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Rorschach-Test: Eine meditierende Giraffe im Lotussitz

Oder doch ein Bettvorleger? Für die einen eröffnen die Tintenkleckse einen Zugang zur menschlichen Psyche, für die anderen ist der Rorschach-Test schlicht Kaffeesatzleserei. Ein Rückblick in die Geschichte des wohl umstrittensten aller Persönlichkeitstests.
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Für mich ist der Fall klar: Die sechste Karte zeigt eine meditierende Giraffe im Lotussitz, abgebildet von unten. Und auf Karte drei schlagen zwei nackte Hermaphroditen auf eine riesige Trommel, während zwischen ihnen ein roter Schmetterling flattert. Aber was in aller Welt hat es mit dem zehnten Bild auf sich? Es könnte ein bunter Teller Obstsalat sein. Vielleicht auch ein Aquarium. Oder sind es nicht doch zwei kämpfende Brüder, die mit blauen Krebsen aufeinander einprügeln? Und was sagt es über mich aus, dass ich gerade das zu sehen glaube?

Wohl kaum ein psychologischer Test ist so faszinierend, so umstritten und so von Mythen umrankt wie der Rorschach-Test. Dabei ist die Durchführung eher simpel: Die Testpersonen sollen beschreiben, was sie auf zehn symmetrischen Tintenklecksbildern erkennen. Ihre Reaktionen sollen dann offenlegen, wie sie denken und fühlen, wie es um ihre Persönlichkeit und mögliche Störungsmuster bestellt ist. Doch wie die Antworten zu deuten sind und ob der Test tatsächlich das leistet, was er vorgibt – darüber streiten Psychologen seit knapp 100 Jahren.

Das Spiel mit »Kleksographien« war im 19. Jahrhundert ein beliebter Zeitvertreib: Ein wenig Tinte auf ein Blatt Papier geben, den Bogen in der Mitte umklappen, fest andrücken und wieder auseinanderfalten – schon hat man ein hübsches Zufallsgebilde, das die Fantasie anregt und zu allerlei Spielereien verleitet. Viele versahen ihre Klecksbilder mit launigen Versen oder Geschichten. Und im Gesellschaftsspiel »Blotto« sollten die Teilnehmenden rasch erraten, was sich hinter den Zufallsbildern verbergen könnte. Der junge Schweizer Psychiater Hermann Rorschach (1884–1922) hingegen hatte mit den Klecksgemälden etwas anderes vor: Mit ihrer Hilfe wollte er die seelischen Erkrankungen seiner Patienten besser erkennen und unterscheiden. Aus mehreren hundert selbst gemachten Bildern kürte er zehn zu seinem Testmaterial. Diese wählte er so aus, dass sie nicht zu abstrakt, aber auch nicht zu eindeutig gerieten: Die Tintenbilder sollten möglichst ambivalent sein, um so das Denken seiner Patienten zu stimulieren.

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Hermann Rorschach (1884–1922) | Der junge Schweizer Psychiater veröffentlichte 1921 die Urversion des Rorschach-Tests.

Rorschach prüfte seine Karten an 300 psychisch Erkrankten. Die Ergebnisse schrieb er 1921 in seinem Buch »Psychodiagnostik« nieder. Der große Erfolg blieb zunächst aus; kaum jemand nahm Notiz von seinem Tintenkleckstest. Den späten Ruhm seiner Erfindung erlebte er selbst nicht mehr: Nur ein Jahr nach Erscheinen des Buchs starb der Arzt mit 37 Jahren an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Doch seine Freunde und Schüler setzten sich dafür ein, dass sein Schaffen nicht in Vergessenheit geriet. Sie nahmen Rorschachs Ansatz auf und entwickelten ihn fortwährend weiter.

Rorschachs Erben

Was dann geschah, erinnert ein wenig an die verschiedenen Evangelien im Neuen Testament: Allein in den USA schufen Rorschachs Jünger fünf unabhängige Versionen des Tests. Weitere Fassungen kursierten in verschiedenen Ländern Europas und sogar in Japan. Das sorgte für Chaos. Erst in den 1960er Jahren rettete der US-Psychologe John Exner dann Rorschachs Erbe mit seinem »Comprehensive System« – einem einheitlichen Schema, das die vielen konkurrierenden Versionen ablösen sollte. »Exners Ansatz war: Wir behalten nur das, was sich empirisch zeigen lässt, und sammeln psychometrische Daten, um Menschen besser vergleichen zu können«, erklärt der Psychotherapeut und Rorschach-Experte Sadegh Nashat von der Universität Genf.

Exners Arbeit war ein voller Erfolg. Sein neues System setzte sich weltweit durch und inspirierte Forscher zu immer neuen Arbeiten. Die Rorschach-Enthusiasten wollten längst nicht mehr nur psychische Störungen aufdecken. Stattdessen ging es ihnen um ein umfassendes Bild der menschlichen Psyche: Intelligenz, Denkstile, Persönlichkeitseigenschaften. Der Test greift dabei auf ein komplexes Auswertungsschema mit etwa 70 verschiedenen Variablen zurück. Dabei geht es nicht nur darum, was die Testpersonen sehen, sondern auch darum, wie sie es beschreiben: Wie komplex und ungewöhnlich sind die Antworten? Wie häufig beschreibt die Testperson menschliche Tätigkeiten? Wie lange zögert sie vor ihrer Antwort? Geht sie auf die Farbschattierungen ein? Beachtet sie den weißen Negativraum der Klecksbilder? Wie häufig erkennt sie innere Organe, Nahrung, aggressive Handlungen? Jedes scheinbar nebensächliche Detail kann bei der Auswertung eine Rolle spielen.

»Ich sehe die Testergebnisse nicht als Beweis, eher als Anhaltspunkt, wo ich später verstärkt nachfragen kann«
(Ulrich Ratzeburg, Psychoanalytiker in Berlin)

Die Durchführung des Tests lässt sich in kurzer Zeit erlernen. Ein guter Rorschach-Auswerter zu werden, erfordert jedoch jahrelange Übung, heißt es. Angesichts der vielen Nuancen und komplexen Subskalen ist das kaum verwunderlich. Aber trotz des mühsamen Trainings schwören viele Kliniker weltweit auf den Rorschach-Test. Warum tun sie sich das an? Schließlich gibt es deutlich einfachere Instrumente für die psychologische Diagnostik. Was hat er, was andere Tests nicht haben?

»Der Test kam bei etwa einem Viertel der Patientinnen und Patienten zum Einsatz. Wenn Fragestellungen auftauchten, die sich im direkten Gespräch nicht klären ließen, wählten wir ein projektives Verfahren wie den Rorschach als Umweg«, erzählt der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker Ulrich Ratzeburg aus Berlin. Vier Jahre arbeitete er in einer kinderpsychiatrischen Klinik, wo ein Kollege den Test regelmäßig für ihn durchführte. Als Praktiker machte er gute Erfahrungen mit dem Verfahren, nahm die Resultate allerdings mit Vorsicht auf: »Manches ist spekulativ. Ich sehe die Testergebnisse nicht als Beweis, eher als Anhaltspunkt, wo ich später verstärkt nachfragen kann.« In seiner eigenen Praxis verwendet er den Test nicht und findet stattdessen andere Zugänge zum Unbewussten, erklärt Ratzeburg – so etwa die Traumdeutung. Generell zählt Deutschland zu den Ländern, in denen Kliniker den »Rorschach« nur noch selten anwenden. Das zeigte sich auch in der Recherche zu diesem Artikel: Erst nach etwa 20 Anfragen stieß ich auf einen Praktiker, der persönliche Erfahrungen mit dem Test gesammelt hatte.

»Mein Patient weiß nicht, was ich messe. Es ist, als würde ich seine Persönlichkeit röntgen«
(Sadegh Nashat, Psychologe an der Universität Genf)

In anderen Ländern ist er aber immer noch ein beliebtes Diagnoseinstrument: In den USA, der Schweiz oder Japan gibt es begeisterte Rorschachianer. Laut einer Umfrage verwenden drei von fünf US-amerikanischen Psychologen den Test in ihrer Arbeit. Der Schweizer Sadegh Nashat lobt die Vorzüge: »Es ist fast der einzige Test, bei dem mein Klient nicht weiß, was ich messe. Es ist, als würde ich seine Persönlichkeit röntgen.« Das sei nützlich, wenn er etwa für ein gerichtliches Gutachten die Erziehungsfähigkeiten der Eltern einschätzen müsse. Im klinischen Alltag verwende er stets eine ganze Batterie von Verfahren. Der Rorschach-Test helfe ihm dann oft weiter. »Einmal wurde uns ein Patient überwiesen, aus dem die anderen Psychiater nicht so recht schlau wurden«, erzählt Nashat. »Der Rorschach half uns, die Diagnose aufzuklären, und zeigte subtile kognitive Ausfälle, die in einem herkömmlichen psychiatrischen Interview unentdeckt geblieben wären.«

Geschichten wie diese würden manche Rorschach-Skeptiker vermutlich zum Kochen bringen. Nicht wenige halten den Test mit den Tintenklecksen für ein pseudowissenschaftliches Machwerk, das ernsten Schaden anrichtet. Denn: Kommt ein psychologisches Messinstrument zum Einsatz, steht häufig viel auf dem Spiel: ob es mit dem heiß begehrten Job klappt. Wer das Sorgerecht fürs Kind zugesprochen bekommt. Ob ein Mensch in ein psychiatrisches Krankenhaus kommt – möglicherweise gegen seinen Willen. Oder auch, ob eine mögliche Suizidgefahr rechtzeitig erkannt wird. Deswegen müssen sich psychologische Diagnoseverfahren strengen Prüfungen unterwerfen. Objektiv müssen sie sein, zuverlässig und valide; das heißt, sie müssen wirklich das messen, was zu messen sie behaupten. Ist es also wirklich aussagekräftig, wenn ich beispielsweise in Karte vier einen bedrohlichen Yeti mit Krebshänden zu erkennen meine, statt – wie die meisten Menschen – ein Tierfell?

»Ein intensives Gespräch über die Tapete oder den Teppich würde es genauso gut tun«
(Arthur Reber, emeritierter Psychologe)

Die Kritik am Rorschach ist beinahe so alt wie der Test selbst. »Ein intensives Gespräch über die Tapete oder den Teppich würde es genauso gut tun, sofern beide Parteien daran glauben«, ätzte der Psychologe Arthur Reber 1985. Tatsächlich schneidet der Test nach den klassischen Gütekriterien eher dürftig ab: Er hängt nur schwach bis mittelmäßig mit äußeren Messungen zusammen. »Wenn eine Fachkraft die psychologischen Probleme und Stärken eines Patienten identifizieren soll, erweist sich der Rorschach meistens als nutzlos«, kritisiert James Wood. Der Professor von der University of Texas in El Paso (USA) ist einer der bekanntesten Kritiker des Tests. Wood beklagt auch die fehlenden Vergleichsnormen beim Rorschach. So sei oft unklar, ob ein bestimmtes Ergebnis im auffälligen Bereich liegt oder nicht. »Stellen Sie sich einen Arzt vor, der fälschlicherweise glaubt, 36,5 Grad Celsius sei eine auffällige Körpertemperatur«, so Wood. Viele Patienten hätten plötzlich eine unsinnige Fieberdiagnose am Hals. Der Rorschach-Test ist bekannt dafür, zu »überpathologisieren«: Der Test würde viele Menschen als gestört klassifizieren, denen eigentlich nichts fehle.

Rorschach auf dem Prüfstand

Seit Jahrzehnten sorgt der Tintenkleckstest für Kontroversen. Die zentralen Argumente seiner Befürworter und Kritiker:

Pro

  • Einzigartiger Zugang: Das mehrdeutige Testmaterial fordert die Fantasie der Testpersonen heraus und verrät so viel über Persönlichkeit, Störungen und Denkmuster.
  • Sensibles Testinstrument: Der Rorschach bringt auch subtile Tendenzen zum Vorschein, die bei Selbstbeschreibungstests oft verborgen bleiben.
  • Nützlicher Eisbrecher: Mit seinem kreativen Ansatz erleichtert der Test den Einstieg ins therapeutische Gespräch – nützlich etwa bei Kindern oder schwer zugänglichen Patienten.

Kontra

  • Unklare Wirkungsweise: Der Test will bedeutungsvolle Aussagen aus abstraktem Testmaterial generieren. Wie genau das funktionieren soll, bleibt jedoch offen.
  • Fragliche Gültigkeit: Es ist unklar, ob der Test wirklich misst, was er messen soll. Für viele Skalen fehlen zudem brauchbare Vergleichsnormen.
  • Mehrdeutige Codierung: Die Auswertung verrät manchmal mehr über Tester als Getestete: Männer halten die Antwort »Büstenhalter« oft für eine sexuelle Assoziation, Frauen denken meist schlichtweg an ein Kleidungsstück.

Mittlerweile hat das Internetzeitalter den etwas angestaubten Test eingeholt: 2009 veröffentlichte ein Arzt die zehn originalen Testkarten inklusive beliebter Deutungen auf Wikipedia. Beim deutschen Verlag Hogrefe, der den Rorschach-Test als Tafelserie herausgibt, fand man das »unglaublich rücksichtslos und sogar zynisch«. Viele hatten Angst, das Testmaterial sei jetzt völlig unbrauchbar geworden. Die Bilder blieben trotzdem online – schließlich ist das Urheberrecht für die Karten längst ausgelaufen. Der Wikipedia-Fall wurde sogar Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Das Ergebnis: Die Sorgen sind größtenteils unbegründet. Zwar antworteten die Testpersonen etwas konventioneller, wenn sie zuvor den Wikipedia-Artikel zum Test durchgelesen hatten. Sie wählten häufiger die beliebteste Antwortoption. Bei den vielen anderen Skalen ließen sich aber kaum messbare Unterschiede ausmachen.

Zusammen mit Kollegen warb James Wood schon 1999 dafür, den Test aus dem klinischen Alltag zu verbannen. Das ließen die Rorschach-Freunde nicht auf sich beruhen. Sie entwickelten den R-PAS, eine komplette Neufassung von Exners System, die viele aktuelle Forschungsergebnisse einbezog. Das änderte jedoch wenig: Wood und Kollegen halten an ihrem Ruf nach einem Moratorium fest – abgesehen von einigen kognitiven Teilskalen, die auch sie als gültig ansehen. »Psychologen haben eine ethische und moralische Verantwortung, ihre Patienten mit den besten wissenschaftlichen Methoden zu diagnostizieren und zu behandeln«, warnt Wood.

Der Schweizer Sadegh Nashat ist mit der Kritik vertraut. »Der Rorschach hat seine Schwächen, doch viele Kritikpunkte treffen auf andere psychologische Tests genauso zu. Das ist eine größere Debatte in der Psychologie«, kontert er. Tatsächlich haben andere Persönlichkeitstests wie etwa der MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory) ihre ganz eigenen Probleme. Ein Gütesiegel für den Rorschach ist das aber noch lange nicht.

In seiner Geschichte hat der Test viel an Begeisterung und Schmähung erlebt, Krisen und neue Höhenflüge. Ironischerweise wurde Rorschachs Grundidee zur perfekten Metapher für sein eigenes Werk: Jeder scheint etwas anderes in dem Test zu sehen. Selbst die vielen Metastudien, die für Klarheit sorgen sollten, stifteten oft nur noch mehr Verwirrung. Während Fans sie als Beweis für die Nützlichkeit des Tests hochhielten, nutzten Skeptiker häufig dieselben Studien, um seine Schwächen anzuprangern. Doch auch die schärfsten Rorschach-Kritiker müssen anerkennen: Mit knapp 100 Jahren hat der Test ein beträchtliches Alter erreicht. Die zehn Tintenkleckse sind längst Ikonen der Psychologie, den vielen Abgesängen zum Trotz. Totgesagte leben länger.

2/2020 (März/April)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2020 (März/April)

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