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Tierphysiologie: Ruhe!

Nicht nur für ihr Echolot brauchen Fledermäuse ein feines Gehör. Sie lauschen bei der Jagd auch auf das Geraschel ihrer Beute. Kein Wunder, dass sie sich von störenden Geräuschkulissen, wie benachbarte Autobahnen, wenig begeistert zeigen. Als noch lästiger erweist sich allerdings - rauschendes Schilf.
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Begehrt sind Baumhöhlen, Dachstühle und Kirchtürme. Aber auch unter Brücken fühlt sich das Große Mausohr (Myotis myotis) durchaus wohl. Die mit einer Körperlänge von bis zu 8 Zentimetern und einer Flügelspannweite von gut 40 Zentimetern größte einheimische Fledermausart zeigt sich somit nicht sehr wählerisch bei ihrer Quartierwahl. Vor allem in Bezug auf Nachtruhe. Denn wer neben einer Kirche schlafen darf, weiß, dass Glockentürme nicht unbedingt ein beschauliches Plätzchen der Stille sind – von Autobahnbrücken ganz zu schweigen.

<i>Myotis myotis</i>Laden...
Myotis myotis | Das Große Mausohr (Myotis myotis) spürt seine Beute – vor allem flugunfähige Laufkäfer – durch dessen Eigengeräusche auf.
Nun sind Fledermäuse bekanntlich nachtaktive Jäger, die ihre Ohren als Sensor einsetzen. Das Große Mausohr, auf dessen Speisekarte neben Nachtfaltern vor allem flugunfähige Laufkäfer stehen, verlässt sich dabei weniger auf die berühmte Ultraschall-Echoortung, sondern lauscht vielmehr auf die Eigengeräusche ihrer Beute. Wer auf dem Boden herumkrabbelt und im Laub verräterisch raschelt, kann somit schnell im Magen eines hungrigen Flattertiers enden.

Eine ablenkende Geräuschkulisse sollte diese passive Ortung stören und den Jagderfolg schmälern. Oder lässt der Krach die Fledermäuse kalt? Eine wichtige Frage auch für den Naturschutz, da immer mehr Autobahnen die Jagdreviere der streng geschützten Tiere durchschneiden.

Sieben Mausohrmännchen sollten ihre Lärmtoleranz unter Beweis stellen. Dafür bauten Andrea Schaub und Joachim Ostwald von der Universität Tübingen zusammen mit Björn Siemers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen ein 13 Meter langes, 6 Meter breites und 2 Meter hohes Flugareal, dessen Ende durch eine Trennwand in zwei Separees aufgeteilt war. Hier standen jeweils sechs Landeplattformen, wobei sich auf zwei von ihnen etwa 40 leckere Mehlkäfer-Larven der Art Tenebrio molitor tummelten. Mit einer Infrarot-Kamera ließ sich das Jagdglück der Fledermäuse beobachten.

Kolonie des Großen MausohrsLaden...
Kolonie des Großen Mausohrs | Zusammen mit vielen Artgenossen rasten die Fledermäuse vorzugsweise in Dachböden, Kirchtürmen oder unter Straßenbrücken.
Erwartungsgemäß spürten sie nach einer kurzen Eingewöhnungszeit problemlos die Beute auf und statteten sowohl der rechten als auch der linken Speisekammer einen regelmäßigen Besuch ab. Als jedoch die Fledermausforscher über Lautsprecher eine Seite mit "weißem Rauschen" – also einem über alle Frequenzen gleichmäßig verteilten Störsignal – beschallten, mieden die Tiere den plötzlichen Krach. Nur noch ein Fünftel ihrer Flüge führte sie in die laute Ecke.

Weißes Rauschen entspricht allerdings nicht ganz einer natürlichen Geräuschkulisse. Die Wissenschaftler begaben sich daher zur A8, Stuttgart-München, nahmen in siebeneinhalb Meter Entfernung den Verkehrslärm auf und spielten diesen ihren Versuchsfliegern vor. Den Tieren behagte diese Beschallung ebenfalls wenig, doch immerhin noch knapp 40 Prozent ihrer Jagdausflüge führte sie zum Autobahnlärm.

Als dritte Schallquelle wählten Schaub und Co das sanfte Rascheln vom Schilfgras im Wind – und erlebten eine Überraschung: Dieses naturnahe Geräusch empfanden die Fledermäuse als fast so lästig wie der künstliche Computerlärm. Die Flugzeit in der entsprechend beschallten Kammer sank auf ein Drittel.

Wieso lassen sich Fledermäuse vom Krach rasender Autos nicht so irritieren wie vom lieblichen Röhricht-Rauschen? Vermutlich weil Letzteres dem Rascheln der Mehlwürmer frappant ähnelt, spekulieren die Forscher. Doch auch wenn sich der Straßenlärm als weniger schlimm für die Fledermäuse herausstellt, wollen die Forscher ihre Ergebnisse nicht als Freifahrtschein für ungezügelten Autobahnbau verstanden wissen. Denn ein negativer Effekt blieb ja nachweisbar.

Eins zeigen die Experimente allerdings auch: die hohe Leistungsfähigkeit der fliegenden Säuger. Zwar mieden sie die laute Kammer, konnten jedoch auch hier trotz schlechter Bedingungen durchaus den einen oder anderen Mehlwurm erhaschen.
20.09.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20.09.2008

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