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News: Scherbengericht

Die Viehzucht im Neolithikum diente nicht nur der Fleischversorgung. Chemische Analysen der Überreste ergaben, dass britische Bauern auch schon vor 6000 Jahren Milchprodukte durchaus zu schätzen wussten.
Tonscherbe
Kühe und Ziegen bieten nicht nur schmackhaftes Fleisch, sondern auch noch – bevor sie auf den Teller landen – Milch, aus der sich wiederum weitere Produkte wie Butter oder Käse gewinnen lassen. Kein Wunder, dass der Mensch, nachdem er sein unstetes Leben als Jäger und Sammler aufgab und sich zur bäuerlichen Lebensweise entschloss, die vielseitigen Vorzüge des Viehzeugs zu schätzen wusste.

Doch stimmt das überhaupt? Nutzten die Bauern des Neolithikums schon die Milch ihres Viehs, oder sahen sie in ihnen nur lebende Fleischvorräte? Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Denn die meisten Spuren aus damaliger Zeit sind längst verwischt, und von Milch, die damals vielleicht schon getrunken wurde, dürfte nicht mehr viel übrig sein.

Ein paar auswertbare Überreste gibt es allerdings doch – und zwar auf Tonscherben. Mark Copley von der University of Bristol suchte zusammen mit seinen Kollegen nach Spuren verschütteter Milch auf insgesamt 958 Scherben, die er bei 14 britischen Ausgrabungsstellen aus der Periode der späten Eisenzeit über die Bronzezeit bis hin zum frühen Neolithikum sammelte.

Milch, auch wenn sie schon ein prähistorisches Alter erreicht hat, verrät sich durch ihre Fettsäuren. Doch leider enthält auch Fleisch Fettsäuren, sodass ihr alleiniger Nachweis auf den Scherben nicht genügt. Doch die Wissenschaftler fanden ein Unterscheidungskriterium zwischen Milch und Fleisch: Bei der Fettsynthese reichert der tierische Organismus das stabile Kohlenstoffisotop 13C anders an. Die Fettsäuren von Milch und Fleisch unterscheiden sich demnach in ihrem 12C/13C-Verhältnis.

Die Scherbenanalyse bestätigte nun eine traditionsreiche britische Milchwirtschaft. Selbst auf den ältesten Scherben, die auf 4100 vor Christus datiert werden, fanden sich Milchspuren. Vielleicht lagerte in den alten Tongefäßen nicht nur Milch, wie Mitautor Sebastian Payne vom English Heritage betont: "Natürlich können wir nicht sicher sein, aber es ist doch sehr wahrscheinlich, dass die prähistorischen Menschen die Milch zu Käse und Butter weiterverarbeitet haben, da sich diese Produkte über ein Jahr haltbar lagern lassen."

Damit zeigt sich seiner Ansicht nach die hohe Leistungsfähigkeit der neolithischen Gesellschaft: "Man sollte prähistorische Menschen nicht unterschätzen und sie als schlicht und dumm ansehen. Unsere Arbeit zeigt, dass die damalige Nahrung viel reichhaltiger war als mitunter geglaubt wird."

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