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Epidemiologie: Sprungbrett Karibik

Auch das berüchtigtste Virus der Welt ist Out-of-Africa, zudem verändert sich HIV seit vielleicht schon hundert Jahren auf seinem Weg durch die Welt. Seine Gene verraten nun, auf welchen Pfade es in Amerika ankam und wie lange es dort unentdeckt blieb. Das allerdings scheint für den Erreger nicht ungewöhnlich.
Aids-Erreger
Die Ahnung kam bald. Sie dämmerte den sonst hilflosen und überfragten Medizinern schon Anfang der 1980er Jahre, als ein Virus noch nicht als Verursacher jenes Syndroms enttarnt war, das das Immunsystem rettungslos schwächte und Erkrankten einem zwangsläufig erscheinenden Tod auslieferte. Aids, so seit 1981 der Name der Seuche, musste wohl aus der Karibik in die USA gelangt sein: Es waren von dort Immigrierte, unter denen die Erkrankung vor allem zirkulierte. Oder war es andersherum gewesen – hatten zuerst reiche Nordamerikaner das Virus mit dem aufkommenden Sex-Tourismus der 1970er Jahre in die Karibik getragen, aus der der Erreger dann, tödlicher als zuvor, seinen Siegeszug in die Gegenrichtung antrat?

HIV | Das HI-Virus entstand aus einer mutierten Affen-Variante des Erregers. Neuartige Regulatorgene sorgten dafür, dass das Virus sich dem menschlichen Körper anpasste und sich auch gegen die Immunabwehr zu behaupten wusste.
Später entlastete die weitere Forschung Touristen und Inselwelt gleichermaßen: Das tödliche Aids-Virus entsprang nicht der Karibik, sondern dem Herzen Afrikas. Rechnerisch wohl um 1930 hat hier das erste HI-Virus-1 der Gruppe M einen Menschen infiziert. Wie und auf welchen Wegen dieses Ur-Virus die Welt eroberte, wann und warum es den Atlantik überquerte blieb allerdings umstritten.

Ein paar dieser Wissenslücken glauben Thomas Gilbert und seine Kollegen nun schließen zu können. Die Forscher beschäftigten sich mit dem ältesten aus dem Gewebe von amerikanischen Aids-Patienten isolierten Viren-Erbgut. Dazu beschafften sie sich Proben des HIV-1 M Subtyp B, der 1982 und 1983 aus jenen Patienten isoliert worden waren, die als erste offizielle Aids-Patienten gelten: Fünf Haitianer, die erst kurz zuvor in die USA eingewandert waren. Das Team um Gilbert, einem Evolutionsbiologen von der Universität von Arizona, gewann für detaillierte Analysen die vollständigen Sequenzen der env- und gag-Gene aus den archivierten frühen Virenstämmen.

Diese Sequenzen verglichen sie dann mit jenen aus in Haiti selbst gesammelten Virenstämmen sowie env-Sequenzen von insgesamt 117 Erregern aus 19 verschiedenen Ländern, außerdem mit jenen des heutigen afrikanischen Verwandten, HIV-1 M Subtyp D. Die Ergebnisse, so Gilbert, sind erfreulich eindeutig. Ein Vorläufer des heutigen Subtyp B, kam einst zunächst nach Haiti und spaltete sich dort in verschiedene Untergruppen, von denen eine schließlich in die USA gelangte und die Pandemie auslöste.

HIV: Der Weg nach Amerika | Ein Vorläufer des Subtyp B von HIV-1 M gelangte zuerst nach Haiti, wo mehrere karibische Stämme des Virus entstanden. Einer kam dann etwa 1969 in die USA und sorgte dort für die Aids-Pandemie ("Haiti first model"). Ein alternatives Szenario ("USA first model") kann damit als unzutreffend zu den Akten gelegt werden: Es waren nicht infizierte US-Amerikaner, die einen Vorläufer der verschiedenen karibischen HIV-Stämme auf die Inseln brachten.
Nicht in den USA, in Haiti lag demnach der Ursprung der heute geografisch am weitesten verbreiteten Aids-Erreger-Stämme – sowie auch der einiger weiterer karibischer Varianten des Virus wie etwa jenen, die sich ab 1993 plötzlich auf Trinidad und Tobago ausgebreitet hatten. Alle Karibikformen inklusive jenem fatal erfolgreichen HIV-1 M Subtyp B gehen dabei auf wohl nur einen Erreger zurück, der irgendwann auf den Inseln aufgetaucht war – aus Afrika kommend, etwa um 1966 plusminus vier Jahre. Vielleicht, so wiederholen Gilbert und Co frühere Spekulationen, hat einer der vielen, im gerade frisch unabhängig gewordenen Kongo arbeitenden Haitianer das Virus in seine Heimat eingeführt?

Der älteste gemeinsame Vorfahre aller US-amerikanischen Virusstämme jedenfalls, so weitere genstatistische Analysen, tauchte dann um das Jahr 1969 auf – was bedeuten würde, dass das Virus zwölf Jahre unentdeckt in Nordamerika zirkuliert hatte, bis 1981 Aids erstmals ausgerufen wurde. Heute ist etwa durch serologische Untersuchungen nachweisbar, dass bereits 1978 etwa fünf Prozent der Angehörigen homosexuell aktiver Gruppen in San Francisco und New York HIV-1-positiv waren. Dies würde allerdings nahelegen, dass das Virus sich in seinen ersten Jahren in den USA zunächst recht langsam ausgebreitet hatte – vielleicht in der heterosexuellen Population –, bis es sich dann unter infektionsbiologisch günstigen Vorzeichen so explosionsartig vermehrt hatte, dass es nicht mehr zu übersehen war.

Offenbar ist eine solche Phase relativer Unauffälligkeit und nur schleichender Verbreitung in der Geschichte des Aids-Erregers nicht ungewöhnlich, schlussfolgern die Wissenschaftler – was auch Kritikern den Wind aus den Segeln nimmt, die bislang Genanalysen nicht recht glauben wollten, die die Geburt des allerersten Gruppe-M-HIV-1 Anfang der 1930er plusminus 14 Jahre sehen sowie die Trennung der heute wichtigsten Subgruppen B und D irgendwann in der Mitte der Jahren von 1946 bis 1961. Bislang hatten diese Kritiker argumentiert, dass bei einer so frühen Entstehung von HIV auch Aids in Afrika viel früher viel dramatischere Ausmaße hätte annehmen müssen; der erste tatsächlich per Blutprobe nachgewiesene Fall findet sich auch in Afrika aber erst 1959. Kein Wunder, so Gilbert und Kollegen: So dramatisch war die Verbreitung zunächst nicht, viele Aids-Tote seien bestimmt als Opfer der Tuberkulose auch nicht besonders aufgefallen – und die kryptische Frühphase der Epidemie tue ihr Übriges.

Bliebe noch die epidemiologisch brennende Frage, wodurch dann eigentlich die plötzlich explosionsartigen Anstiege der Fallzahlen verursacht werden. Gilberts Team gibt angesichts ihrer Genanalysen nicht länger irgendwelchen Evolutionsschüben von Virusstämmen die Schuld, die eine bessere Anpassung an die Abwehrmaßnahmen des Menschen oder andere Vorteile für der Erreger mit sich bringen. Viel eher resultieren die Schübe ökologischen Ursachen – unglückliche Umstände also können durch einen einzelnen Virus, der in ein für seine Ausbreitung günstiges Umfeld gelangt, zu Pandemieschüben führen.

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