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Erfüllung: Worin wir Sinn finden

Nicht jeder erkennt einen Sinn in seinem Dasein. Dabei braucht man nur die Augen offen zu halten – dann kann man ihn in den unterschiedlichsten Dingen entdecken.
Zwei Hände pflanzen ein kleines Pflänzchen in die ErdeLaden...

Am Ostersonntag des Jahres 2000 wurde auf der malaysischen Insel Sipadan eine Gruppe von Tauchtouristen entführt und auf die Philippinen verschleppt. Eines der Opfer war der gebürtige Göttinger Marc Wallert. Im Rückblick kann er dem mehrmonatigen Martyrium auch positive Seiten abgewinnen. Er habe zu dieser Zeit bei einer Unternehmensberatung gearbeitet, sei damit jedoch nicht glücklich gewesen, sagt er. »Ich war zwar erfolgreich, habe mich aber nach dem tieferen Sinn dessen gefragt, was ich da tue.« Mit der Entführung änderte sich das schlagartig: »Ich wusste plötzlich genau, wofür ich kämpfe: für mein Überleben und das meiner Eltern. Ich habe mir ausgemalt, was ich tun werde, wenn ich wieder ein freier Mann bin. Diese Vision hat mir viel Kraft gegeben.«

Sinn hilft uns, Extremsituationen besser durchzustehen: Diese These vertrat schon der österreichische Psychiater Viktor Frankl. Während des Naziregimes überlebte der jüdische Wissenschaftler vier verschiedene Konzentrationslager. Nach dem Krieg verarbeitete er die dort erlebten Gräuel in seinem Buch »… trotzdem Ja zum Leben sagen«. Darin schreibt er von der Notwendigkeit, auch noch im tiefsten Leiden einen Sinn zu finden, um nicht zu zerbrechen.

Frankl war der Überzeugung, dass es zum Wesen eines jeden Menschen gehöre, nach Sinn zu streben. Sinnerfüllung sei wichtig für unser Wohlergehen; ein Leben ohne Sinn könne krank machen. Tatsächlich wird diese These inzwischen durch eine Reihe empirischer Studien bestätigt. Eine viel zitierte Untersuchung stammt etwa von der US-amerikanischen Neuropsychologin Patricia Boyle. Sie hatte 2009 mehr als 1200 Seniorinnen und Senioren danach gefragt, wie sehr sie in ihrem Leben eine Bestimmung oder eine Richtung verspürten. In den folgenden fünf Jahren verfolgte Boyle, welche Befragten starben. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Männer und Frauen trugen ein fast doppelt so hohes Sterberisiko, wenn es ihnen weitgehend an Orientierung im Leben fehlte. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2019 kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen; an ihr nahmen knapp 7000 US-Bürgerinnen und -Bürger über 50 teil.

Sinn dient als Stresspuffer

Andere Studien weisen in dieselbe Richtung. Demnach sind Menschen, die in ihrem Leben einen Sinn sehen, physisch und psychisch gesünder. Sie bauen im Alter geistig langsamer ab, sie leiden weniger häufig an Alzheimerdemenz und begehen seltener Selbstmord. Ihr Immunsystem ist schlagkräftiger, ihr Herzinfarktrisiko geringer. Ob Sinn zu einer besseren Gesundheit führt oder umgekehrt gesunde Menschen eher Sinn im Leben verspüren, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Experimentelle Befunde deuten jedoch eher darauf hin, dass das Sinnerleben die Gesundheit fördert. So scheinen sinnerfüllte Menschen mit Stress und negativen Ereignissen anders umzugehen.

Auf diese Weise lassen sich etwa die Ergebnisse eines Experiments an der University of Wisconsin in Madison interpretieren. Darin zeigten Wissenschaftler ihren Probanden Bilder, die erwiesenermaßen Gefühle wie Angst oder Trauer hervorrufen – zum Beispiel das Foto eines verzweifelt schreienden Säuglings. In negativen emotionalen Zuständen sind Menschen besonders schreckhaft. So auch hier: Als die Forscher beim Zeigen des Bildes plötzlich einen lauten Knall erzeugten, zuckten die Teilnehmer erwartungsgemäß kurz mit den Augenlidern. Nun blendeten die Psychologen das schreiende Baby aus und ließen es wenige Sekunden darauf wieder knallen. Versuchspersonen, die nach eigener Auskunft ein sinnerfülltes Leben hatten, zeigten beim zweiten Knall kaum noch einen Lidschlussreflex. Ihre emotionale Reaktion auf das gezeigte Foto hatte rascher wieder nachgelassen als die der übrigen Probanden.

Sinn dient demnach als Puffer. Er sorgt dafür, dass wir weniger stark auf eine emotionale Belastung reagieren oder uns schneller wieder davon erholen. Eine bildgebende Studie stützt diese Interpretation: Bedrückende Fotos wirken weniger aktivierend auf die Amygdala, eine Hirnregion, die unter anderem an der Verarbeitung von Angst und Stress beteiligt ist. Zudem ergab eine Untersuchung von Tagebucheinträgen, dass stressige Ereignisse bei sinnerfüllten Menschen nicht so stark auf die Stimmung schlagen.

»Die Bestimmung ist ein Anker, den wir in die Zukunft auswerfen. Sie hält die Zukunft in uns am Leben«
(Michael Steger, Colorado State University)

In einer Sinnkrise fehlt dieser Schutz. Marc Wallert, der seine Entführung erstaunlich gut überstanden hatte, erlitt fünf Jahre später ein Burnout. »Ich habe damals bei Renault Prozesse optimiert, das war aber nicht mein Herzensthema«, erinnert er sich. »Ich konnte einfach nicht sehen, inwiefern meine Arbeit einen positiven Effekt für Menschen hat.«

Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, lebt zudem gesünder. Sinnerfüllte Menschen bewegen sich mehr, nehmen seltener Drogen und ernähren sich besser – möglicherweise deshalb, weil Sinn oft mit einer stärkeren Zukunftsorientierung einhergeht. Eine wichtige Facette von Sinnerleben sei es, eine Bestimmung zu haben, hat der Sinnforscher Michael Steger von der Colorado State University vor einigen Jahren in einem Vortrag erklärt: »Die Bestimmung ist ein Anker, den wir in die Zukunft auswerfen. Sie hält die Zukunft in uns am Leben.« Die Psychologin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck spricht von einer grundsätzlichen Ausrichtung des Lebens, von dem Wissen, wohin man strebt.

Sinn kann auch noch andere Gründe haben: die Wahrnehmung von Bedeutsamkeit, also den Eindruck, dass unser Tun Spuren hinterlässt, dass es einen Unterschied macht, ob wir existieren oder nicht. Und die Möglichkeit, ein Leben zu führen, das im Einklang mit unseren Werten steht – Schnell spricht von »Kohärenz«. Und schließlich die Zugehörigkeit: das Gefühl, einen Platz in der Welt zu haben. »Das kann zum Beispiel bedeuten, sich bestimmten Menschen verbunden zu fühlen oder auch der Natur«, erklärt Schnell.

Beziehungen stiften Sinn

Doch was genau verschafft uns solche Sinn stiftenden Erfahrungen? Um dieser Frage nachzugehen, hat der US-Psychologe Michael Steger 86 Studierenden eine Kamera in die Hand gedrückt. Der Auftrag: Sie sollten eine Woche lang Dinge fotografieren, die ihrem Leben einen Sinn verleihen. Die Auswertung offenbarte eine große Bandbreite von Motiven. Manche hatten einen Berg abgelichtet, andere ihren Hund oder ein selbst gemaltes Bild. Insgesamt machten Steger und seine Kollegen ein gutes Dutzend Kategorien aus, denen sich die Fotos zuordnen ließen, darunter Natur, Haustiere, Hobbys, Religion und Werte. Die wohl wichtigste dieser Kategorien aber bildeten Beziehungen. Fast 90 Prozent aller Teilnehmer hatten zumindest eine Aufnahme von Menschen gemacht – von ihrer Partnerin oder ihrem Partner, von Freunden oder der Familie.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind für die überwältigende Mehrheit der Menschen eine wesentliche Quelle eines sinnerfüllten Lebens. Das scheint sogar für virtuelle Sozialkontakte zu gelten, wie ein Laborexperiment zeigt, das der US-Psychologe Tyler Stillman zusammen mit Kollegen durchgeführt hat. Darin luden die Wissenschaftler Studierende zu einer Partie Cyberball ein, einem einfachen Wurfspiel, bei dem die Teilnehmenden einander nicht zu Gesicht bekommen. Stattdessen sind sie über das Internet miteinander verbunden, und alle sehen auf dem Bildschirm drei Zeichentrickfiguren. Die Person in Ballbesitz kann per Mausklick entscheiden, welchem der beiden anderen sie den Ball zuwerfen möchte.

Was die Versuchspersonen nicht wussten: Es handelte sich um ein abgekartetes Spiel. Das Verhalten der vermeintlichen Mitspieler bestimmte nämlich ein Computer. Und der sorgte dafür, dass die Studierenden anfangs ein paar Mal den Ball erhielten und dann nie wieder; sie wurden systematisch ausgegrenzt. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die bis zum Schluss und deutlich häufiger angespielt wurde, hielten sie ihr Leben anschließend für weniger sinnvoll.

»Sinn steckt nirgends objektiv drin; wir selbst sind es, die Situationen einen Sinn zuschreiben«
(Tatjana Schnell, Universität Innsbruck)

Die Innsbrucker Sinnforscherin Tatjana Schnell untersucht seit zwei Jahrzehnten, was unserem Leben Bedeutung verleiht. In weiten Teilen decken sich ihre Ergebnisse mit denen Stegers. Zwischenmenschliche Beziehungen können ihr zufolge auf unterschiedliche Weise Sinn stiften. Einerseits, weil Freundschaften, Liebe, gemeinsamer Spaß direkt zum eigenen Wohlbefinden beitragen. Andererseits sind sie auch ein Merkmal sozialen Engagements, einer Form der Selbsttranszendenz: Es geht nicht nur um mich, sondern auch um andere.

Schnell zufolge haben viele Sinn stiftende Aktivitäten etwas gemeinsam: den Eindruck, dass durch sie das eigene Leben in den nachfolgenden Generationen weiterwirkt. »Wir nennen das Generativität«, erklärt Schnell. »Sie hat sich in den zahlreichen Studien, die es inzwischen gibt, immer wieder als besonders wichtiger Faktor herausgestellt.« Das Gefühl, dass von uns etwas bleibt, wenn wir selbst längst Geschichte sind, scheint also eine wesentliche Zutat eines sinnerfüllten Lebens zu sein.

Aber wie lässt sich das erreichen? Für manche Menschen mag es bedeuten, Kinder zu bekommen und zu erziehen, für andere, Wissen weiterzugeben, Bilder zu malen oder ein Buch zu schreiben. Wieder andere schützen die Natur oder engagieren sich sozial, damit die Welt von morgen besser ist als die von heute. Worin wir Sinn finden, hängt sehr stark von uns selbst und unserer aktuellen Lebenssituation ab. Oder, wie Tatjana Schnell es ausdrückt: »Sinn steckt nirgends objektiv drin; wir selbst sind es, die Situationen einen Sinn zuschreiben.«

Welche Quellen wir dazu anzapfen können, scheint auch eine Frage der Gene zu sein. Der Arbeitspsychologe Daniel Simonet und sein Kollege Christopher Castille zeigten Anfang 2020, dass Eigenschaften wie Begeisterungsfähigkeit und Fleiß beeinflussen, wie sehr wir unsere berufliche Tätigkeit als bedeutungsvoll ansehen. »Worin ich meinen Sinn finde, hängt sehr stark von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen ab«, bestätigt auch Tatjana Schnell. »Und die sind zu einem großen Teil erblich.« Ob und in welchem Ausmaß jemand Sinn erlebe, sei dagegen von den Erbanlagen unabhängig.

Das Training für den Marathon, der wöchentliche Nachmittag mit den Enkeln, der Internet-Blog mit den Lieblingsrezepten: Ein großer Teil der Aktivitäten, mit denen wir unseren Alltag verbringen, ist potenziell sinnstiftend. Mitunter erkennen wir das nicht, oder erst, wenn wir daran erinnert werden. In Stegers Studie etwa sahen die Studierenden nach einer Woche fotografischer Sinnsuche deutlich mehr Sinn in ihrem Leben. Darüber nachzudenken, welche Dinge für uns eine Bedeutung haben, kann uns demnach dabei helfen, Sinn zu finden. Steger mahnt allerdings angesichts einer kleinen Stichprobe und der fehlenden Kontrollgruppe, die Ergebnisse seien vorläufig und vorsichtig zu interpretieren.

»Solange ich die Dinge nicht umsetze, die ich als bedeutungsvoll ansehe, wird sich bei mir kein Sinnerleben einstellen«
(Tatjana Schnell)

Einige therapeutische Ansätze zielen auch darauf ab, das Sinnerleben zu stärken. Sie alle setzen dazu unter anderem auf Selbstreflexion. Sich über die eigenen Prioritäten und Werte klar zu werden, sich auf bedeutungsvolle Erfahrungen in der Vergangenheit zu besinnen, darüber nachzudenken, warum man tut, was man tut: All das kann in einer Sinnkrise helfen. Groß angelegte Studien zeigen, dass solche Interventionen Lebensqualität, Wohlbefinden und Optimismus steigern. Beim Blick nach innen dürfe es dabei aber nicht bleiben, betont die Innsbrucker Sinnforscherin Tatjana Schnell. »Solange ich die Dinge nicht umsetze, die ich als bedeutungsvoll ansehe, wird sich bei mir kein Sinnerleben einstellen.«

Marc Wallert arbeitet heute als Resilienztrainer; seine Erfahrungen hat er zudem in einem Buch verarbeitet. Er weiß inzwischen, aus welchen Quellen sich sein Sinnerleben speist – er selbst spricht von einer »Überschrift« seines Lebens: »Ich möchte einen spürbaren Beitrag dazu leisten, dass andere Menschen gesund und erfolgreich sind und das auch bleiben.«

Lust auf noch mehr Sinn?

Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck lädt ein zur Teilnahme an einer Studie zu Sinnfragen in Zeiten von Corona: Hier geht's zu ihrer Onlinebefragung.

21/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21/2020

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