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Kultureller Transfer: Erfolgreiche Milchvieh-Kultur in der Bronzezeit

Die europäische Bronzezeit hatten westwärts einwandernde Steppenvölker mit überlegenen Kulturtechniken aufgemischt. Ist im Osten eigentlich dasselbe geschehen?
Mongolisches Milchvieh in der Bronzezeit

Zu Beginn der Bronzezeit wanderten Hirtengemeinschaften aus den Steppenlandschaften vom Schwarzen und Kaspischen Meer westwärts nach Europa und Zentralasien und mischten sich überaus erfolgreich in die ansässige Bevölkerung. Aber merkwürdig: Nach Osten scheinen die offenbar kulturell überlegenen Milchviehhalter eher nicht gewandert zu sein. Das bestätigen nun auch neue Genuntersuchungen an alten Skeletten aus dem Gebiet der heutigen Nordmongolei: Dorthin hat sich zwar im Lauf der Bronzezeit die Kulturtechnik der Milchviehhaltung herumgesprochen, schließen Christina Warinner und ihre Kollegen in »PNAS« aus den Untersuchungen. Dabei scheinen allerdings fast nur Ideen, nicht aber die Menschen selbst gewandert zu sein.

Das internationale Forscherteam hatte genomweite Sequenzanalysen von DNA-Resten aus den Knochen von 22 Bronzezeitmenschen der Khövsgöl-Fundstelle vorgenommen, die alle im Gebiet der heutigen Mongolei zwischen 1380 und 975 vor der Zeitenwende begraben worden waren. Gar nicht weit von dort entfernt – im Altai-Sayan, heute Grenzgebiet von Russland, China, Kasachstan und der Mongolei – hatten nahezu ein Jahrtausend lang vor und in der Bronzezeit jene zentralasiatischen Milchviehhalter gewohnt, die es aus der Steppe hinaus auch bis nach Europa gebracht hatten. Eigentlich war zu erwarten, dass diese weit ausgreifenden Gruppen ihre Gene auch in das Erbgut der Nordmongolen getragen haben. Tatsächlich waren die nun durch Genanalysen charakterisierten Menschen der Nordmongolei aber ein eigenes Völkchen mit der typischen alten Erbgutsignatur von Jägern und Sammlern geblieben: Nur rund sieben Prozent des analysierten Erbguts waren über Jahrhunderte hinweg aus der westlichen Steppe dazugekommen.

Ihre Lebensweise hatten die einstigen Wildbeuter dabei jedoch durchaus verändert, wie Proteinspuren beweisen, die die Forscher von den Zähnen isolieren konnten: Sie ernährten sich auch schon in der Bronzezeit von Milchprodukten der Wiederkäuer, also von Schafen, Ziegen und Rindern, die wohl wie im Westen in Herden gehalten wurden. Offenbar sind die kulturellen Techniken der Milchviehhaltung zumindest in Khövsgöl übernommen worden. Weitere Untersuchungen sollen nun klären, ob dies womöglich doch ein lokaler Einzelfall gewesen sein könnte. Zu klären ist weiter, welche anderen Kulturmerkmale in die Nomadenkultur der Region importiert wurden – sichtbare Zeugnisse wie etwa die für den Westen typischen Kurgan-Grabhügel und typische Bestattungsrituale fehlen weiter östlich bei allen Agrar-Kulturtransfers immerhin auffallend. Interessant ist zudem, dass die Milchviehhalter in der Mongolei genetisch nicht besonders gut für den Konsum von Milch ausgestattet waren: Ihnen fehlte wie vielen heutigen Nichteuropäern die Laktase-Persistenz, die das Verdauen von Milchzucker auch als Erwachsener gewährleistet. Womöglich, spekulieren die Forscher, entscheidet das Laktase-Gen demnach doch nicht unbedingt endgültig darüber, ob Milchvieh zum Erfolgsfaktor einer Menschengruppe wird.

45/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 45/2018

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