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Hemmer und Meßner erzählen: Kleine Geschichte eines Erfinders, der zwei Körbe an die Wand hängte

Fußball, Hockey, Baseball – die Regelwerke vieler Ballsportarten entstanden ganz allmählich im 19. Jahrhundert. Mit einer Ausnahme: Basketball. Das war eine Erfindung auf dem Reißbrett, wie unsere Kolumnisten erzählen.
James Naismith (1861–1939) erfand 1891 Basketball.

James Naismith, begeisterter American-Football-Spieler und Sportlehrer an der YMCA Training School in Springfield, Massachusetts, hatte ein Problem. Der Kanadier sollte sich eine Sportart für den Winter ausdenken. In der kalten Jahreszeit musste das Football-Training nämlich in der Halle stattfinden. Doch wegen der hohen Verletzungsgefahr auf dem harten Hallenboden war das eigentlich kein idealer Ort. Sein Arbeitsauftrag lautete also, ein Wettkampfspiel zu erfinden, das die Geschicklichkeit fördert und mit möglichst wenig Härte und Ausrüstung gespielt werden kann.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche »Geschichten aus der Geschichte« auf ihrem gleichnamigen Podcast. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der Kolumne »Hemmer und Meßner erzählen« gibt es hier.

Zu ebenjener Zeit im Jahr 1891 übernahm Naismith eine Gruppe mit renitenten Jugendlichen, bei der bereits zwei Lehrer aufgegeben hatten. Denn die 18 Jugendlichen wollten sich nicht mit dem üblichen Alternativprogramm für den Winter zufriedengeben – das waren meist Abwandlungen von Kinderspielen. Naismith setzte es sich zur Aufgabe, innerhalb von zwei Wochen die Klasse mit einer neuen Sportart zu begeistern.

Kurz bevor die selbst gesetzte Frist abgelaufen war, hatte er einige grundlegende Prinzipien zusammengestellt:

Die Sportart sollte mit einem Ball in Fußballgröße gespielt werden.

Um Tacklings zu verhindern, sollten die Spieler mit dem Ball in Händen nicht laufen dürfen.

Und was braucht eine Ballsportart noch? Irgendeine Art Tor oder Ziellinie.

Naismith ging zum Hausmeister, um sich Schachteln zu besorgen. Der konnte ihm allerdings nur zwei Pfirsichkörbe anbieten. Der Sportlehrer nahm sie, der Hausmeister befestigte die Behälter an der Galerie der Turnhalle. Und zwar auf einer Höhe von zehn Fuß – das sind umgerechnet ungefähr 3,05 Meter –, was bis heute der Korbhöhe beim Basketball entspricht.

Am Anfang waren 13 Regeln

Regeln gab es für den Sport noch nicht, aber Naismith hatte nur wenig Zeit, bis das Training begann. So schrieb er innerhalb einer Stunde 13 Regeln auf, ließ seine Notizen von der Schulsekretärin mit der Schreibmaschine abtippen und legte sie der Gruppe vor. (Die beiden Zettel mit den Regeln wurden übrigens 2010 für mehr als vier Millionen US-Dollar versteigert.) Am 21. Dezember 1891 begann das Training und damit das erste Basketballspiel der Geschichte.

Die Zählweise war noch anders: Für jeden Treffer gab es einen Punkt. Außerdem nutzten die Spieler einen Korb mit Boden. Sie mussten also nach jedem Treffer auf eine Trittleiter steigen und den Ball wieder herausholen. Ein Brett hinter dem Korb gab es ebenfalls noch nicht. Und das Ergebnis des ersten Versuchs lässt erahnen, dass es Anlaufschwierigkeiten gab – verglichen mit heute üblichen Basketballergebnissen: Der Endstand lautete 1:0.

Mannschaftsfoto | Der Erfinder des Basketballs und sein erstes Team – die erste Basketballmannschaft überhaupt. Naismith sitzt mit Anzug in der Mitte.

Später führte man die Freiwürfe und die heute übliche Punkteregelung ein. Nur der Drei-Punkte-Wurf kam erst 1979 in der NBA hinzu, der weltweit populärsten Basketballliga. Und das, obwohl schon Naismith mehr Punkte für einen Fernwurf vorgeschlagen hat, nämlich vier Punkte.

Basketball – die harmlose Alternative zum American Football

Naismiths Trainingsgruppe war von der neuen Sportart begeistert. Und so begann der steile Aufstieg hin zu einer der beliebtesten Sportarten der Welt. Verbreitet wurde Basketball zunächst über die YMCA-Bewegung. YMCA steht für »Young Men's Christian Association«, das deutsche Pendant ist der »Christliche Verein junger Menschen«. 1844 in London wurde die YMCA gegründet und ist inzwischen weltweit eine der größten Jugendorganisationen überhaupt. Zu ihrem Konzept gehören Sport und Bewegung. Schon bald nach Erfindung des Basketballs kursierten die Regeln über eine Zeitung der Organisation.

Wenig später, im April 1892, erschien dann die erste Meldung über die neue Ballsportart in der »New York Times«. Die Überschrift lautete: »A New Game of Ball, A Substitute for Football Without its Rough Features«. Basketball galt demnach als eine harmlose Alternative zum American Football.

Basketball ist auch sonst eine Ausnahme. Die meisten der beliebtesten Ballsportarten sind keine Erfindungen, die sich auf einen ganz bestimmten Menschen zurückführen lassen. Um ein paar Beispiele zu nennen: Fußball gab es in unterschiedlichen Varianten schon lange, aber die heutigen Regeln gehen auf die so genannten »Cambridge Rules« von 1848 zurück. Das moderne Baseball beruht auf einem Regelwerk aus dem Jahr 1846. Und die ältesten, schriftlich überlieferten Hockey-Regeln der Welt, die »Rules of Harrow«, stammen aus dem Jahr 1852. Es überrascht daher nicht, dass es sich beim American Football ganz ähnlich verhielt: Die Grundlagen der heutigen Regeln entstanden ebenfalls in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich an Universitäten schon verschiedene Varianten von Fußball und Rugby etabliert hatten, aus denen der Sport letztlich hervorging.

Vom Teufelszeug zur gesundheitsfördernden Maßnahme

Doch warum entstanden gerade zu dieser Zeit für viele Mannschaftssportarten einheitliche Regelwerke? Und warum wurden diese so beliebt? Es dürfte damit zu tun haben, dass sich die Bedeutung von Sport in der Gesellschaft gewandelt hatte. Er wurde ein wichtiger Teil der Freizeitgestaltung, der mit dem Übergang von einer ländlich-bäuerlichen Gesellschaft hin zu einer städtisch geprägten Industriegesellschaft einherging.

Für die Verbreitung und Vereinheitlichung der Sportarten waren dann Schulen, Colleges und Universitäten entscheidend. Sport wurde nun zu einem wichtigen Teil der Ausbildung und Erziehung, nicht zuletzt galt er als gesundheitsfördernd. Und um überregionale Wettbewerbe und Ligen veranstalten zu können, mussten Standards her.

Naismith, der neben Theologie auch Medizin studiert hatte, beanspruchte zeitlebens keine Patente oder Lizenzen für sich. Seine Erfindung hat ihn auch nicht reich gemacht. In späteren Jahren konnte er zudem keinen entscheidenden Einfluss mehr auf die Entwicklung der Sportart nehmen – über viele Regeländerungen war er nämlich nicht besonders glücklich. James Naismith starb 1939. Zuletzt hatte er viele Jahre an der University of Kansas gewirkt. Dort schrieb er noch einmal Geschichte – als einziger Coach der Hochschule mit einer negativen Bilanz. Unter seiner Leitung hat das Team also mehr Spiele verloren als gewonnen. Doch abgesehen davon: Heute ist die »Basketball Hall of Fame« nach ihm benannt – die Ruhmeshalle heißt »Naismith Memorial Basketball Hall of Fame« und befindet sich in Springfield, Massachusetts.

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