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»Planetarische Grenze«: Künstliche Chemikalien gefährden Bewohnbarkeit der Erde

Plastik, Medikamente, Hilfsstoffe - unzählige künstliche Substanzen gelangen in die Umwelt. Und es werden immer mehr. Das werde zur Gefahr für die Menschheit, sagen nun Fachleute.
Abfall an einem Strand, im Gintergrund Bäume und andere Vegetation.

Die Rate, mit der neue künstliche Stoffe in die Umwelt gelangen, gefährdet die Bewohnbarkeit der Erde. Zu diesem Ergebnis kommt eine Arbeitsgruppe um Linn Persson vom Stockholm Environment Institute in der Zeitschrift »Environmental Science & Technology«. Hintergrund ist das 2009 formulierte Konzept der »planetarischen Grenzen«, deren Überschreitung die Erde langfristig unbewohnbar machten würde. Eine dieser Grenzen ist, wie viele neue und bisher unbekannte künstliche Verbindungen in die Ökosysteme gelangen – diese können auf verschiedene Arten Ökosysteme und Biodiversität beeinflussen. Nach Ansicht des Teams überschreitet die Zahl und Menge der künstlichen Stoffe bereits jetzt die Grenze, bis zu der man die Folgen dieser Kontamination einschätzen oder gar kontrollieren könne.

Derzeit sind etwa 350 000 künstliche Stoffe erhältlich; die Produktion solcher Chemikalien stieg in den Jahrzehnten seit 1950 um etwa das 50-Fache. Besonders die Bandbreite dieser Chemikalien wächst heute schneller als je zuvor. Einige dieser freigesetzten Stoffe sind giftig, andere, wie Antibiotika oder hormonähnliche Stoffe im Abwasser, haben unerwünschte Effekte in der Umwelt, und wieder andere sind quasi unzerstörbar und sammeln sich unaufhaltsam in der Umwelt an – zum Beispiel die fluorhaltigen PFAS. Nur von einem kleinen Bruchteil ist bekannt, welche Auswirkungen sie auf Organismen und Ökosysteme haben.

Obwohl die Verschmutzung mit künstlichen Chemikalien bereits 2009 als eine der planetarischen Grenzen bezeichnet wurden, war bisher schlicht unbekannt, wo die Menschheit relativ zu dieser Grenze steht. Es gibt zwar viele Beispiele beeindruckender chemischer Verschmutzung wie etwa Mikroplastik, das inzwischen buchstäblich überall hingelangt, oder Industriechemikalien, die sich im Blut aller Menschen aufspüren lassen. Aber es ist absolut nicht klar, wie gravierend die Schäden wirklich sind und ob sich ihre Gesamtheit zu einem existenziellen Problem addiert.

Tatsächlich gibt es keinen einfachen Maßstab dafür – die tatsächliche Bedrohung durch all diese Stoffe ist unbekannt. Denn das Kernproblem ist ja, dass es sich um sehr viele unbekannte Stoffe mit unbekannten Effekten handelt. Deswegen entschied sich das Team um Persson für einen quasistatistischen Ansatz: Wenn man die künstlichen Stoffe und ihre Effekte nicht überwacht, untersucht und gegebenenfalls unter Kontrolle halten kann, dann wird einer von ihnen irgendwann eine existenzielle Gefahr werden, wenn man nur genug produziert. Und das ist nach Ansicht der Arbeitsgruppe die gegenwärtige Situation.

Die Schlussfolgerung: Wenn sich nichts ändert, geht es irgendwann schief. Die Verschmutzung der Umwelt mit künstlichen Substanzen ist eine von insgesamt neun planetarischen Grenzen, die in der Veröffentlichung von 2009 benannt wurden. Als sicher überschritten gelten dort außerdem die Belastungen der geochemischen Stickstoff- und Phosphorkreisläufe durch den Menschen sowie die mittlere Aussterberate. Außerdem sehen Fachleute bei Landnutzung und Klimawandel die Grenze in Reichweite. Als derzeit noch unkritisch gelten Wassernutzung, Ozeanversauerung und die Ozonlöcher. Die Rolle der atmosphärischen Aerosole ist bisher nicht berechnet worden.

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