, sagt Gunter Fischer, Ökologe und Naturschutzexperte am Missouri Botanical Garden. Bis es so weit ist, könnten aber noch 30 Jahre vergehen.

Selbst wenn Samen von bedrohten Bäumen vorliegen, kann es schwierig werden, sie zum Keimen zu bringen. Bei einigen Arten fallen die Samen in eine Art Ruhephase. Je nach Spezies lässt sich dieser Schutzzustand nur durch Erwärmen, Abkühlen oder Ritzen umkehren. In der Natur kann die Keimruhe Jahre anhalten. Forschende versuchen daher, diesen Zustand zu umgehen, indem sie den Embryo – den kleinen Teil eines Pflanzensamens, aus dem sich Wurzeln und Stämme entwickeln – in einem Verfahren kultivieren, das als Embryorettung bekannt ist.

Setzling | Forschende versuchen, Karomia gigas im Missouri Botanical Garden nachzuzüchten.

Auch die letzte Palme ihrer Art im Botanischen Garten von Curepipe hat Probleme mit der Samenproduktion. Seit den 1980er Jahren sind mehrere Rettungsversuche gescheitert. Ein Problem: Die Palme bringt männliche und weibliche Blüten zu unterschiedlichen Zeiten hervor, um eine Selbstbefruchtung zu vermeiden. Mit Leiter und Pinsel umgehen die Wissenschaftler den Schutzmechanismus. Sie sammeln die Pollen, bewahren sie auf und nutzen sie dann zum passenden Zeitpunkt zum Bestäuben.

Die Angst des Baumforschers

Für ein solches Bestäubungsprojekt brachte Sarasan 2006 die Palmenfrüchte mit jeweils einem Samen nach Kew zurück. Er wusste, dass sie nicht einfach so wachsen werden, deshalb nutzte er die Embryorettung. Bei so wenigen Samen hatte er keine Möglichkeit, mit verschiedenen Nährböden zu experimentieren, also entschied er sich nach bestem Wissen für eine der Mischungen. »Ich war so vorsichtig«, sagt er. »Wegen der Verantwortung, der Aufregung und auch der Angst, sie zu verlieren.«

Die Pflänzchen wurden bis zu 25 Zentimeter groß. Dann, eines Tages, wurden ihre feinen weißen Wurzeln braun und starben ab. Zweifellos hatte etwas mit dem Nährboden nicht gestimmt.

Andere Versuche sind ebenfalls gescheitert. 2010 wollte der Kewer Gartenbauwissenschaftler Carlos Magdalena während eines Besuchs auf Mauritius einige frisch gepflückte Palmfrüchte mitnehmen. Auf Grund eines Missverständnisses hatte ein Gartenarbeiter zwei der fünf Früchte unwissentlich verspeist. Zurück in Kew keimten die Samen der anderen nicht.

Per Zufall wiederentdeckt

Magdalena, der einige bedrohte Pflanzen vorm Aussterben gerettet hat, ärgert sich über den Misserfolg. Und manchmal hat er das Gefühl, dass er mit seiner Arbeit ganz alleine dasteht. José Luis Marcelo Peña kennt dieses Gefühl. 2018 wanderte der Taxonom von der Nationalen Universität von Jaén durch einen steilen, ausgedörrten Wald im peruanischen Marañón-Tal, als er einen Baum mit hellgrünen Blüten entdeckte: Pradosia argentea, der bis dahin als ausgestorben galt. »Es war ein einzigartiges Glück, das man gar nicht beschreiben kann«, sagt Marcelo Peña. Bei Nachforschungen fanden sich 200 weitere Bäume in dem Gebiet, die allesamt durch die Landwirtschaft bedroht waren.

Baumpflege | Ein Mitarbeiter gießt die 30 angepflanzten Bäume der Art Karomia gigas im Missouri Botanical Garden.

Gerade als es wegen der Coronapandemie in den Lockdown ging, versuchte er erstmals die Bäume zu retten. Ohne universitäre Einrichtungen, aber mit Fernhilfe des BGCI zog er zu Hause 400 Samen groß. Mehr als 60 keimten, 20 überlebten. Im folgenden Jahr probierte er es erneut mit frischem Saatgut, aber das wurde von einem Pilz befallen.

Nachdem er zu Ende erzählt hat, nimmt Marcelo Peña seine Brille ab und wischt sich Tränen weg. »Es ist eine große Verantwortung«, sagt er. Und selbst nach 20 Minierfolgen in der Gärtnerei macht er sich Sorgen über den nächsten Schritt – die Auswilderung. Die Einheimischen wussten bis vor Kurzem nichts von Pradosia argentea, sagt er. Jetzt befürworten sie den Schutz der verbliebenen Bäume – aber sie brauchen auch Platz für die Landwirtschaft, was wiederum die überlebenden Bäume gefährden könnte.

Dass auch Karomia gigas einmal wieder in der freien Natur gedeiht, liegt noch in weiter Ferne. Die tansanische Forstbehörde und ihre Partner entwickeln momentan Saatgutvermehrungsanlagen und Baumschulen für diese Art. Doch der Erfolg ist ungewiss, vor allem weil neue Bäume von demselben mysteriösen Pilz befallen werden könnten. »Vielleicht müssen wir uns damit begnügen, dass wir diese schönen Lebewesen nur noch im Zoo haben werden«, sagt Gereau.

Es gibt aber auch Beispiele für erfolgreiche Wiederansiedlungen. Der BGCI verweist auf ein Projekt am Mount Mulanje in Malawi, wo die Zypressenart Widdringtonia whytei endemisch ist. 2019 existierten nur noch sieben Bäume, alle anderen waren illegal abgeholzt worden. Dank der Zusammenarbeit mit dem malawischen Institut für Forstforschung und der örtlichen Bevölkerung wachsen 2022 500 000 Setzlinge. Viele Einheimische verdienen inzwischen ihren Lebensunterhalt mit diesem Projekt.

Nicht jeder Baum lässt sich vermehren

Die Vermehrung selbst erwies sich als recht einfach, sagt Smith. Auf Mauritius hingegen stehen die Ökologen vor einer schwierigeren Aufgabe. Die Mauritian Wildlife Foundation versucht mit Hilfe von ausländischen Botanikern, mehrere vom Aussterben bedrohte Arten auf einmal zu retten, mit durchwachsenem Erfolg. Einige Wiederaufforstungen sind gelungen, einschließlich Arten, von denen nur ein einziger Baum übrig blieb. Aber alle Versuche, die einsame Palme Hyophorbe amaricaulis wieder zu vermehren, scheiterten bisher.

Hyophorbe amaricaulis | Wissenschaftler legen ein Netz um die Blüten von Hyophorbe amaricaulis, dem letzten verbliebenen Exemplar dieser Baumart auf Mauritius.

Mittlerweile hat ein vierter Versuch begonnen. Netze liegen über den männlichen Blüten, um ihren Pollen für eine manuelle Befruchtung aufzufangen, bis die weiblichen Blüten aufgehen. In Frankreich will der Botaniker Stéphane Buord vom Conservatoire botanique national in Brest jenes Problem lösen, an dem Sarasan scheiterte – dieser hatte zu wenige Samen aufgesammelt. Buord und sein Team haben zahlreiche Experimente mit einem engen mauritischen Verwandten der »einsamen Palme« durchgeführt: Von Hyophorbe vaughanii konnten sie zahlreiche Samen gewinnen und in jahrelanger Arbeit einen Prozess entwickeln, mit dem sich die Embryonen zu bewurzelten Sämlingen umwandeln lassen, die auch außerhalb des Labors überleben. Jetzt wartet Buord darauf, diesen Ansatz an den Samen der letzten Palme ihrer Art zu erproben.

Sollte er erfolgreich sein, könnte die Palme schließlich in einem Nationalpark oder in der freien Natur wieder angepflanzt werden. Kersley Pynee, Naturwissenschaftler beim Mauritius National Parks and Conservation Service, hat bereits andere Bäume und Sträucher wieder angesiedelt und sagt, es sei ein harter Kampf. Die Pflanzen könnten von Pilzen oder Schädlingen befallen werden oder anderweitig zu Grunde gehen. Nach der Pflanzung von 1000 Setzlingen des auf Mauritius endemischen Strauchs Nesocodon mauritianus sind nur noch fünf übrig, berichtet er. Das sei zu erwarten gewesen, sagt Smith. In der Natur produzieren Bäume riesige Mengen an Samen, von denen nur ein Bruchteil keimt und überlebt – weil natürliche Gefahren wie Schädlingsbefall, Feuer oder Konkurrenz um Licht oder Nährstoffe die Bäume dezimieren.

Letzte Rettung Samenbank

Die Global Trees Campaign hat bisher hunderttausende Setzlinge von 300 bedrohten Baumarten ausgepflanzt. Doch Bäume, die in der freien Natur nicht mehr überleben können, lassen sich nur in botanischen Gärten pflanzen oder ihre Samen in einer Samenbank aufbewahren.

Ein Ziel der »Global Strategy for Plant Conservation« aus dem Jahr 2011, die Teil des internationalen Übereinkommens über die biologische Vielfalt ist, lautete: bis 2020 mindestens 75 Prozent der bedrohten Pflanzen in Gewächssammlungen oder Samenbanken zu erhalten – ein Ziel, das nicht erreicht wurde. Auch weil es nicht immer klappt, Samen zu trocknen und einzufrieren. Technologien wie die Kryokonservierung – das schnelle Einfrieren bei extrem niedrigen Temperaturen – könnten eine Alternative bieten, sind aber teuer und für viele Länder unpraktisch. Außerdem warnten 2018 Naturschützer davor, dass die Samen eines Drittels der Baumarten nicht konserviert werden können, vor allem, weil sie den Trocknungsprozess nicht überleben.

Encephalartos woodii | Ein Exemplar der Baumart wurde im späten 19. Jahrhundert in den Royal Botanic Gardens in Kew bei London gebracht. Es ist der einzige Baum dieser Art, der je in der Natur entdeckt wurde.

Smith weist diese düstere Diagnose zurück. Mit Saatgutbanken, Kryokonservierung, Baumschulen, botanischen Gärten und Arboreten gibt es viele Möglichkeiten, um »Zeit zu gewinnen«, sagt er.

Massenpflanzungen gegen den Untergang

Helfen könnten Massenpflanzungen von Regierungen und Unternehmen. Auf diese Weise soll Kohlenstoff aus der Luft gebunden werden. Vielleicht lassen sich so die Emissionsziele erreichen. Wenn solche Projekte jedoch schlecht ausgeführt werden, wie es offenbar bei vielen der Fall ist, können Massenpflanzungen die Artenvielfalt zerstören. Wenn sie gut gemacht sind, könnten sie viele Arten retten, sagt Smith. »Das ist ein Zug, auf den wir unbedingt aufspringen müssen.«

Um den Nutzen solcher Projekte für die biologische Vielfalt zu erhöhen, haben der BGCI und seine Partner ein Zertifizierungsprogramm für Baumpflanzungsprojekte entwickelt: Es heißt Global Biodiversity Standard. Der Artenschutz könnte auch von der Welle an Projekten und Organisationen profitieren, die Ökosysteme wiederherstellen wollen. Inzwischen gibt es weltweit mehr als 100 000 solcher Projekte.

Smith hält es für wichtig, dass einheimische Arten dabei berücksichtigt werden. Doch meist ist das Interesse größer, das gesamte Ökosystem am Laufen zu halten, weniger einzelne Arten anzupflanzen, sagt Curt Meine, Ökologiehistoriker der Aldo Leopold Foundation in Baraboo in Wisconsin. Ziel sei es, dass die Ökosysteme dem Menschen vielfältige Dienste leisten, etwa eine nachhaltige Lebensgrundlage bieten. Zwar erkennen manche Experten, dass der Schutz von Bäumen ebenso von Bedeutung ist. »Ich halte das für eine wichtige Arbeit, von der wir viel lernen können«, sagt Robin Chazdon, Ökologe an der University of Connecticut in Storrs.

Aber es gibt mehr bedrohte Baumarten als Schutzprojekte. »Auf diese Weise lassen sich nicht alle Baumarten schützen«, sagt Chazdon. Einige Forscher sehen noch andere Probleme. Peter Bridgewater von der University of Canberra etwa sagt, dass die Bemühungen von Naturschützern und Ökologen, Wälder wiederherzustellen, den Klimawandel nicht berücksichtigen: »Sie gehen letztlich davon aus, dass sich nichts ändern wird.« Aber viele Bäume und ganze Ökosysteme werden wahrscheinlich in ihren derzeitigen Verbreitungsgebieten einfach nicht überleben können. »Man könnte jede Baumart retten, aber nicht so, wie die Leute meinen – sondern in botanischen Gärten und größeren Schutzgebieten. Die Bäume werden dort angepflanzt werden, wo sie überleben können, nicht dort, wo sie derzeit wachsen.«

Doch die Baumretter werden von der Sorge angetrieben, dauerhaft einzigartige, unersetzliche und vielleicht noch nicht genau erforschte Arten zu verlieren. »Ich habe nicht das Gefühl, dass ich als bescheidener Mensch, der nur ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten lebt, befugt bin, Millionen von Jahren der Evolutionsgeschichte einfach zu beenden«, sagt Vié. »Jede Art ist wertvoll.«

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