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Gewinn ist nicht alles

In diesem neuen Buch sammeln Autoren verschiedene Beispiele von Unternehmen und Organisationen, die sich an der Gemeinwohl-Ökonomie orientieren.

Was haben ein gewisser Tee- und Gewürzanbieter, ein Hersteller von Outdoormode, eine Krankenkasse und eine Bank gemeinsam? Sie bewerten ihr Handeln nicht nach dem höchsten Profit, sondern bemessen es am Wert für die Gemeinschaft. Damit gehören sie zur wachsenden Zahl an Unternehmen oder Organisationen mit einer Gemeinwohl-Bilanz, basierend auf einem nachhaltigen Wirtschaftssystem: der Gemeinwohl-Ökonomie. In dem Buch »24 wahre Geschichten vom Tun und vom Lassen« veranschaulichen der Mathematiker Karsten Hoffmann, die Betriebswirtin Gitta Walcher und der Grafikdesigner Lutz Dudek die alternative Theorie anhand realer Praxisbeispiele.

Bevor es allerdings richtig losgeht, widmen sich die Autoren in der Einleitung den theoretischen Grundlagen: Bei der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), die der österreichische Autor Christian Felber vor rund zehn Jahren initiiert hat, geht es um eine Neuausrichtung der Wirtschaft. Nicht Gewinnmaximierung und ständiges Wachstum, sondern der gesellschaftliche Wert und Nutzen steht dabei im Vordergrund.

Aktuell habe die Coronapandemie gezeigt, wie verletzlich unsere globalen Systeme geworden sind und wie wichtig es ist, soziale und ökologische Ressourcen zu stärken, heißt es treffend im Text. Die Gemeinwohl-Bilanz gäbe uns ein Werkzeug in die Hand, um die Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitbestimmung systematisch anhand konkreter Kriterien zu bewerten – jeweils im Umgang mit Lieferanten, Mitarbeitern, Kunden, Finanzpartnern sowie der Allgemeinheit. Demnach könnten zuerst die Unternehmen oder Organisationen die genannten Faktoren selbst in ihren Strukturen überprüfen – und wenn nötig verbessern – und anschließend externe Auditoren, die ihr Fazit öffentlich bekannt machen.

Bio-Pioniere machten den Anfang

Wie verschiedene Unternehmen diese Idee aufnahmen oder gar umsetzen, verdeutlichen die Beispielgeschichten, welche die Autoren gesammelt haben. Während die Firma Taifun aus Freiburg als Pionier für Bio-Lebensmittel aus europäischen Sojabohnen bekannt ist, steht Sonnentor aus dem österreichischen Waldviertel für Bio-Produkte mittlerweile aus weltweit angebauten Kräutern und Gewürzen. Der nachhaltige Schutz der Umwelt und Unterstützung ihrer Partnerlandwirte prägen die Geschichte beider Unternehmen ebenso wie ein starkes Engagement für den Klimaschutz. Die Verbindung zur GWÖ liegt hier also nahe.

Überraschender ist das Beispiel der BKK ProVita als erste Krankenkasse mit einer GWÖ-Bilanz. Sie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie stark auf Prävention setzt und ein gesundheitsförderliches Verhalten ihrer Mitglieder unterstützt. Das Vorstandsmitglied Andreas Schöfbeck, der den Anstoß zur GWÖ-Bilanz von ProVita gab, betont, der zu Grunde liegende Fragenkatalog gebe wertvolle Impulse und könne sinnvolle Veränderungen anstoßen. So definierte Schöfbeck zunächst mit einem kleinen Kreis an Mitarbeitern nachhaltigere Handlungsabläufe im Unternehmen und widmete sich anschließend mit mehr Unterstützung den weiteren Gemeinwohl-Aspekten.

Seit dem Start vor zehn Jahren ist die GWÖ inzwischen in mehr als 30 Staaten angekommen. Mittlerweile arbeiten auch Industriefirmen und Sharing-Organisationen, Sozial- oder Bildungseinrichtungen, Gemeinden oder Städte und andere mit den nachhaltigen Prinzipien. Dabei werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Produzenten widmen sich meist nachhaltigen und ökologischen Aspekten sowie dem fairen Umgang mit Lieferanten, während Dienstleister sich vor allem auf Kundenorientierung und partnerschaftliche Beratung fokussieren.

Und die Gemeinden? »Die Gemeinwohl-Bilanz ist eine Darstellung nach außen, wie eine Kommune ihre verfassungsmäßige Aufgabe erfüllt«, findet etwa Hans-Jörg Birner, der Bürgermeister der bayerischen GWÖ-Gemeinde Kirchanschöring. Doch das ist nicht alles. Zwar nehme es Zeit in Anspruch und stoße anfangs oft auf Ablehnung, aber die Umsetzung könne sich durchaus marktwirtschaftlich lohnen: Das fängt bei Einsparungen in der Beschaffung an und reicht bis zu einem besserem Ansehen bei potenziellen Kunden.

Vaude ist als Vorreiter für nachhaltige Outdoorausrüstung bekannt. Die von der Tochter des Firmengründers Antje von Dewitz verfasste Firmengeschichte zeigt, dass das Unternehmen seine Philosophie stark an Nachhaltigkeit nach innen und außen orientiert. Als Kernpunkte der GWÖ-Bilanz werden zum Schluss des Kapitels genannt: vorbildliches Lieferantenmanagement, laufende Investitionen in ökologische Verbesserungen, Transparenz und Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung.

Das Buch richtet sich an alle Leser, die sich für Nachhaltigkeit interessieren – inklusive Unternehmern und Politikern. Nicht nur die zahlreichen Praxisbeispiele sorgen für Abwechslung, sondern genauso die unterschiedlichen Autoren. Dazu kommen einige Exkurse, etwa zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDG), sowie informative Literaturverweise.

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