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Schnabelwale: Die geheimnisvollsten Wale der Weltmeere

Schnabelwale sind wegen ihrer Scheu und ihrer heimlichen Lebensweise sehr schwer zu erforschen. Nur von wenigen Arten haben Wissenschaftler bisher ein einigermaßen klares Bild gewonnen. Doch das Leben der Tiere ist bedroht durch Militäreinsätze.
Cuvier-Schnabelwal

Es ist ein wahres Meerestheater, das an diesem Herbsttag vor der Kanareninsel La Gomera zur Aufführung kommt. Die Wale und Delfine der Region scheinen entschlossen zu sein, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Große Tümmler haben spontan ihre akrobatischen Luftsprünge vorgeführt, Indische Grindwale sind gemächlich direkt neben dem kleinen Walbeobachtungsboot Ascensión del Señor hergeschwommen und haben gischtweiße Spuren ins dunkelblaue Wasser gezogen. Nun aber werden die Passagiere an Bord des Forschungsschiffs Zeugen eines besonderen Schauspiels.

Nur ein paar Meter neben der Bordwand tauchen vier Gestalten mit glänzender, dunkelgrauer Haut auf. Ihre kleinen, gekrümmten Rückenflossen sitzen auffällig weit hinten am Körper. Noch wissen die mitfahrenden Touristen nicht, mit wem sie es zu tun haben. Doch Kapitän Volker Trautmann stoppt sofort den Motor. »Schnabelwale!«, flüstert Nicole Ness, die Naturführerin an Bord, beinahe andächtig. Die Reaktion der Beobachtungsprofis verrät, dass diese Begegnung etwas ganz Besonderes ist. Denn die Familie der Schnabelwale besteht aus lauter scheuen Eigenbrötlern, die normalerweise einen großen Bogen um Schiffe und Boote machen.

Dieses Grüppchen hier aber scheint sich nicht weiter um die Besucher zu kümmern. Immer wieder strecken die drei Weibchen ihre spitzen, schnabelartigen Schnauzen aus dem Wasser, denen sie ihren biologischen Familiennamen verdanken. Mitunter kann man ihnen sogar in die Augen schauen. Der Bulle ist offenbar ein ziemlich alter Veteran mit eingekerbter Rückenflosse und vielen Kratzern und Kampfspuren auf der Haut. Bei ihm sieht man sogar die bräunlichen Hauer im Unterkiefer, die aus dem Maul ragen wie bei einem Wildschwein. Daran erkennen die Experten an Bord, dass es sich um einen Blainville-Schnabelwal handelt. Gut fünf Minuten lang schwimmen die Tiere ganz in der Nähe des Bootes, bevor sie wieder in den Tiefen des Atlantiks verschwinden.

Außergewöhnliche Begegnung

»Das war eine wirklich außergewöhnliche Begegnung«, sagt Fabian Ritter von der Berliner Walschutz-Organisation M.E.E.R. e. V. Seit mehr als 20 Jahren ist der Biologe regelmäßig in den Gewässern um La Gomera unterwegs, um die Meeressäuger rings um die kleine Kanareninsel zu erforschen. Ihm und seinen Mitstreitern geht es vor allem darum, den ungewöhnlichen Walreichtum dieser Region zu dokumentieren und durch fundierte wissenschaftliche Daten zum Schutz der Tiere beizutragen. Dazu kooperiert M.E.E.R. e. V. mit dem ortsansässigen Unternehmen OCEANO Gomera, das mit der Ascensión del Señor und einem weiteren kleinen Boot Wal- und Delfintouren vor der Südwestküste der Insel anbietet.

Wenn Fabian Ritter nicht selbst mit an Bord ist, notieren die OCEANO-Mitarbeiter mit Hilfe eines Standard-Erhebungsbogens alle möglichen Informationen über Art und Anzahl, Aufenthaltsort und Verhaltensweisen der angetroffenen Tiere. Mehr als 20 verschiedene Arten von Walen und Delfinen haben die Beobachter vor der kleinen Kanareninsel schon gesichtet. Bezogen auf die Größe des Gebietes ist das Europarekord.

Auch fünf verschiedene Schnabelwal-Arten sind schon in der Datenbank der Forscher erfasst. Allerdings hat sich der True-Wal bisher erst ein einziges Mal blicken lassen, der Gervais-Zweizahnwal und der Nördliche Entenwal auch nicht viel öfter. Auf Blainville- und Cuvier-Schnabelwale treffen die Boote zwar häufiger. Meist sind die Tiere allerdings nur für Sekunden aus großer Entfernung zu sehen, bevor sie wieder verschwinden. »Da kann man schon froh sein zu erkennen, um welche Art es sich handelt«, sagt Fabian Ritter.

Was die Toten verraten

Doch nicht nur wegen ihrer Scheu sind Schnabelwale extrem schwer zu untersuchen. Auch der Lebensstil der Tiere macht den Forschern die Arbeit nicht gerade leichter. So kommen diese Meeressäuger normalerweise in sehr geringen Dichten vor – und zwar meist in Regionen, die weit von der nächsten Küste entfernt liegen. Es handelt sich um Tiefseespezialisten, die 80 bis 90 Prozent ihrer Zeit unter Wasser verbringen. Und selbst in den kurzen Auftauchphasen sind die zwischen drei und 13 Meter großen Meeressäuger mit den unauffälligen Rückenflossen nur schwer zu entdecken.

Entsprechend wenig ist über viele Schnabelwale bekannt. Dabei stellen sie nach den Delfinen die zweitgrößte Walfamilie überhaupt. Biologen unterscheiden derzeit 22 Arten, und es ist keineswegs ausgeschlossen, dass noch weitere dazukommen werden. So gibt es in der Gattung der Schwarzwale bisher nur zwei offiziell anerkannte Arten: den Südlichen Schwarzwal auf der Südhalbkugel und den Baird-Wal im Nordpazifik. Japanische Walfänger wissen zwar schon lange, dass es von Letzterem eine größere, schiefergraue und eine kleinere, schwarze Form gibt. Doch erst 2016 hat ein Team um Phillip Morin vom National Marine Fisheries Service im kalifornischen La Jolla das Erbgut beider Varianten untersucht. Dabei kam heraus, dass es sich um zwei verschiedene Spezies handelt. Neben den beiden bekannten schwimmt also noch eine dritte, bisher namenlose Art von Schwarzwalen durch die Meere.

»Manche Arten sind noch nie lebend gesehen worden«(Fabian Ritter)

Doch selbst die schon offiziell beschriebenen Spezies haben noch längst nicht alle ihre Geheimnisse preisgegeben. »Manche Arten sind noch nie lebend gesehen worden«, sagt Fabian Ritter. Den erst 2002 beschriebenen Perrin-Schnabelwal zum Beispiel kennt man bisher nur von fünf Exemplaren, die im Lauf der Jahre an der kalifornischen Küste gestrandet sind.

Vom Bahamonde-Schnabelwal hatten Biologen bis vor ein paar Jahren sogar nur ein paar einzelne Zähne und Schädelfragmente in Händen, die in Neuseeland und auf dem zu Chile gehörenden Juan-Fernández-Archipel entdeckt worden waren. Dann aber strandete im Jahr 2010 auf der Nordinsel Neuseelands ein 5,30 Meter langes Walweibchen mit seinem 3,50 Meter langen Kalb. Mit genetischen Analysen haben Kirsten Thompson von der Universität Auckland und ihre Kollegen herausgefunden, dass es sich tatsächlich um diese kaum erforschte Art handelte. So wusste man nun zumindest, wie Bahamonde-Schnabelwale im Ganzen aussehen.

»An solchen gestrandeten Exemplaren kann man einiges über die Anatomie der Tiere herausfinden«, sagte Fabian Ritter. »Und wenn man den Mageninhalt untersucht, erfährt man auch etwas über den Speisezettel der Tiere.« Deutlich schwieriger sei es allerdings, auf diesem Weg Informationen über ihr Verhalten zu gewinnen. Doch ein paar Schlaglichter gibt es auch da.

Ein Team um Selina Patel und Kirsten Thompson von der Universität Auckland hat sich zum Beispiel mit den geheimnisvollen Gray-Zweizahnwal beschäftigt. Der lässt sich vor Neuseeland zwar so gut wie nie lebend blicken. Doch immer wieder werden tote Tiere gruppenweise an der Küste angespült. Und genetische Analysen dieser Strandungsopfer haben zumindest indirekt etwas über ihr Sozialleben verraten. Denn unter den gemeinsam gestorbenen Erwachsenen gab es überraschenderweise keinerlei Verwandtschaftsbeziehungen. Die Forscherinnen vermuten daher, dass sich sowohl Männchen als auch Weibchen irgendwann in ihrer Jugend von ihren Müttern trennen und in einer neuen Gruppe eigene Wege schwimmen. »Zumindest bei den Gray-Zweizahnwalen können uns die Toten also viel über die Lebenden erzählen«, schreibt das Team im Fachmagazin »Journal of Heredity«.

Lauscher im Ozean

Allerdings bei Weitem nicht alles. Lebende Tiere zu beobachten, ist immer noch die beste Möglichkeit, eine Art besser kennen zu lernen. Und es gibt auch im Fall der Schnabelwale durchaus Studien, in denen das schon gelungen ist. Eine Möglichkeit besteht zum Beispiel darin, mit Unterwassermikrofonen in die Ozeane zu horchen. Denn wie alle Zahnwale stoßen auch Schnabelwale so genannte Klicklaute aus. Deren Echos helfen ihnen zum einen, sich im Meer zu orientieren und Hindernisse auszumachen. Zum anderen peilen sie damit ihre Beute an, die vor allem aus Tintenfischen besteht.

»Wenn die Tiere zu einem ihrer Jagdausflüge in die Tiefsee abtauchen, klicken sie anfangs kaum«, erklärt Fabian Ritter. Offenbar erwarten sie in der Nähe der Oberfläche einfach keine lohnende Beute. Doch wenn sie eine Tiefe von etwa 500 Metern erreicht haben, beginnen sie, sich akustisch umzuschauen. Je näher sie dann einem Opfer kommen, umso schneller klicken sie. Wenn sie die Beute fast erreicht haben, werden die einzelnen Klicks von einer Art zusammenhängendem Brummen, dem so genannten »Buzz« abgelöst. »Mit dessen Hilfe können sie genau verfolgen, wo der Tintenfisch ist«, sagt der Berliner Wissenschaftler. Und wenn dieses Geräusch abbricht, ist das ein Zeichen für eine erfolgreiche Jagd: Dann ist der Wal dabei, seine Beute unzerkaut herunterzuschlucken.

Cuvier-Schnabelwal – keiner taucht tiefer
Cuvier-Schnabelwal – keiner taucht tiefer |

Als Säugetiere müssen Wale und Delfine natürlich regelmäßig an die Oberfläche kommen, um Luft zu holen. Dennoch tauchen manche Arten sogar bis hinab in die ewige Dunkelheit der Tiefsee, um dort zu jagen. Das bekannteste Beispiel hierfür sind die Pottwale, die in den lichtlosen Weiten großen Kraken nachstellen – ihrer Hauptnahrung. Den absoluten Tieftauchrekord hält nach bisherigem Kenntnisstand jedoch der Cuvier-Schnabelwal (Ziphius cavirostris), der bis zu sieben Meter groß und bis zu drei Tonnen schwer werden kann. Mit Hilfe des satellitengestützten Systems ARGOS entdeckten Gregory Schorr von der Cascadia Research Collective und seine Kollegen, dass der längste gemessene Tauchgang über zwei Stunden dauerte und der tiefste bis in knapp drei Kilometer Tiefe reichte. Auch die Cuvier-Schnabelwale erbeuten dort unten wahrscheinlich Kraken, wegen ihrer verborgenen Lebensweise weiß man bisher aber nur wenig über die Art.

Wer die Laute der Tiere abhört, kann also mehr über ihre Jagdausflüge herausfinden. Oder auch nur ermitteln, welche Arten sich wann in einem bestimmten Gebiet aufgehalten haben. Jay Barlow und Emily Griffiths von der US Wetter- und Ozeanografie-Behörde NOAA haben vor Südkalifornien zum Beispiel acht im Wasser treibende Rekorder installiert, um die dort lebenden Cuvier-Schnabelwale zu belauschen. Tatsächlich ließen sich die Tiere in Entfernungen zwischen einem und knapp vier Kilometern und in Wassertiefen zwischen 696 und 1150 Metern orten.

Das Problem ist allerdings, dass die meisten Schnabelwale ihre akustischen Personalausweise noch gar nicht abgegeben haben. Nur bei sieben der 22 Arten wissen Forscher, wie genau sie klingen. Und es ist gar nicht so einfach, diese Kartei zu erweitern. Denn dazu müsste man das Glück haben, die klickenden Meeressäuger gleichzeitig beobachten und ihre Signale aufzeichnen zu können. Und das klappt nur selten. So haben neuseeländische Wissenschaftler um Giacomo Giorlia und Kimberly Goetz vom National Institute of Water and Atmospheric Research zwischen Juni und Dezember 2016 zwar zwei bisher unbekannte Schnabelwal-Signale in der Cook-Straße zwischen den beiden Hauptinseln Neuseelands aufgezeichnet. Von welcher Art sie stammen, weiß aber noch niemand. Aus Strandungen ist bekannt, dass es rings um Neuseeland mindestens 13 Schnabelwal-Arten gibt. Und nur drei davon können Wissenschaftler bisher an der Stimme erkennen.

Die Tauchweltmeister

Darunter sind der Cuvier- und der Blainville-Schnabelwal, die in den tropischen und gemäßigten Ozeanen der Erde weit verbreitet sind. »Diese beiden Arten, die auch vor La Gomera regelmäßig auftauchen, sind von allen Schnabelwalen am besten untersucht«, sagt Fabian Ritter. Gerade rund um die Kanarischen Inseln haben Wissenschaftler in dieser Hinsicht Pionierarbeit geleistet. Denn vor allem vor El Hierro halten sich die Tiere nicht nur regelmäßig auf. Im Windschatten im Südwesten der Insel sind sie wegen des ruhigen Wassers auch besonders gut zu beobachten.

Dort haben sich Natacha Aguilar von der Universidad de La Laguna auf Teneriffa und ihre Kollegen den Tieren schon vor mehr als zehn Jahren mit modernster Beobachtungstechnik an die Flossen geheftet. Mit einem Saugnapf haben sie ihnen kleine Messgeräte auf die Haut gepfropft, die alle möglichen Informationen aus dem Leben von Meeresbewohnern aufzeichnen können. Die Palette reicht dabei von der Schwimmgeschwindigkeit und Tauchtiefe über die Temperatur und den Salzgehalt des Wassers bis hin zur den Lautäußerungen der Tiere. Nach ein paar Stunden oder Tagen fallen die Geräte dann wieder ab und können von den Wissenschaftlern geortet und wieder eingesammelt werden. »Auf diese Weise hat man unglaublich viel über die Blainville- und Cuvier-Schnabelwale herausgefunden«, erläutert Fabian Ritter.

So gestalten beide Arten ihre Tage nach einem ganz ähnlichen Rhythmus. Wenn sie auf der Suche nach Tintenfischen in die Tiefsee abtauchen, kommen sie im Durchschnitt erst nach einer Stunde wieder an die Oberfläche. Manchmal bleiben sie sogar bis zu zwei Stunden unten. Auf einem solchen Tauchgang versuchen sie, im Durchschnitt bis zu 30 Beutetiere zu erwischen. Dabei können sie durchaus Tiefen von mehr als 1800 Metern erreichen. Bei Cuvier-Schnabelwalen vor Südkalifornien haben Gregory Schorr vom privaten US-Forschungsinstitut Cascadia Research Collective und seine Kollegen sogar Tauchgänge mit einer Tiefe von fast 3000 Metern und einer Dauer von mehr als zwei Stunden dokumentiert. Damit halten diese Wale den bisherigen Lang- und Tieftauchrekord für Säugetiere.

»Diese langen und tiefen Tauchgänge setzen die Schnabelwale enorm unter physiologischen Stress: Ein Tier dieser Größe kann gar nicht länger unter Wasser bleiben«(Fabian Ritter)

»Sie stellen damit sogar den Pottwal mit seinen anderthalbstündigen Tauchgängen in den Schatten«, betont Fabian Ritter. Dabei sind die Rekordhalter in diesem Wettbewerb eigentlich klar im Nachteil. Denn männliche Pottwale können durchaus mehr als 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer werden. Dieser riesige Körper enthält sehr viel Blut und Muskelmasse, in denen die Tiere Sauerstoff für ihre Ausflüge in die lichtlose Tiefe speichern können. Cuvier-Schnabelwale dagegen werden gerade einmal sieben Meter lang und drei Tonnen schwer. Also ist ihr Sauerstoffvorrat deutlich geringer. »Diese langen und tiefen Tauchgänge setzen die Schnabelwale daher enorm unter physiologischen Stress«, erklärt Fabian Ritter. »Man hat berechnet, dass ein Tier dieser Größe gar nicht länger unter Wasser bleiben kann.«

Die Tauchweltmeister gehen also an ihre körperlichen Grenzen. Und das immer wieder. Dabei helfen ihnen eine Reihe von anatomischen Anpassungen. So besitzen sie zum Beispiel sehr schwere und robuste Knochen, die dem Druck in der Tiefsee besser standhalten können. Die Knochen in der Schnauze des Blainville-Schnabelwals sind sogar die dichtesten, die Biologen im Tierreich überhaupt kennen. Dazu kommen extrem hohe Konzentrationen des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin und des Muskelproteins Myoglobin, die beide für den Transport und die Speicherung von Sauerstoff zuständig sind. Und wie alle Tieftaucher haben auch die Schnabelwale keine luftgefüllten Hohlräume im Körper, damit ihre Gewebe bei ihren Ausflügen in die Kellergeschosse der Meere keinen Schaden nehmen.

Doch das alles reicht offenbar noch nicht. Zwischen zwei Expeditionen in die Tiefsee legen die Tiere eine Ruhephase ein, die bei Cuvier-Schnabelwalen eine gute Stunde, bei Blainville-Schnabelwalen sogar anderthalb Stunden dauert. »In dieser Zeit nehmen sie immer wieder ein paar Atemzüge an der Oberfläche, tauchen dann vielleicht für eine Viertelstunde ab und kommen wieder hoch«, so Fabian Ritter. Drei- oder viermal geht das so, bevor die Tiere ihren nächsten langen Tauchgang in die Tiefsee in Angriff nehmen.

Schnabelwale vermeiden die Taucherkrankheit

»Was in diesen Ruhephasen in ihrem Körper passiert, weiß niemand so genau«, sagt der Berliner Experte. Es gibt aber Hinweise darauf, dass sie den Schnabelwalen helfen, die so genannte Taucherkrankheit zu vermeiden. Dieses Problem kennen menschliche Taucher, die zu schnell wieder an die Oberfläche kommen. Bei jedem Tauchgang sammelt sich in den Körpergeweben Stickstoff an, der bei zu raschem Auftauchen ausperlt. Die dabei entstehenden Gasbläschen können die Arterien verstopfen und zu Gewebeschäden führen. Deshalb müssen Taucher in einer so genannten Dekompressionsphase langsam und kontrolliert auftauchen, um lebensgefährliche Komplikationen zu vermeiden.

»Lange hatte man vermutet, dass Wale solche Probleme gar nicht bekommen können«, berichtet Fabian Ritter. Anders als mit Pressluftflaschen ausgerüstete menschliche Taucher halten sie schließlich während des gesamten Aufenthalts unter Wasser die Luft an. Unter diesen Umständen, so hieß es, könne sich im Blut gar nicht erst genügend Stickstoff für die gefährlichen Bläschen anreichern. Doch offenbar stimmt das nicht. »Die Schnabelwale gehen bei ihren Tauchgängen wohl so sehr an ihre Grenzen, dass sie auch die Taucherkrankheit bekommen können«, sagt Fabian Ritter.

In der Regel verhindern sie das, indem sie sich beim Auftauchen deutlich mehr Zeit lassen als beim Abtauchen. Und auch die kurzen Tauchgänge zwischen ihren langen Ausflügen in die Tiefsee scheinen eine lebenswichtige Rolle zu spielen. Normalerweise genügen solche Vorkehrungen, um der Taucherkrankheit vorzubeugen. Doch das Leben der Schnabelwale verläuft heutzutage nicht mehr immer in normalen Bahnen.

Gefahr durch Militärmanöver

Wie viele andere Meeressäuger haben auch sie mit Umweltgiften zu kämpfen, die sich in ihrem Körper anreichern. Auch Störungen durch den Boots- und Schiffsverkehr machen ihnen zu schaffen. Neuerdings werden auch immer mehr Schnabelwale gefunden, die Plastikmüll im Magen haben. Doch die größte Bedrohung für die scheuen Tiefseebewohner sind die Sonarsysteme, mit denen die Marine U-Boote ortet. »Seit den 1950er Jahren hat es rund um die Welt immer wieder Massenstrandungen von Schnabelwalen gegeben, die zeitgleich mit Militärmanövern stattfanden«, sagt Fabian Ritter. Inzwischen ist klar, dass das kein Zufall war. Denn um die sehr leisen U-Boote aufzustöbern, müssen die Militärsonare sehr laut sein – so laut, dass sie das Gehör der empfindlichen Meeressäuger massiv schädigen oder sogar ganz zerstören können. Betroffene Tiere können ihre Echoortung dann nicht mehr einsetzen, verlieren die Orientierung und stranden.

Doch das ist nicht das einzige Problem. Nach einer internationalen Militärübung am 24. September 2002 strandeten auf den Kanaren 14 Schnabelwale verschiedener Arten. Als Antonio Fernández von der Universidad de Las Palmas in Gran Canaria und seine Kollegen die Tiere untersuchten, entdeckten sie nicht nur Gehör-, Hirn- und Nierenschäden. Sie diagnostizierten auch eine Stickstoffübersättigung und Schäden durch Gasbläschen in Blutgefäßen und lebenswichtigen Organen. Mit anderen Worten: Die gestrandeten Schnabelwale hatten an der Taucherkrankheit gelitten. Vermutlich waren sie beim Jagen in großer Tiefe vom Schall des Sonars getroffen worden. »Wahrscheinlich sind sie dadurch in Panik geraten«, glaubt Fabian Ritter. »Vielleicht waren sie auch verwirrt oder hatten Schmerzen. Jedenfalls sind sie wohl schnurstracks aufgetaucht und haben dadurch die Taucherkrankheit bekommen.« Das kann zur Desorientierung bis hin zur Bewusstlosigkeit führen – und die Tiere stranden lassen.

In den USA und Europa gibt es inzwischen Vorschriften, die solche Dramen verhindern sollen. Bei Militärmanövern dürfen die Schiffe ihr Sonar eigentlich nur einsetzten, wenn keine Meeressäuger in der Nähe sind. Um möglicherweise übersehenen Tieren eine Chance zur Flucht zu geben, dürfen sie die Geräte zudem nicht gleich voll hochfahren, sondern müssen die Lautstärke langsam steigern.

Die Regierung der Kanaren ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Seit 2004 sind dort in einem Umkreis von 50 Seemeilen um den Archipel gar keine Manöver mit Sonareinsatz mehr erlaubt. »Seither hat es dort auch keine Massenstrandungen mehr gegeben«, sagt Fabian Ritter. Eine Erfolgsgeschichte. Doch in anderen Regionen der Welt müssen die Rekordtaucher weiterhin damit rechnen, dass ihnen der Lärm von Militärsonaren eine lebensgefährliche Taucherkrankheit beschert. Heimlichtuerei ist nicht immer ein Garant fürs Überleben.

46/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 46/2018

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