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Unwetter in Deutschland: »Das sind auch für uns Meteorologen aufregende Tage«

Über Deutschland braut sich eine starke Gewitterfront zusammen. Fachleute fürchten die stärksten Unwetter seit Langem. Der Meteorologe Marcus Beyer erklärt, was da auf uns zukommt.
Dunkle Gewitterwolken hängen über der Skyline von Frankfurt/Main.

Hagel, Starkregen, ja sogar Tornados: Die Gewitterlinie, die sich am Abend des 19. Mai über Deutschland bildet, hat es in sich! Im Interview erklärt der Meteorologe Marcus Beyer vom Deutschen Wetterdienst, welche Faktoren dazu führen, dass das Unwetter so stark ist – und was die größte Gefahr an der aktuellen Wetterlage ist.

»Spektrum.de«: Herr Beyer, die Wettermodelle sagen für den Freitag extreme Unwetter voraus. Bei Twitter schreiben Meteorologen, dass sie solche brisanten Wetterkarten sehr selten sehen, manche sind regelrecht besorgt. Was ist da los?

Marcus Beyer: Das sind schon heftige Berechnungen, die hier im Wetterzentrum einlaufen. Solche Wetterkarten haben Seltenheitswert, das ist recht eindrücklich. Es kommt nicht jedes Jahr vor, dass wir solche Werte sehen. Daher erwarten wir eine ausgeprägte Schwergewitterlage für große Teile des Landes.

Wo werden die Unwetter genau entlangziehen?

Die genaue Zugbahn ist noch unsicher, aber den Schwerpunkt erwarten wir für die mittleren Landesteile. Die Menschen sollten sich morgen darauf einstellen, dass heftige Gewitter unterwegs sind. Am Nachmittag zieht eine Gewitterlinie im Westen auf, zieht über die Mitte und erreicht abends den Osten. Wir erwarten Orkanböen, großen Hagel, Starkregen. Sogar Tornados sind nicht ausgeschlossen. Man muss wirklich mit allen Schweinereien rechnen, die bei solchen Lagen möglich sind.

Marcus Beyer | Der Diplom-Meteorologe arbeitet beim Deutschen Wetterdienst.

Warum ist die Lage so brisant?

Die Luft ist morgen sehr schwül, enthält viel Feuchtigkeit. Zudem ist sie labil geschichtet, wie wir sagen. Das heißt, die Temperatur der Umgebungsluft nimmt mit der Höhe rasch ab und die Luft kann damit schnell aufsteigen. Das passiert bei vielen Gewitterlagen, morgen kommt aber noch etwas hinzu: Zusätzlich bildet sich ein Bodentief über den Beneluxstaaten, das im Lauf des Nachmittags und des Abends über Norddeutschland nach Osten zieht. Dieses Tief bringt sehr viel Dynamik in die Atmosphäre, es ist alles da, was man für Schwergewitterlagen benötigt: Neben der Feuchte und Labilität sorgt das Tief auch für starke Hebung.

Auf Wetterkarten lässt sich eindrücklich beobachten, wie dieses Tief die extremen Luftmassen durcheinanderwirbelt. Über dem Süden hängt subtropische Heißluft, von der Nordsee nähert sich kühle Meeresluft, die Temperaturunterschiede sind groß. Und genau über Deutschland entzündet sich diese Wetterlage.

Ganz entscheidend ist aber noch etwas anderes bei dieser Wetterlage: die Windscherung. Das bedeutet, dass der Wind mit der Höhe seine Richtung ändert und gleichzeitig an Stärke zunimmt. Am Boden wehen zunächst südliche Winde, mit Eintreffen des Tiefdruckgebiets dreht er auf westliche Richtungen. Außerdem nimmt der Wind zu, um etwa 90 Kilometer pro Stunde vom Boden bis in drei Kilometer Höhe. Das ist schon heftig.

»Man muss wirklich mit allen Schweinereien rechnen«

Warum macht die Windscherung Gewitter heftiger?

Bei normalen Gewitterlagen steigen Warmluftblasen auf. Sie kühlen sich ab, es bilden sich Wolken und die wachsen zu Gewittern heran. Doch dann fällt der Regen genau in den feuchtwarmen Aufwindbereich, der die Gewitterwolke am Leben erhält. Dadurch wird das Gewitter seiner Nahrung beraubt und es fällt wieder in sich zusammen. Langlebig werden Gewitterwolken dann, wenn der Aufwindbereich vom fallenden Niederschlag getrennt wird – das macht die vertikale Windscherung. Zudem kann ein Gewitter durch die Scherung in Rotation geraten und aus der Höhenströmung ausscheren, geradezu ein Eigenleben entwickeln. In diesem Fall sprechen wir von einer Superzelle. Das sind die heftigsten Gewitter, die es gibt: Großer Hagel von mehr als fünf Zentimeter Größe ist überhaupt erst durch Superzellen möglich.

Wo werden solche Superzellen am Freitag erwartet?

Das kann man nicht räumlich genau vorhersagen. Es besteht aber über der gesamten Mitte des Landes ein erhöhtes Potenzial dafür. Diese Superzellen entwickeln sich vor der Kaltfront des Tiefs, im so genannten Warmluftsektor. Dabei wird die heiße und schwüle Luft schnell gehoben, innerhalb kurzer Zeit schießen Gewitterwolken in die Höhe. Von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen über Hessen bis weiter in den Osten können morgen solche Superzellen entstehen. Dort wo sie auftreten, muss man mit großen Schäden rechnen. Großer Hagel mit mehr als vier Zentimeter Durchmesser wird erwartet, das Potenzial von Tornados ist erhöht.

Meteorologen reden normalerweise nicht gerne über eine mögliche Tornadogefahr. Zu selten tauchen sie auf, statistisch bringt nur eine von zehn Superzellen einen Tornado zu Stande.

Die Gefahr ist am Freitag einfach gegeben, der starken Windscherung zwischen Erdboden und einem Kilometer Höhe wegen. Ein Parameter, den wir diesbezüglich beobachten, ist die Helizität. Das ist ein Maß für die Intensität der Rotationsbewegung von aufsteigender Luft. Mit diesem Parameter lässt sich die Wirbelhaftigkeit abschätzen, die Vorticity. Schaut man sich die Werte für den Freitag an, sind die jedenfalls ziemlich hoch über der Mitte. Im Norden und im Süden rechnen wir eher nicht mit Tornados. Während im Norden die feuchtheiße Luftmasse fehlt, liegt im Süden die Wolkenuntergrenze zu hoch. Für das Entstehen dieser kleinräumigen Wirbel braucht es eine niedrige Wolkenuntergrenze, wie sie morgen für Teile der Mitte berechnet werden. Glücklicherweise sind Tornados eine sehr lokale Geschichte. Sollte allerdings eine Großstadt getroffen werden, wären die Auswirkungen sicherlich verheerend.

Mit diesem Worst-Case-Szenario rechnen Meteorologen schon länger. 1968 traf ein starker Tornado Pforzheim.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine Großstadt von einem schweren Tornado der Stärke F3 oder höher getroffen wird. Das kann theoretisch morgen geschehen oder erst in 10, 20 oder 30 Jahren. In Bützow in Mecklenburg-Vorpommern gab es im Jahr 2015 einen so starken Tornado, auch letztes Jahr in Tschechien. Wenn diese Tornados durch München, Frankfurt oder Berlin gezogen wären, wäre das verheerend gewesen. Die größte Gefahr ist bei der morgigen Unwetterlage aber eine andere. Das ist der Fokus, auf den wir uns konzentrieren.

Welche?

Der Sturm. Hinter dem Warmluftsektor, in dem sich die Superzellen bilden können, nähert sich gegen Abend die Kaltfront des Tiefdruckgebiets. Wie stark sie ausfällt, hängt auch davon ab, ob der Atmosphäre durch die vorherigen Gewitter schon Energie entzogen wurde und wie viel. Entlang dieser Kaltfront wird sich wahrscheinlich ab dem Nachmittag im Westen eine starke Gewitterlinie bilden, die starken Wind bis hin zu Orkanböen verursachen kann.

Wir erwarten einen richtigen Komplex aus zusammengewachsenen Gewittern, mesoskaliges konvektives System sagen wir dazu. Dieser Komplex erreicht dann am Abend und in der Nacht die östliche Mitte. Das ist die Gefahr, auf die man morgen vorbereitet sein sollte. Wir tun uns mit Vergleichen zwar immer schwer, jede Lage ist anders ...

Aber?

Aber die Lage erinnert schon an das fatale Pfingstunwettertief Ela im Jahr 2014.

Damals zog am späten Abend ein solches mesoskaliges konvektives System über Nordrhein-Westfalen. Es kamen mehrere Menschen ums Leben, am schlimmsten getroffen wurde Düsseldorf, ein Drittel der Bäume standen nach dem Unwetter nicht mehr. Die Aufräumarbeiten dauerten Wochen.

Bei solchen Systemen ist richtig viel Wind im Spiel. Die anrückende Kaltluft drückt nach vorne, manchmal bildet sich ein Bogenecho.

Ein Bogenecho?

Im Radarbild sieht die Linie dann aus wie ein Bogen. Dabei wird die Gewitterlinie nach vorne ausgebeult, schwere Fallwinde können Orkanböen bringen. Meteorologen bezeichnen sie auch als Downbursts.

Gibt es schon Unwetterwarnungen für morgen?

Orte akut warnen können wir erst, wenn sich Superzellen und die Gewitterlinie bilden. Die Vorwarnzeit ist bei der Gewitterlinie entlang der Kaltfront etwas früher möglich, weil ihre Zugbahn besser vorhergesagt werden kann. Eine Vorabinformation wird aber sicher bereits in den Vormittagsstunden des Freitags ausgegeben. Auf jeden Fall wird jetzt schon in den sozialen Kanälen wie Twitter und Facebook sowie über Unwetterclips auf Youtube auf die bevorstehenden Gefahren aufmerksam gemacht. Die angesprochenen Videos laufen wie die Warnungen in unsere Warnwetter-App ein. Damit können die Menschen die Lage heute schon gut im Blick behalten. Zudem gibt es bereits am heutigen Donnerstagnachmittag erste heftige Gewitter. Die Warnungen werden dauernd aktualisiert. Das sind auch für uns Meteorologen sehr aufregende Tage.

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