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Persönlichkeit im Wandel

Nicht nur als Kinder und Jugendliche, auch als Erwachsene entwickeln wir uns ständig – aber nicht immer zum Besseren hin.

Kennen Sie die End-of-history-Illusion? Laut diesem psychologischen Effekt wähnen wir uns, was die persönliche Entwicklung anbelangt, meist am "Ende der Fahnenstange". Sprich: Wir glauben zwar durchaus, uns in der Vergangenheit charakterlich gewandelt zu haben, können uns aber kaum vorstellen, auch in Zukunft neue Eigenarten und Vorlieben zu entwickeln.

Die Psychologen Timothy Wilson und Daniel Gilbert wiesen dies in Experimenten nach, bei denen sie Probanden im Labor etwa zu ihrem Musikgeschmack befragten. Wie sich zeigte, waren die Teilnehmer bereit, im Schnitt fast 200 Dollar für ein Konzert ihrer aktuellen Lieblingsband auszugeben, selbst wenn der Auftritt erst in zehn Jahren stattfinden würde. Umgekehrt war es ihnen jedoch kaum die Hälfte des Geldes wert, ihre Idole von vor zehn Jahren heute live auf der Bühne zu sehen.

Das Steckenpferd der Berliner Persönlichkeitspsychologin Jule Specht ist die Wandlungsfähigkeit unseres Charakters im Lauf des Lebens. Folglich zeichnet der Hauptteil ihres Buchs die typische Entwicklung von der Zeit im Mutterleib bis ins hohe Alter nach. Zuvor beschreibt die Autorin, was uns gemäß dem etablierten Modell der fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen, der Big Five, auszeichnet – und warum unser Ich meist flexibler ist, als wir meinen.

In ständiger Bewegung, aber nicht zwangsläufig im Fortschritt begriffen

Während Forscher lange davon ausgingen, dass sich der Charakter eines Menschen ab dem jungen Erwachsenenalter kaum noch verändert, ist inzwischen klar: Die Persönlichkeit wandelt sich permanent. Doch weil sich dieser Prozess schleichend vollzieht, bekommen wir selbst nur wenig davon mit.

Zudem meinen viele, unser Charakter verän­dere sich stets zum Besseren: Wir würde also mit der Zeit gelassener, disziplinierter oder offener. Zwar belegen Studien, dass etwa die erste Liebesbeziehung junge Menschen emotional stabilisiert oder dass der Eintritt ins Berufsleben die Gewissenhaftigkeit stärkt. Doch natürlich sind die meisten Menschen auch vor Verbitterung und Verknöcherung nicht gefeit.

Neben den fünf Kerndimensionen Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Offenheit, Verträglichkeit sowie Neurotizismus (emotionale Labilität) beleuchtet Specht in ihrem Buch die Persönlichkeit "im weiteren Sinne". Unser Selbstwertgefühl und das subjektive Wohlbe­finden stellen jene Felder dar, auf denen die stärkste Fluktua­tion zu verzeichnen ist. Die individuelle Kontrollüberzeugung – wie sehr wir also glauben, unser Leben steuern zu können – sowie die Intelligenz erweisen sich dagegen als besonders konstant.

Die Autorin bleibt stets nah an den Resultaten der Forschung, streut aber auch persönliche Anekdoten ein. So schildert sie einen weinseligen Abend nach einer wissenschaftlichen Konferenz, als sie und andere Kollegen sich je nach der Rangfolge ihrer Big-Five-Charakterzüge in Reihe aufstellten. Während bei der Gewissenhaftigkeit um die vorderen Plätze gestritten wurde, war der Drang, als besonders verträglich oder neurotisch dazustehen, weit geringer. Persönlichkeitsforscher sind eben auch nur Menschen.

Wie Specht betont, ist gerade die Vielfalt unserer psychologischen Eigenarten ein großer Schatz. Denn dass Menschen unterschiedlich ticken und viele vermeintliche "Macken" haben, ist wichtig: Die Gesellschaft profitiert nicht zuletzt von den schrägen Vögeln, den Schüchternen und den Draufgängern. Umso bedenklicher erscheint der Trend zur Gleichmacherei, der in unserer Zeit der Selbstoptimierung oft durchschlägt. Eine Welt voll geselliger, gewissenhafter und stets gut gelaunter Strahlemänner und -frauen wäre nicht nur langweilig, sondern auch ärmer.

Wir sollten uns dem gefühlten Druck, an einer "besseren" Persönlichkeit samt Selbstsicherheit und Willensstärke zu feilen, nicht vorschnell ergeben. Zumal die Frage, ob wir uns willentlich selbst verändern können, bislang noch kaum erforscht ist. "Du bist okay so, wie du bist" – wenn die Befunde und zahlreichen Selbsttests in Spechts Buch etwas zu dieser Erkenntnis beitragen, hat es einen guten Zweck erfüllt.

3/2018 (August/September)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 3/2018 (August/September)

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