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Höhle in Südspanien: Bezeugen diese menschlichen Knochen Kannibalismus?

In der Jungsteinzeit pflegten die Iberer eine besondere Totensitte: Sie zerlegten ihre Verstorbenen und brachen das Mark aus den Knochen. Oder sind es Zeugnisse anderer Bräuche?
Cueva de los Marmoles
Ein Knochen, wie ihn die Archäologen vom Boden der Mármoles-Höhle in Andalusien aufgelesen haben.

Vor mehr als 7000 Jahren begannen Menschen im Süden der Iberischen Halbinsel, eine spezielle Sitte zu pflegen: Sie brachten ihre Verstorbenen, als diese wohl schon teilweise verwest waren, in Höhlen, brachen dort die Gebeine auseinander, schabten das Fleisch von den Knochen und kratzten das Mark heraus. Bisweilen funktionierten sie die Knochen auch um: Sie schnitzten Werkzeuge daraus oder formten Trinkschalen aus Schädelkalotten. Warum die Menschen beginnend in der Jungsteinzeit solchen Bräuchen nachgingen und ob diese auch kannibalistische Praktiken bezeugen, untersuchte ein Team um die Anthropologin Zita Laffranchi von der Universität Bern. Die Forscherinnen und Forscher analysierten dazu die Knochenfunde aus der Cueva de los Mármoles in der andalusischen Provinz Córdoba. Wie sie im Fachmagazin »PLOS ONE« als Fazit ihrer Untersuchung vorschlagen, hielten die Menschen die Höhle womöglich für eine jenseitige Welt. Die Gebeine ihrer Verstorbenen abzuschaben und zu zerbrechen, könnte dabei eine spezielle, aber damals verbreitete Form der Totenpflege gewesen sein.

Die Fachleute hatten die Knochen teils selbst in der Mármoles-Höhle aufgesammelt, teils lagen diese aus vorangegangenen Forschungskampagnen vor. Die mehr als 400 Knochenfragmente und Zähne konnten sie zwölf Menschen zuweisen, darunter Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Männer wie Frauen. Dabei fiel Laffranchis Team auf, dass vor allem Teile des Schädels, Rippen sowie Bein- und Armknochen die Jahrtausende überdauert hatten – nur selten fanden sich Glieder von Händen und Füßen.

Erstmals führten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch eine 14C-Datierung an einigen Knochen aus der Mármoles-Höhle durch. Sie ergab, dass über drei Jahrtausende hinweg, vom Ende des 5. bis ins 2. Jahrtausend v. Chr., also vom Neolithikum bis in die späte Bronzezeit, Tote in die Höhle gebracht und dort zerlegt wurden.

Eine Schädelkalotte als Trinkgefäß?

Als Laffranchis Team die Knochen genauer untersuchte, entdeckte es an einem Drittel der Überreste Bruchstellen, die ihrem Aussehen nach vor sehr langer Zeit entstanden waren. Allerdings hatte man die Knochen wohl beschädigt, als sie »noch ›frisch‹ waren, das heißt, einigermaßen flexibel«, schreiben die Fachleute in ihrer Studie. Aus einigen Langknochen hatte man überdies das Mark geschabt. Und zwei Funde fielen besonders auf: Aus einem Schienbeinknochen hatten die Neolithiker ein Werkzeug gefertigt – und einen menschlichen Schädel sprengten sie mit einem Gerät so auseinander, dass sie die Kalotte abtrennen konnten.

Für vergleichbare Schädelfunde aus der Region hatten Fachleute bereits vermutet, wie Laffranchi und Co berichten, man habe so ans Innere gelangen wollen – um das Gehirn zu verzehren. Dafür spreche auch, dass die Kalotte aus der Cueva de los Mármoles fein säuberlich ausgeschabt worden war.

Höhleneingang | Die Mármoles-Höhle erstreckt sich zirka 370 Meter tief in den Fels. Sie liegt ungefähr auf 900 Meter über dem Meeresspiegel in der andalusischen Provinz Córdoba.

Auch Laffranchi und ihre Kollegen wollen nicht ausschließen, dass man versuchte, »an das Gehirn zu gelangen aus Gründen der Ernährung«, wie sie schreiben. Ebenso ließe sich das Herausschaben des Knochenmarks deuten – aus »Ernährungszwecken«. Sicher nachweisbar ist es aber nicht. Denn der Form nach sei auch denkbar, dass die Kalotte als Trinkschale dienen sollte.

Kannibalismus oder Totensitten – oder beides?

Daher erwägen die Forschenden auch, dass die Knochen die Zeugnisse spezieller Totensitten sind. Man brachte die Verstorbenen in die Höhle, als sie bereits teilweise verwest waren. Das schließen Laffranchi und ihr Team aus den wenigen Hand- und Fußknochen, die sich vielleicht schon zuvor vom Körper gelöst hatten. Das Höhlensystem von Mármoles, das unweit von Granada liegt, könnte bei den Neolithikern Vorstellungen an eine jenseitige Welt geweckt haben, in der sich die Toten aufhielten. »Die ständige Dunkelheit und die unterirdische Lage der Höhlen macht sie zu idealen Ruhestätten« verstorbener Gemeinschaftsmitglieder, heißt in »PLOS ONE«. Im Untergrund sei die »Zeit eingefroren, da Phänomene fehlen, die normalerweise den Lauf der Zeit markieren«, wie der in der Natur sichtbare Wechsel der Jahreszeiten oder der Unterschied von Tag und Nacht. Gerade in Höhlen sei es daher möglich gewesen, die Ahnen zu verehren und sie durch spezielle Sitten in Erinnerung zu behalten.

Nicht auszuschließen sei allerdings, wie die Forscherinnen und Forscher schreiben, dass die Bruchspuren an den Knochen natürlich entstanden sind – durch Felsstürze in der Höhle oder das Umherschleifen der Gebeine durch Tiere. Zudem dokumentierten sie nur selten Schnitt- und Hackspuren, die dann recht sicher Menschen verursacht hatten. Andererseits haben sie auffällig wenige Bissspuren von Tieren an den Gebeinen bemerkt. Dass die Brüche nicht zufällig entstanden, legen auch die Funde in den anderen Höhlen der Region nahe: Knochen mit zahlreichen Schnittkerben oder aufgebrochene Schädel bezeugen dort ähnliche steinzeitliche, womöglich auch kannibalistische Gebräuche.

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