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Parasoziale Beziehungen: Kann man um jemanden trauern, den man nicht persönlich kennt?

Millionen Menschen betrauern am heutigen Montag den Tod der britischen Queen. Forscher halten diese Gefühle für echt. Warum der Verlust eines Menschen schmerzen kann, dem man nie begegnet ist.
Menschen legen im Park nahe dem Buckingham Palace Blumen für Queen Elizabeth II. nieder.
In den Tagen nach dem Tod von Queen Elizabeth II. legen Menschen im Park nahe dem Buckingham Palace Blumen nieder. Die britische Königin starb am 8. September 2022 im schottischen Balmoral Castle.

Der Tod von Königin Elizabeth II. im Alter von 96 Jahren hat im Vereinigten Königreich und auf der ganzen Welt eine Welle der Emotionen ausgelöst. Ihre Familie und Vertraute trauern um jemanden, den sie kannten und liebten. Aber was fühlen die anderen Trauernden? Kann man ihre Gefühle gegenüber einer Person, die sie nie persönlich kennen gelernt haben, überhaupt als Trauer bezeichnen?

Die Trauerforschung habe sich bislang überwiegend auf den Verlust von Eltern, engen Freunden oder Lebenspartnern konzentriert, berichtet Michael Cholbi, Philosoph und Ethiker an der University of Edinburgh in Schottland. Zu berühmten Persönlichkeiten oder Mitgliedern des Königshauses bestehe zwar nur eine einseitige Beziehung, auch »parasoziale Beziehung« genannt. Aber auch sie könnte durchaus Anlass zur Trauer geben, sagt Cholbi. »Ich wüsste nicht, warum wir davon ausgehen sollten, dass Trauer nur im Rahmen von wechselseitigen Beziehungen auftritt.«

»Es fühlt sich nicht nur so an, als habe man diesen Menschen verloren, sondern in gewisser Weise auch einen Teil von sich selbst«Michael Cholbi, Philosoph und Ethiker

Einige Forscher führen parasoziale Trauer auf den Verlust von Möglichkeiten zurück: »Die Erfahrung von Trauer ist eine Art Störung in der Erfahrung der Welt. Wenn das passiert, werden unsere Annahmen in gewisser Weise erschüttert«, sagt die Philosophin Louise Richardson, Kodirektorin eines Projekts der University of York in Großbritannien zum Thema Trauer. Sie beruft sich auf eine Theorie, die sie als »assumptive world« bezeichnet und die davon ausgeht, dass ein Mensch feste grundlegende Annahmen über die Welt hat. »Die Verluste, die wir betrauern, sind solche, die diese angenommene Welt stören. Das kann die Trauer über den Tod der Königin erklären«, sagt sie.

Cholbi kann nachvollziehen, dass Menschen über den Verlust von öffentlichen Persönlichkeiten trauern, die mit ihrer eigenen Identität verbunden sind, etwa weil sie deren Werte geteilt oder deren Haltung bewundert haben. Ein solcher Mensch habe auch im eigenen Leben eine Rolle gespielt. »Es fühlt sich also nicht nur so an, als habe man diesen Menschen verloren, sondern in gewisser Weise auch einen Teil von sich selbst.«

»Diese Gefühle sind echt, die Trauer ist echt«Andy Langford, klinischer Leiter einer Trauerorganisation

Wie kommen die Menschen über den Verlust hinweg? Forschung aus dem Jahr 2012 deutet darauf hin, dass Identifikationsprozesse wie die Introjektion bei der Bewältigung helfen können. Auch wenn wir eine Person nur aus der Ferne kennen, nehmen wir bestimmte Eigenschaften bei ihr wahr, erklärt Andy Langford, klinischer Leiter der in London ansässigen Trauerorganisation Cruse. »Für manche Menschen geht es darum, sich zu sagen: Ich habe diese Eigenschaft wirklich bewundert, und deshalb werde ich weiter für sie einstehen«, sagt Langford. Er hält die Trauer um eine Person des öffentlichen Lebens für real: »Diese Gefühle sind echt, die Trauer ist echt.«

Echte Gefühle | Am Tag nach dem Tod der Queen weint eine Frau beim Besuch des Buckingham Palace in London.

Langford geht jedoch davon aus, dass die Trauer nach dem Tod einer nicht persönlich bekannten Person wie der Königin schneller nachlässt als nach dem Verlust nahestehender Menschen. Die Bindung, die wir zu jemandem aufbauen, hänge von drei Dingen ab: Zeit, örtliche Nähe und Vertrautheit, sagt er: »Diese drei Facetten bestimmen, wie stark wir trauern.«

Es sei »höchst unwahrscheinlich«, dass die starke Trauer um die Königin bei denen, die sie nicht persönlich kannten, über Monate oder Jahre andauere – dass sich also eine anhaltende Trauerstörung entwickle, sagt Katherine Shear, Direktorin des Zentrums für anhaltende Trauer an der Columbia University in New York City.

Nach wie vor ist es schwierig, Theorien zur Trauer empirisch zu überprüfen. »Wie kann man etwas testen, wenn man nicht genau weiß, was es ist«, sagt Richardson. »Es gibt keine Trauerdrüse im Gehirn, an deren Aktivität man den Grad der Trauer ablesen könnte.« Trauer sei sehr kompliziert, fügt Shear hinzu: »Es ist nicht nur eine Emotion, sondern eine ganze Gruppe von Emotionen.«

Klar ist, dass viele Menschen, die um die Königin trauern, tatsächlich Trauer empfinden. »Wir erleben das so, als würden wir einen Teil von uns selbst verlieren, auch wenn wir die Königin nie kennen gelernt haben«, sagt auch die Psychologin Mary-Frances O’Connor von der University of Arizona in Tucson. »Wir verlieren eine Quelle der Inspiration und Ermutigung und einen Abschnitt der eigenen persönlichen Geschichte und Kulturgeschichte.«

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