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SARS-CoV-2: Was, wenn das Coronavirus Afrika erreicht?

Es sind vor allem nicht gemeldete Fälle, die Seuchenschützer beunruhigen. Denn sollte das Coronavirus unentdeckt in Afrika und Asien zirkulieren, sind Millionen Menschen gefährdet.
Geschäftige Straßen von Lagos, NigeriaLaden...

China hat eingeräumt, dass die Coronavirus-Epidemie doch größer ist als zuletzt behauptet. Derweil wurden Infektionen mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 inzwischen in 24 Ländern außerhalb des Riesenreichs festgestellt. Und der Erreger könnte sich noch weiter verbreitet haben. Forscher warnen, dass einige Länder, die bislang weniger Fälle als erwartet oder gar keine gemeldet haben, Fälle nicht erkannt haben.

Besonders besorgniserregend: nicht gemeldete Fälle in Ländern Südostasiens und Afrikas mit schwachem Gesundheitssystem. Diese könnten schnell von einem lokalen Ausbruch überwältigt werden, sagen Experten. Obwohl bisher keine Fälle in Afrika gemeldet wurden, sind einige Länder dort wegen ihrer starken Geschäftsbeziehungen zu China entsprechend gefährdet. Nigeria beispielsweise.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserer ausführlicher Coronavirus-FAQ. Unter anderem:
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- Wann wird es einen Impfstoff geben?
Alle Artikel über das neue Coronavirus, das sich weltweit verbreitet, finden Sie auf unserer Themenseite.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Ausbruch längst zum globalen Gesundheitsnotstand erklärt, es ist die höchste Alarmstufe der Behörde. Die Entscheidung basiere hauptsächlich auf der Sorge, dass sich SARS-CoV-2 in Ländern mit schwächerem Gesundheitssystem ausbreiten könnte, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Laut einer Studie melden Malaysia, Vietnam und Kambodscha weniger Fälle, als zu erwarten wären

Mit Hilfe von Flugdaten haben Forscher Modelle der möglichen weltweiten Verbreitung des Virus erstellt. Eines davon identifizierte 30 Länder oder Regionen, die auf Grund der großen Anzahl von Flügen aus Wuhan, dem Epizentrum des Ausbruchs, und aus anderen Städten in China mit vielen Reisenden aus Wuhan von SARS-CoV-2 bedroht sind. Das Modell verwendete Flugdaten vom Februar 2018.

Thailand ist laut der Studie, die am 5. Februar auf dem Preprint-Server von medRxiv veröffentlicht wurde, am anfälligsten. Bisher wurden dort 33 Personen mit der Infektion gemeldet, von denen 23 in China waren. Aber Shengjie Lai zufolge, Epidemiologe an der University of Southampton, Großbritannien, und Mitverfasser der Studie, sind geschätzt 207 Fälle in den zwei Wochen vor der Einschränkung der Ein- und Ausreise nach Wuhan nach Thailand gekommen.

Indonesien hat bisher keinen einzigen Fall gemeldet, dabei ist das Land ein beliebtes Ziel für chinesische Touristen. Lai sagt, es könnte bis zu 29 Fälle geben. Mehrere andere Länder, darunter Malaysia, Vietnam, Kambodscha und Australien, hätten ebenfalls weniger Fälle gemeldet, als das Modell vorhersagt.

Das nächste Modell sagt: Die Zahl der Erkrankungen in Indonesien, Thailand und Kambodscha ist geringer als gedacht

Es ist zwar möglich, dass es wirklich keine Fälle in Indonesien gegeben hat, erklärt der Epidemiologe Andrew Tatem, ebenfalls an der University of Southampton und Mitverfasser der Studie. Oder aber die Infizierten hätten sich erholt, bevor sie entdeckt wurden. Beunruhigend sei die Möglichkeit, dass die Fälle unentdeckt geblieben seien und sich das Virus unter dem Radar ausbreitet.

Ein anderes Modell der internationalen Ausbreitung von SARS-CoV-2 deutet darauf hin, dass die Zahl der Erkrankungen in Indonesien, Thailand und Kambodscha geringer ist als erwartet. Kambodscha hat bisher nur einen Fall gemeldet. Die Ergebnisse dieser Studie, die auf Flügen aus Wuhan zwischen Januar und Februar 2019 basiert und die ein Team der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston, Massachusetts, verfasst hat, wurden am 5. Februar ebenfalls auf medRxiv veröffentlicht.

Amin Soebandrio, Vorsitzender des Eijkman-Instituts für Molekularbiologie in Jakarta, ist zuversichtlich, dass Indonesien in der Lage ist, SARS-CoV-2 bei Menschen nachzuweisen, falls es eintrifft. Bei anderen Ländern in Südostasien ist das fraglich. Einige verfügen nur über eine begrenzte Anzahl von medizinischem Personal, Krankenhausbetten, Hilfspersonal, Beatmungsgeräten sowie anderen Geräten und hätten Schwierigkeiten, auf einen Anstieg der Virusfälle zu reagieren, weiß Richard Coker, ein pensionierter Arzt des öffentlichen Gesundheitswesens mit Sitz in Bangkok.

Was ist mit Afrika?

Der Kontinent hat bisher noch keine Fälle gemeldet, und er ist nicht so exponiert wie einige südostasiatische Nationen infolge internationaler Direktflüge von Wuhan, sagt Marc Lipsitch, Epidemiologe und Mitverfasser des Modells des Harvard-Teams. Aber eine große Zahl chinesischer Arbeiter arbeitet in Afrika, und ihre Reisen zwischen China und Afrika seien eine mögliche Übertragungsroute.

Ein anderes Modell, das speziell das Risiko einer Ausbreitung von SARS-CoV-2 nach Afrika berücksichtigte, stellte fest, dass Ägypten, Algerien und Südafrika die am stärksten gefährdeten afrikanischen Länder sind. Die Analyse , die am 7. Februar auf medRxiv veröffentlicht wurde, untersuchte Flüge nach Afrika von chinesischen Städten aus, die über Infektionen berichtet hatten, schloss jedoch Städte in der Provinz Hubei, in der Wuhan liegt, wegen der Sperre aus, die seit Ende Januar das Reisen aus vielen Städten dort einschränkt.

Das Gute: Diese drei Länder seien in der Lage, auf einen Ausbruch effektiv zu reagieren, sagt Vittoria Colizza, die am Pierre-Louis-Institut für Epidemiologie und öffentliche Gesundheit in Paris Infektionskrankheiten modelliert und Mitverfasserin der Afrika-Studie ist.

Colizza und ihre Kollegen sorgen sich am meisten wegen sieben afrikanischer Nationen, die zwar nur ein mäßiges Risiko für die Einschleppung des Virus haben, deren schwaches Gesundheitssystem, niedriger wirtschaftlicher Status oder instabile politische Lage sie jedoch höchst verwundbar machen. Gemeint sind Nigeria, Äthiopien, Sudan, Angola, Tansania, Ghana und Kenia.

Diese Länder, mit Ausnahme des Sudan, gehören zu den 14 afrikanischen Ländern, die laut WHO ebenfalls ein erhöhtes Risiko für die Einschleppung des Virus aufweisen, da sie Direktflüge aus China oder ein hohes Reiseaufkommen haben. Die Organisation arbeitet mit ihnen zusammen, um mögliche Fälle schnell aufdecken zu können, sagt Tarik Jašarević, ein WHO-Sprecher im schweizerischen Genf. Laut ihm müssen die 14 Länder auch ihre Bereitschaft erhöhen.

Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es nun mindestens acht Labore

Bis vergangene Woche hatten viele Länder in Afrika keine Labore, die SARS-CoV-2 diagnostizieren konnten, und mussten Proben zur Untersuchung ins Ausland schicken. Aber die Situation ändere sich schnell, sagt Colizza. Gab es auf dem gesamten Kontinent zunächst nur zwei Labore, um das Virus zu bestätigen – eines im Senegal und eines in Südafrika –, sind es mittlerweile mindestens acht laut WHO.

Drei der neu hinzugekommenen Labore befinden sich in Nigeria, sagt Chikwe Ihekweazu, Generaldirektor des Nigeria Centre for Disease Control in Abuja. Am Wochenende seien zwei Personen, die vor Kurzem mit vermuteten Infektionen aus China zurückgekehrt seien, negativ getestet worden.

Ihekweazu sagt, dass Nigeria auf Grund seiner Größe, des Reiseaufkommens und seiner lebhaften Wirtschaft bereits jetzt anfällig dafür sei, eine Infektionskrankheit einzuschleppen. Die starken Geschäftsbeziehungen des Landes zu China stellten ein zusätzliches Risiko dar.

Nigeria hat das Screening von Reisenden aus China intensiviert und die Kommunikation über die Infektionsrisiken in der Öffentlichkeit verstärkt. Doch das Gesundheitssystem des Landes ist bereits mit dem Ausbruch der hämorrhagischen Viruskrankheit Lassafieber konfrontiert. Laut Ihekweazu ist das schlimmste Szenario für Nigeria, wenn eine infizierte Person unentdeckt bleibt und beginnt, andere anzustecken. »Das ist es wirklich, was mich nachts wach hält«, sagt er.

Der Artikel ist im Original »Scientists fear coronavirus spread in countries least able to contain it« in »Nature« erschienen und wurde für die deutsche Fassung bearbeitet.

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