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Genetik: Wer waren die Krieger im Alemannengrab?

Vor rund 1400 Jahren wurden in Baden-Württemberg alemannische Krieger begraben. Moderne Genetik zeigt nun, woher die Beerdigten stammten.
Tote Alemannen

1962 stießen Bauarbeiter im baden-württembergischen Niederstotzingen auf eine alte Grabstätte, in der 13 Menschen, drei Pferde und einige Beigaben wie Broschen, edle Kämme und Langschwerter lagen. Sie stammt aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. und war die letzte Ruhestätte von Alemannen, wie erste Untersuchungen bestätigten. Es gilt als das bedeutendste Alemannengrab in Deutschland. Anhand der Waffen, Pferde und sonstigen Güter schlossen Archäologen, dass hier zumindest zum Teil ranghohe Krieger lagen. Doch woher sie kamen und in welcher Beziehung sie zueinander standen, war unbekannt. Prinzipiell handelt es sich bei der Beerdigungsstätte um eine »Adelsgrablege«, wie die Archäologen sagen: ein mit wertvollen Beigaben versehenes Grab für einen kompletten Haushalt, dessen Mitglieder nicht unbedingt miteinander verwandt sein mussten. Eine Studie von Wissenschaftlern um Frank Maixner vom Eurac Institut für Mumienforschung in Bozen in »Science Advances« bringt nun neue Erkenntnisse.

»Die Ergebnisse belegen bemerkenswerte überregionale Kontakte. Die gemeinsame Bestattung bringt außerdem eine über den Tod hinausgehende Verbundenheit zwischen der Familie und ihrer Gefolgschaft zum Ausdruck«, erklärt der an der Studie beteiligte Forscher Niall O'Sullivan vom Forschungszentrum Eurac Research. 11 der 13 Toten lieferten noch ausreichend DNA, um sie schließlich als Männer zu identifizieren. Warum keine Frauen in der Grablege beerdigt wurden, ist unklar; bestimmte Schmuckgegenstände deuten allerdings darauf hin, dass eines der Gräber zumindest zeitweise auch weibliche Leichen beherbergte, die später umgebettet wurden. Auch ein eher graziles Skelett stammt entgegen ersten Annahmen von einem jungen Mann – Krause und Co können damit ausschließen, dass es sich um eine frühmittelalterliche Kriegerin handelte.

Spannender noch war aber die Herkunft der Toten, die ein DNA-Vergleich mit heutigen Bevölkerungsgruppen erbrachte. Sechs von ihnen stammten wohl aus dem nordeuropäischen Raum, zwei weitere dagegen eher aus dem Mittelmeergebiet. Fünf waren miteinander verwandt; nur einer kam aus der Region um Niederstotzingen selbst. Einen mehr oder weniger friedlichen Austausch über Regionen hinweg lassen zudem die Grabbeigaben vermuten, die fränkischen, langobardischen und byzantinischen Ursprungs sind. »Deren vielfältige Herkunft in Kombination mit den neuen genetischen Daten deuten auf eine kulturelle Offenheit hin und belegen, wie Mitglieder derselben Familie womöglich unterschiedlichen Kulturen zugewandt waren«, so die Max-Planck-Forscher in einer Mitteilung.

Eine Erklärung für die Völkervielfalt in der Grablege könnte der gegenseitige Tausch von in Geiselhaft genommenen Kindern sein, die letztlich wie eigener Nachwuchs aufgezogen wurden. »Überlieferungen aus der damaligen Zeit legen so etwas zumindest nahe«, sagte O'Sullivan gegenüber »Science«. Manche der Krieger wurden also vielleicht als Kinder nach Norden gebracht, wo ihre Adoptiveltern sie zu Soldaten mit dem gleichen hohen Status erzogen. Doch ausgeschlossen sei ebenso wenig, dass es sich bei ihnen um so etwas wie ein Pfand handelte, das bei Verhandlungen zwischen Stämmen ausgetauscht wurde. Von einem einzigen Beispiel dürfe man aber nicht darauf schließen, wie weit verbreitet dieser Brauch gewesen sei, so der nicht an der Studie beteiligte Alexander Mörseburg von der University of Cambridge. Unklar ist vorerst noch, ob die kulturelle Offenheit in der Bevölkerung damals üblich war oder ob die Adelsgrablege einer privilegierten Familie das Bild nicht verzerrt.

Wodurch die Krieger starben, bleibt ebenfalls ein Rätsel; da ihre Überreste keine schweren Verletzungen aufweisen, scheidet ein Kampf wohl aus. Zur Zeit ihres Ablebens soll die Pest in der Region gewütet haben, doch auch davon fanden sich keine Spuren. Dieses Geheimnis bleibt vorerst im Grab.

37/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2018

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