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Psychotherapie: Umbau gegen die Schwermut

Ein neues Antidepressivum verändert das Zellskelett.
Depression

Bei Depressionspatienten sind einige Forscher vor Jahren auf eine zunächst merkwürdige Veränderung der Neurone gestoßen: Die wichtigsten Bauelemente des Zellskeletts, die Mikrotubuli, werden bei Betroffenen in merklich geringerer Menge neu aufgebaut und angepasst als bei Gesunden [1]. Ein Wirkstoff, der diesen Missstand behebt, könnte nun zur Entwicklung eines neuen Antidepressivums führen, das schneller wirkt und weniger Nebenwirkungen aufweist.

Das ist zumindest die Hoffnung von Massimiliano Bianchi und seinem Kollege Etienne-Emile Baulieu, die beide im französischen Unternehmen Mapreg die Entwicklung dieses Medikament vorantreiben. In einem Experiment an Ratten erwies sich die MAP4343 genannte Substanz, eine synthetische Variante des Neurosteroids Pregnenolon, als überlegen im Vergleich zu einem gebräuchlichen Antidepressivum, dem selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer Fluoxetin (Prozac) [2].

Dazu zogen die Forscher zunächst Versuchstiere in Isolation auf – was einer Depression vergleichbare psychische Störung hervorruft – und verabreichten ihnen dann das Medikament. In Verhaltensexperimenten zeigten sich die Tiere anschließend weniger ängstlich und reagierten neugieriger auf neue Reize als die herkömmlich behandelte Kontrollgruppe. Die Wirkung trat dabei signifikant schneller ein als bei Fluoxetin. Schädliche Effekte waren laut den Forschern nicht erkennbar.

Dass MAP4343 tatsächlich wie gewünscht den Stoffwechsel des Zellskelettbaus angekurbelt hatte, offenbarten molekulare Analysen im Hippocampus der Tiere. In dessen Zellen lag das Protein MAP-2, das wesentlich am Bau von Mikrotubuli beteiligt ist, in erhöhter Konzentration vor. Den Überlegungen der Forscher zufolge könnte dies den Hirnzellen helfen, neue Zellfortsätze auszubilden und sich so besser mit ihren Nachbarn zu verknüpfen.

Ein ähnlicher Effekt des Wirkstoffs war bereits in früheren Experimenten an Ratten mit Rückenmarksverletzungen beobachtet worden. Das angestachelte Zellwachstum könnte Betroffenen zugute kommen, indem es gekappte Nervenverbindungen wiederherstellen hilft.

Handelsübliche Antidepressiva werden zwar in vielen Fällen erfolgreich zur Behandlung von Depressionssymptomen eingesetzt, haben aber gewichtige Nachteile: So helfen sie oft erst nach Wochen und sind dann vielfach von einer Palette an Nebenwirkungen begleitet. Außerdem spricht ein nennenswerter Teil der Patienten gar nicht oder nur schlecht auf die Behandlung an. In kommenden klinischen Tests wollen Bianchi und Baulieu überprüfen, ob sich die Ergebnisse aus dem Tierversuch auf den Menschen übertragen lassen und MAP4343 eine bessere Alternative zur Depressionsbehandlung darstellt.

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  • Quellen

[1] Curr. Drug Targets CNS Neurol. Disord. 4, S. 597–611, 2005

[2] Proc. Natl. Acad. Sci. USA 10.1073/pnas.1121485109, 2012

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