Direkt zum Inhalt

News: Zum Sensibelchen geboren

Chronische Schmerzen zermürben - den einen früher, den anderen später. Eine Frage des Charakters? Keineswegs! Über das individuelle Schmerzempfinden entscheidet zum großen Teil ein einziges Gen.
In der Backe pocht es, die Gedanken kreisen ausschließlich um diesen Punkt, bis es außer Schmerz nichts mehr zu geben scheint. Nun aber schnell eine Tablette! Oder ist es doch nur halb so schlimm? Wer fürchtet, als Jammerlappen abgestempelt zu werden, kann beruhigt sein: Wahrscheinlich ist er nur Opfer eines seiner Gene, das ihn zu einem besonders schmerzempfindlichen Menschen macht. Wie intensiv der Mensch Schmerz empfindet, hängt nämlich wesentlich davon ab, wie viel er an körpereigenen Schmerzmitteln, den Enkephalinen, bildet. Und das funktioniert bei Sensibelchen recht schlecht, bei Schmerzunempfindlichen dagegen besonders gut; das zeigen Aufnahmen aus dem Gehirn von Personen, die an Schmerzen leiden.

Bei 18 Freiwilligen erzeugten Jon-Kar Zubieta von der University of Michigan und seine Kollegen durch die Injektion einer Salzlösung in den Kiefermuskel "künstliche Zahnschmerzen" und hielten sie durch Nachspritzen auf einem subjektiv gleichen Level. Anschließend befragten sie die Probanden nach ihrem Schmerzempfinden und beobachteten mit Hilfe von Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und einer schwach radioaktiven Substanz, wie stark das System zur Schmerzunterdrückung im Gehirn aktiviert wurde.

Siehe da: Die Sensibelsten konnten den Schmerz deutlich schlechter vermindern als die Unempfindlichen, die eine viel größere Dosis der schmerzauslösenden Salzlösung ertrugen. Denn das System zur Schmerzunterdrückung war besonders in den Hirnregionen unterschiedlich aktiv, die Schmerz, Emotionen und Stress verarbeiten. Entsprechend sensibel oder unempfindlich reagierten die Testpersonen. Zwischen beiden Extremen gab es die Masse der mäßig Empfindsamen, die den Schmerz auch mittelmäßig in den Griff bekamen.

Der Unterschied in der Schmerztoleranz ist aber nicht eine Frage der Charakterstärke, sondern wird maßgeblich von einem Gen bestimmt, das für die Produktion des Enzyms Catechol-O-methyltransferase (COMT) verantwortlich ist. Dieses Eiweiß spielt eine Schlüsselrolle, wenn das System zur Schmerzunterdrückung aktiviert wird: Es beseitigt den Botenstoff Dopamin, der wichtig ist bei der Verarbeitung angenehmer und stark emotional beladener Ereignisse. Wird das Dopamin nicht schnell genug abgebaut, produziert das Gehirn weniger körpereigene Schmerzmittel.

Von dem Enzym COMT gibt es allerdings zwei weit verbreitete Varianten, die sich lediglich in einem einzigen Eiweißbaustein unterscheiden, aber unterschiedlich gut arbeiten: Je nach genetischer Vorlage wird an einer bestimmten Stelle entweder die Aminosäure Valin – der Garant für die Power-Version – eingebaut, oder – in der schlappen Form – stattdessen Methionin. Arbeitet COMT gut, werden viel Enkephaline gebildet, funktioniert es nur mäßig, gelangt wenig der schmerzstillenden Substanzen ins Blut.

Da die Chromosomen, auf denen die Gene sitzen, jeweils in doppelter Ausfertigung vorliegen, verfügen die meisten Menschen über beide Varianten des Enzyms: Das eine Chromosom trägt die Vorlage für COMT mit Methionin und das andere die Anweisung für den Einbau von Valin. Im Körper zirkulieren dann sowohl die Power- als auch die Soft-Form; diese Personen haben ein "normales" Schmerzempfinden. Schmerzresistente tragen nur die Gene für die Power-Variante mit Valin, die Sensiblen dagegen ausschließlich jene für die weniger aktive Form.

Zusätzlich kann auch der Östrogenspiegel das Schmerzempfinden beeinflussen. Schmerzgeplagte, die schnell zur Tablette greifen, leiden also einfach mehr als andere, die das Glück haben, ein fitteres Enzym zur Aktivierung der Schmerzunterdrückung zu haben.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos