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Kann das weg?

Das informative Buch bietet einen etwas sperrigen Rundumblick um das Weglassen von Plastikverpackungen.

Wer sind die Menschen, die in Unverpacktläden einkaufen? Warum ist Bioplastik keine gute Alternative? Wann entstand das negative Image von Plastikprodukten? Und warum ist Littering so wenig erforscht?

21 Beiträge von 35 Autoren

In 21 Beiträgen berichten 35 Autorinnen und Autoren über aktuelle Studien zum Vermeiden von Plastik, insbesondere von Verpackungen. Die Geschichten rund um den Müll betrachten sie dabei aus verschiedensten Blickwinkeln. Mal äußert sich die Inhaberin des ersten deutschen Unverpacktladens, der 2014 in Kiel eröffnete, mal schildern die Autoren aus Sicht eines Lebensmittel-Marktleiters oder einer Logistikerin.

Meist sind es jedoch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Studien vorstellen. Dabei gehen sie auf die zahlreichen Probleme ein und nennen mögliche Lösungen: Zum Beispiel erklären sie, dass eine Biogurke in Plastik verpackt ist, damit sie unterscheidbar ist. Auch ist es ein Abwägungsprozess, denn Plastikverpackungen machen Lebensmittel länger haltbar, das heißt, sie verderben nicht so schnell und gehen damit nicht verloren. Die Rechnung für den Verzicht auf Plastik geht erst auf, wenn weniger als sechs Prozent der Nahrungsmittel zu Abfall werden. In ihren Beiträgen behalten die Autoren stets den Verbraucher im Blick und präsentieren Umfragen dazu, wer in Unverpacktläden einkauft oder welche Maßnahmen der Abfallverwertung funktionieren – und welche nicht. Entscheidend seien dabei die Rolle der Politik und die Einstellung der Gesellschaft, etwa angesichts der Mehrwegnutzung.

Im Kapitel zur Geschichte des Plastiks erfahren die Leser, dass PVC einst als chic galt. Doch als Arbeiter, meist ausländische Gastarbeiter, zunehmend an Krebs, Lungen- oder Knochenkrankheiten litten, wandelte sich sein positives Bild. Ab den 1970er Jahren wurde Plastik schließlich ein Thema für den Arbeitsschutz.

In einem kurzen Abschnitt erwähnen die Autoren die positiven Aspekte des Materials. Immerhin schützen Plastikfolien Gletscherreste auf der Zugspitze vor dem Abschmelzen, Planen unter Mülldeponien sorgen dafür, dass keine giftigen Stoffe in den Boden sickern, auf dem Meer dämmen sie bei Ölkatastrophen den Ölteppich ein. Andererseits ist Plastikmüll häufig die Ursache für viele der genannten Probleme.

Zudem sei Deutschland – anders als häufig behauptet – kein Recyclingweltmeister, betonen die Wissenschaftler. Das Pro-Kopf-Aufkommen an Verpackungsmüll ist hier zu Lande im EU-Vergleich das höchste, insbesondere seit die Exporte nach China eingestellt wurden. Dort landete der Müll entweder in der Verbrennung oder auf Deponien, tauchte aber in der deutschen Recyclingstatistik auf.

Die Autoren gehen auf einige Lösungsvorschläge ein, von denen sie vielen wissenschaftlich basiert eine Abfuhr erteilen. So helfe es kaum, einzelne Strohhalme oder Plastiklöffel zu verbieten. Ebenso wenig ist Bioplastik eine nachhaltige Alternative: Selbst wenn der Name etwas anderes suggeriert, benötigt es bei der Herstellung noch immer fossile Rohstoffe. Und wenn Eislöffel mit »zu 100 Prozent kompostierbar« beworben werden, ist es dennoch ökologisch gesehen am besten, sie zu verbrennen. Denn Kompostierungsanlagen müssen sie sowieso aufwändig heraussortieren, da sich Bioplastik unter den dort üblichen Bedingungen nicht zersetzt.

Die Beiträge des Buchs richten sich an interessierte Leser, die mit der Thematik bereits vertraut sind. Die Texte sind sehr fachlich geschrieben, wobei fiktive Gesprächsrunden oder Gedanken über literarische Erzählungen wie Heinrich Bölls »Wegwerfer« das Werk auflockern. Doch es besteht überwiegend aus Beiträgen, die voll sind mit Ausdrücken wie »Externalisierung von Kosten« oder »normative Forderungen und Anreizstrukturen«. Warum nicht einmal von der allzu korrekten Fachsprache abweichen und statt »spontaner Erwerb von Fertiggerichten« von »Pizza to go« oder statt »Küchenausrüstung« einmal »Teller und Schüssel« schreiben? Dem Lesespaß hätte es geholfen.

Dafür findet der Leser nicht nur aktuelle Studien, sondern auch reichlich Quellenangaben, die so manche Überraschung bieten. Der Verweis auf die Arbeit der Meeresbiologin Rachel Carson ist so eine; sie schrieb bereits 1947 einen Artikel mit dem Titel »Plastic Age«. Eine andere Stelle zitiert den Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der in der Zeit des aufkommenden Plastiks den Neckermann-Katalog 1960 als »kleinbürgerliche Hölle« bezeichnete, in der sich unter blank polierten Polyesterplatten reaktionärer Unrat verberge.

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