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Mentales Training: Sportliche Höchstleistung dank Hypnose?

Um im Sport alles geben zu können, braucht es einen fitten Körper sowie starke Nerven. Manche setzen daher auf mentales Training, gar Hypnose. Doch ob diese nutzt, ist umstritten.
Sportler und Sportlerinnen können mentale Stärke trainieren.

Richten Sie Ihren Blick auf den Korb. Benennen Sie fünf Dinge in Ihrem peripheren Blickfeld. Nun zählen Sie bitte fünf Dinge auf, die Sie hören, dann fünf Dinge, die Sie fühlen. Gut. Runde zwei! Benennen Sie vier Dinge, die Sie sehen, hören und fühlen. Machen Sie weiter, bis Sie bei einer einzigen Sache angelangt sind – zunächst angeleitet und mit etwas Übung befinden sich Sportler und Sportlerinnen danach in einer Art Trance. Im Ernstfall, dem Wettkampf, rufen die Sportler diesen Trancezustand ab, zum Beispiel, indem sie ein Wort murmeln oder sich am Ohrläppchen zupfen. Denn in Trance gilt: Ablenkung? Kaum möglich. Stattdessen liefert man die persönliche Bestleistung im Spiel.

Schon Milton Erickson, amerikanischer Psychiater, Psychotherapeut und Gründer der klinischen Hypnose, definierte die Trance als »Zustand intensivierter Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit«. Die Idee, mentales Training im Sport um Hypnose zu ergänzen, ist damit alles andere als abwegig. Was könnte hilfreicher sein, als auf dem Spielfeld intensiv den Korb wahrzunehmen, auf den es zu werfen gilt, während sich die Welt um einen herum zu verlangsamen scheint?

Selbst wer größtes Talent hat, braucht eine Menge Willenskraft, um erfolgreich zu sein. Und die lässt sich tatsächlich trainieren, wie Sportpsychologen aus Erfahrung wissen. Auf was manche Sportlerinnen und Sportler speziell schwören, um ihren Geist zu stärken, ist Hypnose. Sie soll die Konzentration verbessern und Stress minimieren, indem man lernt, sich auf die eigene Kraft zu besinnen und auszublenden, was überflüssig, statisch oder störend ist.

In Medizin und Psychotherapie gilt die Behandlungsmethode der klinischen Hypnose mittlerweile als legitim. Es gibt Metaanalysen, die darauf hinweisen, dass Hypnose zum Beispiel vor medizinischen Eingriffen als Beruhigungsmethode wirksam ist. Aber im Leistungssport – geschweige für Hobbysportler – gibt es nur wenige Evidenzen.

In Trance dank Atemtechnik, Augenbewegung oder Pendel

»In einem Trancezustand ist die Kontrolle durch das Bewusstsein herabgesetzt, die unbewussten Anteile der Psyche sind der Kommunikation zugänglicher«, sagt Jürgen Beckmann, Professor für Sportpsychologie an der Technischen Universität München und ausgebildeter Hypnotherapeut. Das sei hilfreich, um Blockaden und Probleme zu bearbeiten. Gleichzeitig würde eine Person in der Hypnose nichts tun, was gegen ihre eigenen Werte spricht oder mit dem sie sich nicht identifizieren kann, sagt Beckmann.

Um den Zustand höchster Konzentration zu erreichen, gibt es unterschiedliche Methoden. Zum Beispiel jene, die zu Beginn beschrieben ist und die Beckmann selbst praktiziert. Andere Therapeutinnen setzen auf Atemtechniken, weitere auf bestimmte Augenbewegungen, und manche Therapeuten – ganz klassisch – auf ein Pendel.

»Hypnose im Sport ist relativ neu. Außerdem ist Leistungssport hochkomplex«
(Jürgen Beckmann, Hypnotherapeut)

Doch mit welchem Effekt? Belastbare Untersuchungen sind leider rar. Hinweise liefert unter anderem eine Hypnose-Intervention an 59 Fußballspielern und -spielerinnen von Forschenden aus England. Die Hälfte der Teilnehmenden unterzog sich drei Hypnosesitzungen, die andere Hälfte, die Kontrollgruppe, sah sich Videos aus dem Profifußball an. Gemessen wurde eine Verbesserung der Leistung bei einer Art Torwandschießen. Tatsächlich fanden die Autoren einen Unterschied zwischen den Gruppen, welcher auch nach vier Wochen noch bestand: Die Teilnehmer mit den Hypnosesitzungen schnitten signifikant besser ab.

Untersuchungen dieser Art gibt es bis heute wie erwähnt nur wenige. Bei den meisten publizierten Studien handelt es sich um Einzelfalluntersuchungen, ohne Kontrollgruppen und vernünftiges Studiendesign. »Das liegt einerseits daran, dass Hypnose im Sport relativ neu ist«, sagt Beckmann. »Außerdem ist der Leistungssport hochkomplex. Da spielen sehr viele andere Variablen mit rein, zum Beispiel die Ausgangsverfassung, die Ernährung und Anzahl der Trainingseinheiten.«

Mentale Stärke – was soll das sein?

Talent allein reicht nicht, um im Sport erfolgreich zu sein. Wichtig ist auch mentale Stärke. Der Sportpsychologe James Loehr bezeichnet sie in seinem Buch »The New Toughness Training for Sports« als die Fähigkeit, unabhängig von der Wettbewerbssituation ständig am oberen Level des eigenen Talents und der eigenen Skills zu performen. Erweitern lässt sich diese Beschreibung laut einem Forscherteam um den Gedanken, mentale Stärke bedeute, dem Gegner überlegen sein zu können, indem man dauerhaft zielstrebiger, fokussierter, selbstbewusster ist und sich sogar unter Druck stets kontrollieren kann.

Vier Dinge sollen dafür entscheidend sein: emotionale Flexibilität – die Eigenschaft, unerwartete emotionale Wendungen zu verarbeiten und positiv ausgeglichen zu bleiben. Außerdem sei es wichtig, auch unter Druck lebendig, wach und mit sich verbunden zu bleiben, also ein emotionales Reaktionsvermögen zu besitzen, sowie über emotionale Stärke zu verfügen, um selbst in Stresssituationen stabil zu bleiben. Alles ergänzt um emotionale Resilienz, womit die Fähigkeit gemeint ist, sich von einem Fehler rasch zu erholen und trotz verpasster Chancen – einem verfehlten Freiwurf, ungünstigen Abschlag, verpatzten Aufschlag – direkt weiterzumachen, als wäre nichts Enttäuschendes geschehen.

Wer diese Eigenschaften nicht hat, kann sie fördern. Das ist sinnvoll für jene, die bereits ein Talent und Fähigkeiten für einen bestimmten Sport mitbringen, sei es Fußball, Basketball oder Golf. Doch gerade bei Menschen, die noch nicht sonderlich gut sind, wird der gestärkte Wille dabei helfen, körperliche und technische Makel zu überwinden.

Da geht noch was!

Dennoch setzen Sportpsychologinnen und -psychologen Hypnose regelmäßig ein. Zum Beispiel Anke Precht, Diplompsychologin und ausgebildete Hypnotherapeutin. Derzeit zählen zu ihren Klientinnen unter anderem die Frauen der Erstliga-Fußballmannschaft des SC Sand.

Zu Precht kommen viele Sportler, die sich steigern oder in ihrer Leistung stabiler werden wollen. »Ich gehöre aber nicht zu den Sportpsychologen, die sagen, der Kopf entscheidet am Ende über den Erfolg. Es ist immer eine Kombination aus physischem Training, Ernährung, Lebensführung und Psyche«, sagt sie. Ab einer gewissen Leistungsdichte jedoch nehme die Bedeutung der Psyche zu. Bei fünf sehr gut trainierten Athletinnen im Hochleistungssport könne die mentale Stärke am Ende entscheidend sein: »Wer behält das Selbstvertrauen? Wer geht doch noch ein bisschen mehr über die Schmerzgrenze?«, sagt Precht.

Dabei reicht Hypnose allein für Precht nicht aus, die Sportpsychologin sieht sie als eines von vielen Werkzeugen. »Ich habe einen Methodenkoffer, der sich aus allen möglichen Bereichen zusammensetzt. Je nach Athlet gestalte ich die Intervention sehr individuell«, sagt Precht. Da gäbe es neben der Hypnose auch noch etliche weitere, wie verhaltenstherapeutische Maßnahmen oder psychoedukative Methoden.

»Und manchmal kombiniere ich auch mehrere Dinge. Denn viele Interventionen aus der Verhaltenstherapie funktionieren in Trance noch besser«, sagt Precht. Zum Beispiel manche Imaginationsübungen, wenn ein Spieler sich in einen Flow-Zustand versetzen möchte. Nach der Theorie können Sportler sich in Trance besser auf frühere Erlebnisse fokussieren. Es sei leichter, in der Vergangenheit Geschehenes wieder zu erleben und die Faktoren, die in jener Situation zum Erfolg oder Misserfolg führten, wesentlich klarer zu analysieren als im Wachzustand.

»Ich versetze zum Beispiel einem Sportler in Trance und gemeinsam gehen wir zurück zu diesem einen Wettkampftag, als alles ganz leicht war, der Boden unter ihm vorbeigezogen ist, die Bäume an ihm vorbeigerast sind«, sagt Precht. Diese Erfahrung wird in Trance mit allen Sinnen nacherlebt und möglichst detailliert beschrieben.

»Hypnose zaubert aus einem mittelmäßigen Athleten nicht plötzlich einen Hochleistungssportler«
(Anke Precht, Diplompsychologin)

Anschließend werde diese Erinnerung dann kombiniert mit einem Körperanker, um den Zustand körperlich abzuspeichern. Dafür kneift sich der Sportler zum Beispiel in sein linkes Ohrläppchen. »Das ist eine Möglichkeit, einen alten Flow-Zustand ins Hier und Jetzt zu holen«, sagt Precht. Indem man das übt, könne man lernen, den Flow auch im Wettkampf anzuwenden.

»Hypnose zaubert aber nicht aus einem mittelmäßigen Athleten plötzlich einen Hochleistungssportler«, sagt Precht. Sie funktioniere, wie beim physischen Training, umso besser, je mehr man sie trainiert. Und selbst dann führe sie nicht bei jedem zu einer Leistungssteigerung. Manchmal sei das Ergebnis schlicht, dass die Athleten sich wohler fühlen. Was auch ein Sieg wäre.

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