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Populationsgenetik: Minoische Kultur hat europäische Wurzeln

Minoische Kunst

Die bronzezeitliche Bevölkerung Kretas ist Genanalysen zufolge eng mit anderen Europäern verwandt. Dies widerspricht älteren Theorien, wonach Siedler aus Nordafrika die minoische Kultur begründeten.

In der Bronzezeit, vor zirka 5000 Jahren, entstand auf Kreta die erste Hochkultur Europas. Die Minoer sprachen eine bis heute weit gehend unbekannte Sprache und entwickelten eine eigene Schrift, die von Archäologen als Linearschrift A bezeichnet wird. Das sagenumwobene Volk hinterließ ein reichhaltiges Kulturerbe, wie etwa der berühmte Palast von Knossos zeigt. Archäologische Funde deuten zudem auf Handelsbeziehungen im gesamten östlichen Mittelmeerraum hin.

Minoische Kunst
Fresko im Palast von Knossos | Fresko im Palast von Knossos

Die Herkunft der Minoer lag jedoch lange Zeit im Dunkeln. Sir Arthur Evans, der Entdecker von Knossos, machte den Norden Ägyptens als ihre frühere Heimat aus. Er stützte sich dabei auf Ähnlichkeiten der minoischen und der ägyptischen Kunst. Zudem waren Syrien, Anatolien und Palästina als mögliche Ursprungsorte im Gespräch – keine Theorie konnte jedoch bisher überzeugen.

Ein Forscherteam um Jeffrey Hughey vom Hartnell College in Kalifornien und George Stamatoyannonpoulos von der University of Washington in Seattle hat nun eine nordafrikanische Herkunft des minoischen Volkes ausgeschlossen. Die Wissenschaftler untersuchten die nur über die mütterliche Linie vererbte mitochondriale DNA von 37 Menschen, die vor 4400 bis 3700 Jahren gelebt hatten. Ihre Knochenfragmente waren in einem Beinhaus auf dem abgelegenen Lassithi-Hochplateau gefunden worden. Ein Vergleich mit DNA-Proben aus verschiedenen Epochen und Regionen zeigte die größte genetische Übereinstimmung mit neolithischen, aber auch heutigen europäischen Populationen – die Nordafrikaner unterschieden sich hingegen stark von den Minoern. Außerdem wurde eine enge Verwandtschaft mit den heutigen Griechen deutlich – insbesondere mit Bewohnern, die immer noch auf dem Lassithi-Plateau leben.

Die Untersuchungen weisen auf eine Abstammung der Minoer von jenen anatolischen Bauern hin, die vor etwa 9000 Jahren nach Europa einwanderten und dabei auch erstmals Kreta besiedelten. Sie brachten möglicherweise nicht nur neue Anbaumethoden, sondern entgegen früherer Annahmen auch ihre indogermanische Sprache mit. Bislang war man von einem nichtindogermanischen Ursprung der minoischen Sprache ausgegangen. Tatsächlich bildete sie wohl einen heute ausgestorbenen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.

Die minoische Kultur ging etwa 1450 v.Chr. unter unbekannten Umständen unter, mykenische Griechen übernahmen später die Herrschaft auf der Mittelmeerinsel. Das Erbe der Minoer lebt jedoch bis heute fort – in den Genen der Bewohner des Lassithi-Plateaus.

20. KW 2013

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20. KW 2013

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