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Psychologische Stressbewältigung: Stressfrei zum Mars

Einsamkeit, Erfolgsdruck, wenig Schlaf - und die eigene Familie ist für Monate weit, weit weg: Astronauten müssen auf Langzeit-Missionen viele psychische Schwierigkeiten bewältigen. Auf einem Symposium in Boston diskutierten Psychologen über die Probleme der Astronauten-Seele.
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Anfang 2009 ist es so weit. In einer kleinen Containeranlage in der Nähe Moskaus soll dann ein Big-Brother-Experiment der besonderen Art beginnen: "Mars 500". Sechs Probanden werden für 520 Tage eingesperrt. Kein Lichtstrahl dringt von außen ein und auch kein Sauerstoff. Alles, was die vier Russen und zwei Europäer zum Leben benötigen, ist vor Ort. Die Freiwilligen sind auf sich allein gestellt – unter ständiger Bewachung der russischen Weltraumagentur Roskosmos und der europäischen ESA. Denn an ihnen wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie Menschen auf eine ganz spezielle Extremsituation reagieren würden: Eine Reise zum Mars.

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Hafen im All: die Internationale Raumstation ISS | So erschien die Internationale Raumstation ISS im Mai 2008: Im Vordergrund ist das vieflügelige Automated Transfer Vehicle ATV der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA sichtbar, welches die ISS mit Vorräten versorgt und mit seinem Antrieb die Bahnhöhe der Station anhebt.
Nach der erfolgreichen Installierung der Raumstation ISS und zahlreichen Shuttle-Flügen richten sich die Sehnsüchte der großen Raumfahrer-Nationen nun wieder in weite Ferne: Bereits 2020 will die NASA eine feste Raumstation auf dem Mond aufbauen, zehn Jahre später plant die ESA einen benannten Trip zum Mars. Neben den technischen Herausforderungen einer solchen Reise rücken seit einigen Jahren verstärkt auch die psychologischen Herausforderungen einer Mars-Mission in den Fokus wissenschaftlicher Forschung.

Die Psyche des Astronauten

"Da die NASA Langzeit-Weltraummissionen vorbereitet, bekommen Aspekte der psychologischen Gesundheit und Leistung im Gegensatz zur früheren Ära der kürzeren Missionen eine zunehmende Bedeutung" sagt darum auch Marc Shepanek von der NASA. Nun beschäftigte sich ein eigenes Symposium auf der jährlichen Konferenz der American Psychological Association in Boston mit den psychologischen Problemen von Langzeit-Weltraumreisenden.

Und die sind nicht zu verachten: Schon sechsmonatige Aufenthalte auf den Raumstationen wie der ISS und bis 2001 auch der MIR sind selbst für taffe Astronauten eine psychologische Stress-Situation: Auf engsten Raum sind sie tagein, tagaus mit Kollegen aus aller Herren Länder und unterschiedlichsten Kulturkreisen zusammen, müssen in engen Zeitplänen komplexe wissenschaftliche Experimente durchführen. Häufig kommt der Schlaf zu kurz. Viele Arbeiten sind zudem monoton, Privatsphäre gibt es nicht. Und Freunde und Familie sind weit entfernt. Depressionen, Reizbarkeit und Erschöpfungsgefühle sind gängige Probleme an Bord der Raumstation.

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Zurück zum Mond! | So könnte es aussehen, wenn Astronauten künftig den Mond besuchen: Vom lunaren Südpol aus gesehen steht die Erde dicht über dem Horizont und geht selten unter.
Dabei haben es ISS-Besucher im Vergleich zu zukünftigen Mars-Reisenden noch vergleichsweise gut, berichtete die Soziologin Pyllis Johnson von der University of British Columbia ihren Kollegen: Sie haben bei ihren Umkreisungen im Orbit die Erde im Blick. Den Kontakt zum Erdgeschehen halten sie mit E-Mails und wöchentlichen Telefonaten mit der Familie. Neu anreisende Kollegen bringen Care-Pakete von zu Hause und durchbrechen hin und wieder die gewohnte Routine. Auch Feste werden mit Gebühr und hübschen Deko-Artikeln begangen und geben so das Gefühl von ein bisschen Normalität. So schaffen die Astronauten sich auch fern der Heimat ein Heim, in dem es sich leben lässt.

Mars-Reisen werden lang und einsam

Zukünftige Mars-Reisende dürften es weit weniger gemütlich haben: Sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückreise wird die Mannschaft mit einem monatelangen Langzeit-Flug umzugehen haben, nur unterbrochen von einer anstrengenden und unwirtlichen Boden-Erkundung auf dem roten Planeten. Die Erde ist weit entfernt, ebenso jede Hilfe im Notfall. Auf schnelle Kommunikation müssen die Astronauten verzichten: Wegen der ungeheuren Entfernungen, die je nach Position der Umlaufbahn um die Erde zwischen 56,8 und 399,4 Millionen Kilometer betragen, braucht ein Funkspruch oftmals zwanzig Minuten, bis er auf der Erde angelangt ist – wenn der Funkverkehr nicht sogar ganz abbricht. Und der Platz für eine Spiele-Sammlung, DVDs oder Bücher, die auf der ISS für Abwechslung sorgen, ist in der engen Raumfähre, in der jedes Gramm Reiseproviant schon Probleme macht, sehr begrenzt.

"Da die NASA Langzeit-Weltraummissionen vorbereitet, bekommen Aspekte der psychologischen Gesundheit und Leistung im Gegensatz zur früheren Ära der kürzeren Missionen eine zunehmende Bedeutung"
(Marc Shepanek)
Was eine solche Extremsituation mit der Psyche der Reisenden anstellt, ist für Experten nur schwer einzuschätzen. Zum einen reagiert jeder Mensch anders. Zum anderen kann man die Verlassenheit und den Erfolgsdruck der Astronauten auf der Erde nur ungenügend simulieren. Zwar gibt es inzwischen zahlreiche Untersuchungen ähnlich belastender Situationen so wie etwa die Überwinterung in den Forschungsstationen der Antarktis. Auch wurden bereits mehrere Isolations-Untersuchungen wie das für den Beginn 2009 geplante Mars 500 durchgeführt. Im vergangenen Jahr etwa spielten sieben nordamerikanische und kanadische Wissenschaftler auf Devon Island im kanadischen Nunavut vier Monate lang die Bodenmission auf dem Mars nach.

Simulationen nur bedingt geeignet

"Aber keine Region auf der Erde ist so abgelegen, dass sie nicht schnell erreicht werden kann", sagte Peter Suedfeld von der University of British Columbia, "und keine Ethik-Kommission würde eine Simulation erlauben, die nach dem Motto verläuft: Sobald du drin bist, kannst du nicht mehr raus, egal was passiert." Das bewies auch die 1999 von der russischen Raumfahrtbehörde durchgeführte Isolations-Studie "SFINCSS", in der ein Japaner, ein Russe, zwei Österreicher und eine Kanadierin 110 Tage lang in einem Nachbau der MIR-Station lebten. Durch zahlreiche kulturelle Missverständnisse und eine allgemeine Spannung eskalierte die Situation dort derart, dass sogar die Fäuste flogen – und der Japaner das Experiment vorzeitig abbrach.

Im Weltall dürfte das nicht passieren. Möglicherweise, glaubt Peter Suedfeld, ist die experimentelle Psychologie daher gar nicht die sinnvollste Ratgeberin: "Die besten Analogien sind die See- und Land-Expeditionen des 19. und 20. Jahrhunderts", sagt der Psychologe. Die damaligen Mannschaften mussten mit ähnlichen Problemen klarkommen wie die Mars-Reisenden der Zukunft: Sie waren auf sich allein gestellt, häufig aus unterschiedlichsten Kulturen, hatten keine oder nur unregelmäßige Kommunikationsmöglichkeiten mit der Heimat und mussten gemeinsam alle anfallenden Arbeiten erledigen, um ihr Ziel zu erreichen und zu überleben.

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Space Shuttle | Bald ein historischer Anblick: der Start einer US-Raumfähre
Suedfeld interessiert darum besonders, wie die Anführer der damaligen Expeditionstrupps es schafften, ihre Mitglieder auch in monotonen Zeiten zu motivieren und auch Rebellionen und Meutereien zu verhindern. Da jedoch beispielsweise große Rum-Fässer schlecht als Motivationshilfe ins All mitgenommen werden können, ist die spannende Frage: Was von diesen Methoden gibt Tipps für eine entspannte Reise zum Mars?

Kontrolle durch das Bodenpersonal

Auf die Historie indes wollen sich nicht alle Forscher verlassen. Die ESA beispielsweise setzen erst einmal lieber auf Technik. So brachte etwa ein Versorgungsschiff im Mai dieses Jahres das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelte Stress-Messlabor HealthLab an Bord der ISS. In simulierten Stress-Situationen wie etwa dem gefährlichen Andockmanöver der Raumschiffe an die Station zeichnet das Gerät den Puls und weitere Körperdaten der Astronauten auf. So wollen die Forscher feststellen, wer von den Raumfahrern besonders schnell nervös wird – und so ableiten, wer für welche Aufgaben geeignet ist.

Das HealthLab ist nur eine von vielen Überwachungsmethoden, mit denen das Bodenpersonal versucht, die Lage im Weltraum einzuschätzen. Schon heute werden die Astronauten auf der ISS ständig analysiert: Mit wem sprechen sie – und worüber? Gibt es Konflikte zwischen einzelnen Mitarbeitern? Sogar die Mimik der Astronauten soll demnächst mit einem eigens entwickelten Gerät auf unausgesprochene Seelenzustände hin durchleuchtet werden. Zusätzlich stehen Gespräche mit Psychologen auf der Tagesordnung. Die Raumfahrer stehen diesen jedoch oft eher skeptisch gegenüber – befürchten sie doch, dass eingestandene Ängste oder Depressionen ihrer Karriere schaden könnten.

Technik für eine entspannte Psyche

"Keine Ethik-Kommission würde eine Simulation erlauben, die nach dem Motto verläuft: Sobald du drin bist, kannst du nicht mehr raus, egal was passiert"
(Peter Suedfeld)
James Carter von der Harvard Medical School in Boston hat darum zusammen mit Kollegen ein Computerprogramm entwickelt, das den Astronauten bei Bedarf mit psychologischen Tipps zur Seite stehen soll – und ihnen so die Möglichkeit gibt, sich Stress, Konflikten oder Ängsten zu stellen, ohne dass das Bodenpersonal davon etwas mitbekommt. Gerade für Langzeit-Reisen wäre diese virtuelle Selbsthilfe möglicherweise die einzige Hilfe für Astronauten mit psychischen Problemen.

Die Psychologen speisten das Programm mit Lösungsstrategien für zwischenmenschliche Konflikte und Depressionen. Hilfestellung bekamen sie dabei von dreizehn ehemaligen Astronauten, die schilderten, wie sie auf Langzeit-Reisen mit stressigen Situationen und psychischen Problemen umgegangen sind. Aktuell wird die "Virtual Space Station" noch auf ihre Nutzerfreundlichkeit getestet – etwa in den amerikanischen Forschungsstationen auf der Antarktis. Ist das System erst einmal einsatzbereit, soll es sowohl auf der Erde, als vorbereitendes Training, als auch im Weltall angewendet werden.

Bis dahin setzen die Raumfahrtbehörden erst einmal verstärkt auf interkulturelles Training. Denn die kulturellen Missverständnisse sind ein Hauptgrund für Konflikte und Spannungen an Bord von Raumfähren und Raumstationen. Nur eine – möglicherweise nicht unwichtige – psychische Belastung lassen die Weltraumbehörden bislang außen vor: Die Liebe. Denn in teilweise jahrelangen Weltraumreisen mit gemischt geschlechtlicher Crew sind Lust, Eifersucht und körperliche Verlangen keineswegs ausgeschlossen. Dennoch will sich zumindest die NASA erst einmal nicht damit befassen. Auf eine Anfrage des amerikanischen Fernsehsenders Fox-News zumindest antwortete NASA-Sprecher Bill Jeffs deutlich: "Wir untersuchen die Sexualität im Weltraum nicht."
16.08.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.08.2008

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  • Quellen
Carter, J. A., et al.: An Interactive Media Program for Managing Psychosocial Problems in Long-Duration Spaceflights. In: Aviation, Space and Environmental Medicine, 76(6), 2005.
American Psychological Association Meeting, Boston, (14.-17.8.2008): To the Moon and Mars – Psychology of Long-Duration Space Exploration.

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