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News: Menschliche Kopfnuss

Vor etwa einer Million Jahre starb der Frühmensch, dessen Schädelknochen Wissenschaftler jetzt untersucht haben. Möglicherweise gibt das verwitterte Fundstück eine Antwort auf die umstrittene Frage, ob damals nur eine oder doch zwei Arten menschlicher Vorfahren existierten: Der Schädel zeigt sowohl Merkmale eines Homo erectus als auch der bislang als Homo ergaster bezeichneten Spezies. Bildet der Fund also ein Bindeglied?
Als der moderne Mensch sich vor 100 000 Jahren aus Afrika nach Norden aufmachte, betrat er kein unbewohntes Gebiet. Er traf dort auf jemanden, dessen Urahnen schon fast 1,5 Millionen Jahre vorher angekommen waren: Vertreter des Homo erectus, des "aufrechten Menschen". Diese stammte ebenfalls aus Afrika, hatten schon ein großes Gehirn, gebrauchten ihre Fähigkeiten um einfache Steinwerkzeuge anzufertigen – und waren vielleicht die ersten, die das Feuer benutzten und beherrschten.

Homo erectus hatte also, bevor ihn der Konkurrenzkampf mit Homo sapiens zum alten Eisen machte, von seiner Entstehung bis zu seinem endgültigen Verschwinden fast 1,8 Millionen Jahre Erfolgsgeschichte hinter sich. In dieser Zeitspanne, in der er sich über die ganze Welt ausbreitete, hatten sich einige seiner charakteristischen Merkmale allmählich verändert. Die Form der ältesten und der jüngsten Fossilien des Homo erectus unterscheiden sich sogar so stark, dass einige Wissenschaftler darin zwei verschiedene Arten erkennen. Nur die jüngere Form, die in Afrika, Asien und Südeuropa gefunden wird, bezeichnen sie als Homo erectus, eine ältere, rein afrikanische dagegen als eigenständige Art Homo ergaster. Eine Einschätzung, die inzwischen mehr und mehr Anthropologen teilten.

Eine falsche Einschätzung, sagen jetzt Wissenschaftler der University of California und der University of Ethiopia in Addis Abeba, die den verwitterten Schädelrest eines afrikanischen Frühmenschen untersucht haben. Bisher war aus dieser Zeitepoche vor einer Million Jahren, der Übergangszeit von den älteren zu den jüngeren Formen des Homo erectus, noch kein derartiges menschliches Knochenfragment in Afrika gefunden worden – somit ein Glückstreffer.

"Unser Fossil verbindet den jüngeren asiatischen und den älteren afrikanischen Homo erectus", sagt Berhane Asfaw, ein Mitglied des Teams, welches das Knochenstück 1997 gefunden hatte. "Der Schädel trägt eindeutig Merkmale beider Formen." Die Wissenschaftler vermuten daher, dass sich die jüngere Variante des Homo erectus schlicht im Laufe der Zeit aus der älteren, afrikanischen entwickelt hat.

Erst gegen Ende der Homo-erectus-Epoche, vor etwa einer halben Million Jahre, hätten sich ihre geografisch getrennten Gruppen stark auseinanderentwickelt – die jüngsten und zugleich letzten Vertreter aus Asien und Afrika unterscheiden sich in dieser Zeit schon sehr deutlich. Dafür verantwortlich könnten nach Ansicht von Asfaw und seinen Kollegen die Eiszeiten sein, die vor etwa 950 000 Jahren einsetzten und einzelne Populationen räumlich isolierten. Aus den europäischen Formen, so spekulieren die Forscher, könnte sich dann vielleicht der Neandertaler entwickelt haben, die asiatischen sind ausgestorben – und unter den Afrikanern fanden sich die Vorfahren des Homo sapiens.

Bernard Wood von der George Washington University bleibt indes skeptisch. "Ein toller Fund", sagt er, hält aber die von ihm zuerst vorgestellte Theorie einer eigenen Homo-ergaster-Art deswegen nicht für überholt. Andere Wissenschaftler sind derselben Meinung, und die Debatte über unseren alten Vorgänger wird wohl weitergehen.

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