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Ornithologie: Gezwitscherter ABC-Alarm

Kennt noch jemand die Alarmzeichen von Sirenen? Diesen dreiminütigen Dauerton bei möglichen Luftangriffen, das einminütige Auf- und Abschwellen im realen Notfall oder die ABC-Warnung mit kurzer Unterbrechung und mehrfacher Wiederholung? Selbst dieser Stufenplan ist jedoch kein alleiniges Patent der Menschen - auch Meisen warnen unterschiedlich vor ihren Jägern.
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An und für sich sind Schwarzkopfmeisen (Poecile atricapilla) friedliche und gesellige Vögel, die flink durch das Geäst von Büschen und Bäumen nordamerikanischer Gärten und Wälder huschen, wo sie nach Beeren, Insekten und Spinnen suchen. Außerhalb der Brutzeit vereinigen sie sich sogar bisweilen zu sechs- bis achtköpfigen Familiengruppen und scheuen dann auch die Nähe anderer Singvögel oder fütternder Menschen nicht.

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Schwarzkopfmeise | Schwarzkopfmeisen (Poecile atricapilla) verwenden einen großes Repertoire unterschiedlicher Warnrufe, die sich auf die Größe und Gefährlichkeit eines Beuetgreifers beziehen. Für das menschliche Ohr ergeben sich dabei nur geringe Unterschiede, die sich an Lautstärke und Anzahl bestimmter Silben festmachen lassen – aber nur bei aufmerksamen Zuhörern.
Um diese Gruppen zusammenzuhalten, kommunizieren die Meisen über "chick-a-dee-dee"-Rufe, die ihnen auch ihren englischen Namen "Chickadees" eingetragen haben. Obwohl schlicht anmutend, handelt es sich dabei um sehr komplexe Lautäußerungen, die eine Menge Informationen transportieren – etwa über die vorhandene Quantität und Qualität von Nahrung. Und ebenso identifizieren sich die einzelnen Vögel oder ganzen Verbände über diese Töne.

Natürlich werden die Tiere auch aus der Luft und zu Lande von einer Vielzahl von Fressfeinden bedroht, sodass die kleinen Sänger permanent auf der Hut sein müssen. Hier zeigt sich jedoch ein weiterer Vorteil von Familienbanden, denn wegen der dadurch bedingten Vervielfachung wachsamer Augen entgehen ihnen seltener verdächtige Gestalten und erhöht sich die Sicherheit aller. Ist erst einmal ein Jäger erspäht, so warnen die Meisen auf jeweils charakteristische Weise: Könnte ein Falke oder Habicht von oben angreifen, so fiept die potenzielle Beute ein leises, hochtönendes "seet", droht der Feind von unten oder sitzt er vordergründig teilnahmslos im Astwerk, erklingt ein neuerliches lautes "chick-a-dee".

Hier beginnt es nun aber kompliziert zu werden, denn wie weiß ein Kompagnon, ob sich die Äußerung des Artgenossen auf ein Übles im Schilde führendes Käuzchen oder eher auf einen veritablen Vorrat saftiger Raupen bezieht? Für das menschliche Ohr ergibt sich da kaum ein Unterschied, und so war es auch eher ein Zufall, der Christopher Templeton und seine Kollegen von der Universität von Montana auf die richtige Spur brachte. Denn Templeton bemerkte, dass umherstreifende Schwarzkopfmeisen unterschiedlich lange auf die in den Volieren der Forscher gehaltenen Greifvögel und Eulen pfiffen.

Um dem auf den Grund zu gehen, kehrten die Ornithologen die Verhältnisse um, verfrachteten zur Unterscheidung mit bunten Fußbändern markierte Meisen in große natürlich gestaltete Flugvolieren und setzten ihnen unterschiedliche Feindbilder vor – vom kleinen Kalifornienzwergkauz (Glaucidium gnoma) bis hin zum riesenhaften Virginiauhu (Bubo virginianus) sowie eine Hauskatze. In der Folge nahmen die Wissenschaftler 5000 Rufe der Kleinvögel auf, werteten sie spektrografisch aus und beobachteten zusätzlich das jeweilige Verhalten der Tiere.

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Fraßfeinde | Ein Vielzahl unterschiedlicher Greifvögel und Eulen – hier ein Virginiauhu (Bubo virginianus) links und ein Kalifornienzwergkauz (Glaucidium gnoma) rechts – haben es auf die schmackhaften Meisen abgesehen. Mit ihren Warnrufen machen die Singvögel aber nicht nur auf den möglichen Feind aufmerksam, sondern locken auch Verbündete herbei, die den Gegner dann so lange aggressiv bedrängen, bis dieser kampflos das Feld räumt. Die Tonfolge gibt allerdings an, ob lange und heftig gemobbt werden muss wie beim wendigen und damit gefährlichen Kauz oder ob es sich um den weniger agilen Uhu handelt, der eine geringere Bedrohung bedeutet.
Und tatsächlich zeigten die Stimmendiagramme deutliche Abwandlungen im Alarmton: Je kleiner, wendiger und damit auch für kleine Meisen gefährlicher ein potenzieller Angreifer war, desto häufiger piepten die Vögel und desto mehr "dee"-Silben streuten sie am Ende ihres Rufs ein: Während der notorisch Kleintiere jagende Zwergkauz gleich 23 in kurzer Folge und relativ laut vorgebrachte "dees" herauslockte, galten dem eher schwerfälligen Uhu nur deren fünf oder zehn leisere in langsamerem Rhythmus. Die Katze rangierte dazwischen und wird daher auch von der Gefährlichkeit durchschnittlich eingestuft.

Diese Stimmen warnen die Tiere allerdings nicht nur, sondern geben ihnen und Verbündeten ebenso ein Signal zur Attacke: Erst einmal auf den möglichen Feind aufmerksam gemacht, wird er von den Meisen und herbei gelockten Kleibern, Finken oder Fliegenschnäppern umzingelt, beschimpft und mit fingierten Luftangriffen bedrängt, bis er entnervt das Feld räumt. Mit diesem "Hassen" genannten Verhalten versuchen die Singvögel, ihre latente Bedrohung unter Kontrolle zu halten oder sie zur Flucht zwingen. Zudem dient dies womöglich der Anleitung von Jungtieren, sodass sie die späteren Gegner erkennen.

Nun ist es aber unnötige Energieverschwendung, einen trägen Uhu ausgiebig zu mobben, der ohnehin nur in Ausnahmefällen eine kleine Meise erlegt. Deshalb übermittelt der Warnruf auch eine Botschaft, mit welcher Intensität der Räuber belästigt werden muss. Denn spielte Templeton den Schwarzkopfmeisen das Band mit dem Käuzchen-Alarm vor, reagierten die provozierten Versuchsteilnehmer wesentlich aggressiver und draufgängerischer als beim Erklingen einer Uhu-Meldung: Sie näherten sich dem versteckten Lautsprecher mit einer zahlenmäßig größeren Gefolgschaft dichter an und tobten länger davor herum.

Die Meisen können also trefflich zwischen mehreren potenziellen Feinden und auch völlig harmlosen Tieren unterscheiden – zu Vergleichszwecken vorgeführte Wachteln riefen nicht einmal eine müde Reaktion hervor. Und vielleicht wissen die Räuber ebenfalls, bei welchen Lautäußerungen sie besser den Rückzug antreten sollten: So mancher bedauernswerte Bussard verschied hierzulande bereits unter den mit Hilfe von abgeworfenen Verdauungsprodukten ausgeführten Angriffen von Wacholderdrosseln.
25.06.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.06.2005

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