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Puduḫepa: Die mächtigste Frau auf dem Hethiterthron

Sie war Priesterin, Diplomatin, Königin. Im 13. Jahrhundert v. Chr. herrschte Puduḫepa im Hethiterreich in Anatolien, gemeinsam mit ihrem Mann, Großkönig Ḫattušili III. Über eine Frau der Spätbronzezeit, die außerordentliche Macht auf sich vereinigte.
Felsrelief von Fıraktın
Im Süden der Türkei prangt an einer Felswand das Bild von Hattušili III. und Puduḫepa. Ganz links steht der Wettergott vor einem Altar, an dem der hethitische Großkönig eine Flüssigkeit ausgießt. Ganz rechts ist Puduḫepa ebenfalls vor einem Altar und der thronenden Sonnengöttin zu sehen.

»Alle Worte, die Du geschrieben hast, sind sehr in Ordnung. Wir Großkönige sind Brüder, auch wenn der eine den anderen noch nie gesehen hat.« Was wie eine Botschaft von Herrscher zu Herrscher klingt, hat vor fast 3300 Jahren kein Mann, sondern eine Frau verfasst: Die Textstelle stammt aus einem Brief der hethitischen Königin Puduḫepa an den ägyptischen Pharao Ramses II. Die Worte der Regentin machen klar: Sie sah sich auf Augenhöhe mit dem mächtigsten Mann ihrer Zeit.

Puduḫepa gehörte zu den außergewöhnlichsten Frauen ihrer Epoche, der Spätbronzezeit. Sie regierte gleichberechtigt mit ihrem Gatten Ḫattušili III. über das Hethiterreich. Sie ernannte Beamte und Generäle, verhandelte Verträge und arbeitete die Bedingungen für dynastische Ehen aus. Nicht nur mit dem Pharao, sondern auch mit anderen Machthabern des Vorderen Orients stand sie in diplomatischem Kontakt.

Ob sie schon vor ihrer Ehe so selbstbewusst agierte, ist nicht bekannt. Als sie etwa 16-jährig den späteren hethitischen Großkönig Ḫattušili III. traf, lebte sie in der Stadt Lawazantiya im Land Kizzuwatna in Südostanatolien, wie der Orientalist Heinrich Otten in seinem Buch »Puduḫepa. Eine hethitische Königin in ihren Textzeugnissen« beschreibt. Wo Lawazantiya ganz genau gelegen hat, ist nicht gesichert. Puduḫepa war wie eine andere Grand Dame des alten Vorderen Orients, die akkadische Königstochter Enḫeduanna (2286–2251 v. Chr.), Priesterin der Ischtar. Und ebenso wie diese war sie von einer Eigenschaft der Göttin besonders fasziniert: ihrer – wie man heute sagen würde – Genderfluidität. Die Gottheit konnte, so jedenfalls die damalige Vorstellung, ihr Geschlecht nach Belieben wechseln. »Ischtar von Lawazantiya, meine Herrin, die du dir eine Gewandung mal wie ein Mann, mal wie eine Frau anziehst«, preist Puduḫepa die Göttin in einem Gebet, das auf Tontafeln aus der Hethiterhauptstadt Ḫattuša überliefert ist, dem heutigen Boğazkale in der Nordtürkei. Für ihre Rolle als Herrscherin hat ihr möglicherweise der Geschlechterwechsel als Vorbild gedient.

Auf göttliches Geheiß heiratete Ḫattušili

Ihre Verbindung zur Göttin war auch der Grund dafür, dass Ḫattušili III. sie zur Ehefrau nahm. So beschreibt es jedenfalls der spätere Großkönig auf den Keilschrifttafeln seiner ebenfalls in Ḫattuša entdeckten Biografie. Er begegnete Puduḫepa, als er nach der Schlacht von Kadesch gegen die Ägypter 1274 v. Chr. (siehe »Spektrum Geschichte« 3/2022, ab S. 60) im Ischtartempel von Kizzuwatna Halt machte. »Auf Geheiß der Göttin«, erklärte Ḫattušili, habe er sie zur Frau genommen.

Auch wenn er seine Frömmigkeit als Grund für die Heirat angegeben hat, diente die Ehe politischen Interessen. Kizzuwatna war für die Hethiter von strategischer Bedeutung – sowohl für den Handel als auch für Feldzüge gen Süden. Die Hauptrouten von Anatolien nach Nordsyrien führten durch das Land. Dort liegt auch die Kilikische Pforte, der wichtigste Pass durch das Taurusgebirge zum Mittelmeer. Ebenso befand sich in der Region der Haupthafen Hattis, dessen genaue Lage unbekannt ist. Laut dem Orientalisten Michael Moore von der University of California in Los Angeles dürften für Ḫattušili und seinen Bruder, den damaligen Hethiterherrscher, vor allem Puduḫepas Beziehungen zu hochgestellten Persönlichkeiten Kizzuwatnas von großem Interesse gewesen sein. Wichtig war zudem der Kontakt zu Puduḫepas Vater, Pentipšarri, der in seiner Heimat ein angesehener Priester war.

Eine arrangierte Ehe

Über die Heirat mit dem fast 20 Jahre älteren Hethiterprinzen scheint die junge Puduḫepa nicht besonders begeistert gewesen zu sein. Auf einer Keilschrifttafel bezeichnet sie ihn als Gatten, »dem sie beigesellt wurde« – offenbar war die Ehe arrangiert worden. Doch der zwecks politischer Erwägungen und religiöser Gemeinsamkeiten geschlossene Bund entwickelte sich allmählich zu einer emotionalen Bindung. »Und wir hielten eheliche Gemeinschaft und uns gab die Gottheit die Liebe des Gatten und der Gattin«, schrieb Ḫattušili in seiner Biografie.

Dass Ḫattušili den Hethiterthron besteigen konnte, verdankte er auch seiner Frau. Als er sich gegen den Nachfolger, seinen Neffen, auflehnte, erklärte Puduḫepa, die Göttin Ischtar sei ihr im Traum erschienen und habe ihre Unterstützung für den Prinzen zugesichert. Tatsächlich siegte Ḫattušili über den bisherigen Machtinhaber und deutete den Traum als göttliche Legitimation für seine Herrschaft. So wurde Puduḫepa nach Ḫattušilis Thronusurpation zur Großkönigin. Nun war sie Herrscherin über ein Reich, das sich von der Ägäis im Westen bis zum Vansee im Osten und vom Schwarzen Meer bis zum Mittelmeer erstreckte.

Traditionell verfügte die »Tawananna« – so lautete der Titel der hethitischen Großkönigin – über erhebliche Macht. Schon der erste Hethiterkönig Ḫattušili I. hatte im 16. Jahrhundert v. Chr. seinen Herrschaftsanspruch nicht aus der Beziehung zu seinem Vater, sondern aus der zu seiner Tante abgeleitet. Die Hethitologin Petra Goedegebuure von der University of Chicago nimmt daher an, dass die Thronfolge im Reich Hatti ursprünglich matrilinear geregelt war: Die Herrschaft wäre jeweils an den Neffen der Königin übergegangen.

Auf Grund der Thronwirren, die sich aus dieser Regelung ergaben, beschränkte König Telipinu im 15. Jahrhundert v. Chr. die Nachfolge auf die Prinzen. Die Großkönigin verfügte jedoch weiterhin über zahlreiche Rechte. Sie war nicht nur die oberste Priesterin, was ihr wegen der hohen Bedeutung der Religion im Hethiterreich viel Einfluss einbrachte, sondern sie hielt auch in politischen Dingen Mitsprache. Staatsrechtlich war sie dem König gleichgestellt. Auch nach dem Tod des Herrschers regierte sie weiter, konnte Steuern erheben und in der Haus- und Staatsverwaltung mitentscheiden.

Eine patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen dennoch mächtig waren

Die mächtige Position der »Tawananna« resultierte vermutlich auch aus der vergleichsweise starken Stellung der Frau im Hethiterreich. Zwar galt der Mann als Familienoberhaupt, Frauen waren aber rechts- und geschäftsfähig. Sie durften Besitz erwerben und vererben. Verheiratete Paare konnten entweder bei der Familie des Mannes oder der der Frau leben. Wie der Hethitologe Trevor Bryce von der University of Queensland in seinem Buch »Life and Society in the Hittite World« schreibt, konnten Frauen wie Männer gleichermaßen die Scheidung einreichen, das gemeinsame Eigentum wurde zwischen den Partnern gleichmäßig aufgeteilt. Dennoch war die Gesellschaft von Hatti eindeutig patriarchalisch strukturiert. Das verdeutlichen die Gesetze zum Ehebruch: Untreue Männer wurden nicht bestraft, während Frauen, die Ehebruch begingen, die Todesstrafe drohte, obgleich es für den gehörnten Ehemann zahlreiche Möglichkeiten gab, seiner Gattin ein solches Schicksal zu ersparen.

Löwentor | Die einstige Hauptstadt des Hethiterreichs Ḫattuša, deren Ruinen bei Boğazkale in der Türkei liegen, war durch fünf Tore in der Stadtmauer zugänglich. Das Tor mit den Löwenskulpturen wurde in der Spätbronzezeit erbaut.

Monogamie scheint das eheliche Ideal der hethitischen Gesellschaft gewesen zu sein – mit einer Ausnahme: Der König nahm sich neben seiner Hauptgemahlin mehrere Nebenfrauen, um königliche Nachkommen zu garantieren. Das galt auch für Ḫattušili III. Doch Puduḫepa war die wichtigste Frau an seiner Seite. Das Paar regierte in fast allen Belangen gemeinschaftlich, und Puduḫepa war an den Regierungsgeschäften beteiligt. So ist nur ein Erlass überliefert, den Ḫattušili allein, seine Frau also nicht mit unterzeichnet hatte.

Die gleichberechtigte Beziehung lässt auch eine Darstellung aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. erkennen: das Felsrelief von Fıraktın in der Südosttürkei. Zu sehen sind Puduḫepa und Ḫattušili, wie sie Trankopfer darbringen. Die beiden sind ungefähr gleich groß dargestellt. Das Felsbild ist zudem ein Einzelfall. Auf den vielen hethitischen Reliefs und Inschriften der Spätbronzezeit tauchen sonst nie Königinnen auf.

Könige als Brüder, eine Königin als Schwester

Die meisten Großköniginnen beschränkten ihre Aktivitäten überdies auf das hethitische Reich. Nicht so Puduḫepa: Als Ḫattušili mit Ramses II. den Friedensvertrag zwischen Hatti und Ägypten auf den Weg brachte, war die Königin von Anfang an dabei. Der Hethiterkönig knüpfte damit an eine Tradition seines Großvaters Šuppiluliuma I. an, der von 1350 bis 1322 v. Chr. regierte. Wie viele vorderasiatische Herrscher pflegte Šuppiluliuma mit anderen Königen – vor allem mit dem Pharao – einen diplomatischen Briefwechsel. Dabei adressierten sich die Männer als Brüder, wenn sie gleichrangig waren, Könige oder Vasallen von niedrigerem Rang nannte man Sohn. Mit Puduḫepa war dem Klub der großen Brüder, wie Altertumswissenschaftler die korrespondierende Herrenrunde scherzhaft bezeichnen, eine Schwester beigetreten.

Puduḫepa stellte sich dabei von Beginn an mit den männlichen Herrschern auf eine Stufe, wie Lisa Wilhelmi von der Freien Universität Berlin erklärt. »Sie bezeichnete Ramses als Bruder und wurde damit zur Schwester. Das tat sie aus eigenem Antrieb und ganz bewusst, weil sie dadurch gleichgestellt war«, sagt die Altorientalistin, die sich intensiv mit der Korrespondenz des hethitischen Königshauses beschäftigt hat.

Die Großkönigin tat alles, um sich am ägyptischen Hof das nötige Gehör zu verschaffen. So beauftragte sie einen ihre Söhne, dem Pharao einen Brief zu schreiben. Darin ermahnte der Prinz den fremden Herrscher, den Worten seiner Mutter aufmerksam Gehör zu schenken. In einem eigenen Schreiben an Ramses II. verlangte sie, dass ihr Brief, den sie mit Geschenken schickte, in Anwesenheit der Königssöhne vorgelesen würde. Ein kluger Schachzug, wie der Altorientalist Michael Moore erklärt. Auf diese Weise sorgte Puduḫepa dafür, dass die Nachfolger des Pharao von Anfang an einen positiven Eindruck von der hethitischen Königin erhielten.

Die Macht der Schwestern

Die Hethiterin schrieb auch Briefe an Nefertari, die »große königliche Gemahlin« von Ramses II. In einer Antwort versicherte Nefertari, dass Puduḫepa ihre Schwester sei. Mit diesem Brief verschickte die Pharaonengemahlin auch kostbare Geschenke. Dagegen gab es keine Korrespondenz zwischen Nefertari und Ḫattušili III. Die ägyptische Königin nahm offenbar eine andere Stellung ein als Puduḫepa. Das bezeugt vor allem der Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern aus dem Jahr 1259 v. Chr.: Während die Silbertafel mit dem Vertragstext aus Hatti das Siegel des Großkönigs und der Großkönigin trug, prangte auf der ägyptischen Version nur das Siegel von Ramses II.

Brief unter Schwestern | Die ägyptische Königin Nefertari schrieb diesen Brief an Puduḫepa. Die etwa handgroße Keilschrifttafel fand sich in Hattuša.

»Puduḫepa war eine Königin, die sich ihrer Macht durchaus bewusst war«, stellt Wilhelmi fest. »Und man bekommt den Eindruck, dass sie in der Position war, ihren Willen durchzusetzen.« Das wird besonders in den Briefen deutlich, die sie anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Sauškanu mit Ramses II. verfasste. Der Heirat, die den ägyptisch-hethitischen Frieden festigen sollte, gingen jahrelange Verhandlungen voraus. Dabei bestand Puduḫepa darauf, dass ihre Tochter unter den Hauptfrauen des Pharao die »oberste königliche Gemahlin« würde – ein Ansinnen, das schon deshalb ungewöhnlich war, weil zwar fast alle orientalischen Herrscher dem Pharao ihre Töchter als Bräute anboten, aber ohne daran irgendwelche Bedingungen zu knüpfen. Puduḫepa hingegen beharrte darauf, und Ramses blieb gar nichts anderes übrig, als zuzustimmen. Ob Puduḫepa das Wohl ihrer Tochter am Herzen lag oder ob sie damit die Gleichrangigkeit von Hatti mit Ägypten betonen wollte, ist nicht sicher.

Dabei äußerte sich die Großkönigin durchaus ruppig. Als der mit mehreren Hauptfrauen und einem Harem gesegnete Ramses ungeduldig wurde, weil die Mitgift für die hethitische Prinzessin zu lange auf sich warten ließ, scheute sie sich nicht, ihren zukünftigen Schwiegersohn als habgierig zu bezeichnen: »Hat mein Bruder denn gar nichts?«, höhnte sie und fuhr fort: »Nur wenn der Sohn des Sonnengottes, der Sohn des Sturmgottes und das Meer nichts haben, hast auch du nichts! Doch, mein Bruder, du willst dich auf meine Kosten bereichern! Das ist weder deinem Ruf noch deinem Status angemessen!« Solche Rüffel schmälerten aber keineswegs die Wertschätzung des Pharao für Puduḫepa.

Die Königin korrespondierte auch mit anderen Herrschern wie dem König von Babylon, mit dem sie ebenfalls wegen einer dynastischen Ehe in Verhandlungen stand. Als ihr Sohn Tudḫaliya IV. die Herrschaft im Hethiterreich übernahm, war sie weiterhin an den Regierungsgeschäften beteiligt und engagierte sich in juristischen Belangen. So gab sie eine Neufassung von Sakraltexten heraus, reformierte religiöse Rituale und beschäftigte sich mit der Vereinheitlichung des hethitisch-hurritischen Götterpantheons.

Wann Puduḫepa genau starb, ist nicht überliefert. Ihr letzter bekannter Brief datiert auf das Jahr 1215 v. Chr. Doch sicher ist: Nach ihr verfügte keine Frau auf dem Hethiterthron mehr über so viel Macht wie die Tochter des Ischtarpriesters.

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