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Mit Erbrecht statt Erbsensuppe gegen Kinderarmut

Das Autorenpaar Butterwegge analysiert Ungleichheit der jungen Generation. Es kritisiert Klischees, die positive Veränderungen verhindern.

Alle Jahre wieder erscheint ein neuer Bericht über Kinderarmut. So sind laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband mehr als 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Armut betroffen. Meist gebe es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung für kurze Zeit etwas Aufregung. Aber ein Wille, daran etwas zu verändern, sei nicht zu erkennen, schreiben die Autoren.

Die Sozialwissenschaftlerin Carolin Butterwegge und der Ungleichheitsforscher Christoph Butterwege zeigen die Ursachen von Kinderarmut auf und erklären, was eine gerechtere Gesellschaft leisten müsste und wie drastisch die Entwicklungschancen von Kindern in Deutschland von deren familiärer Herkunft abhängt. Ihr Engagement für eine gleichere Gesellschaft ist deutlich zu spüren, wenn sie »Null Toleranz gegen Ungleichheit« fordern. Die Autoren haben ein fachlich fundiertes und verständliches Sachbuch geschrieben, das durch die Fülle an Informationen dennoch nicht in einem Rutsch zu lesen ist.

Was ist Ungleichheit?

Doch was ist Ungleichheit? Meist werde sie mit finanzieller Armut verwechselt. Diese sei zwar ein Zeichen von finanzieller Ungleichheit, aber eben nur einer von zahlreichen Aspekten. Denn die Folgen von Ungleichheit wirken sich auf viele soziale Beziehungen aus. Es sind nicht nur Luxusartikel oder teure Klassenfahrten, die sich Kinder aus armen Familien nicht leisten können. Jugendliche, die keinen Zugang zu schnellem Internet haben, sind beispielsweise auch von Online-Bildungsangeboten ausgeschlossen. Den Autoren geht es insbesondere um eine dauernde Ungleichheit finanzieller Ressourcen und eine ungleiche gesellschaftliche Anerkennung.

Darunter leidet auch die Psyche der Kinder, wie Fachleute zeigten. Um zu verdeutlichen, wie stark die Pandemie und die verschiedenen Ausprägungen von Ungleichheit Kindern psychisch zusetzt, schildern die Autoren die Ergebnisse aktueller Studien aus dem Jahr 2021, wie »Kritische Psychotherapie. Interdisziplinäre Analysen einer leidenden Gesellschaft«. Wer bereits als Minderjähriger sozial deklassiert und ausgegrenzt würde, könnte auch soziale, kulturelle und Bildungsprozesse nicht für seine Persönlichkeitsentwicklung nutzen wie andere.

Wer reich ist, dem würden Bewunderung und schlimmstenfalls Neidgefühle zuteil. Das gelte auch für Kinder, obwohl die keinen Einfluss auf das Einkommen haben. Wer allerdings arm ist, bekomme Spott und abwertende Sprüche ab. So schämten sich die meisten Armen und Arbeitslosen, weil der Mythos aufrechterhalten würde, jeder sei für seine Misere selbst verantwortlich. Begriffe wie »Schmarotzer«, »Drückeberger« oder »Faulenzer« verstärkten nur den Eindruck, Arme seien selbst schuld. Reiche müssten sich dagegen nicht für ihren Reichtum rechtfertigen. Dabei seien es Eigentum und Machtverhältnisse, die den Grad an Armut und Ungleichheit verstärkten. Den Begriff »sozial Schwache« halten die Autoren für falsch und diffamierend. Denn gerade Kinder aus armen Familien seien oft erstaunlich stark.

Auch die Politik, die Eltern ermahnt, weniger Fast Food zu kaufen und zu lernen, wie man Erbsensuppe kocht, verschleiere die wahren Ursachen. Damit halte man die Mär vom fehlenden Fleiß wach. Doch Reichtum basiere weniger auf Fleiß als vielmehr auf Erbschafts- und Steuergesetzen, die Wohlhabende und Hyperreiche eher entlasten.

Die Autoren fordern »Null Toleranz gegen Ungleichheit«, nicht nur, weil die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich moralisch verwerflich, sondern auch, weil sie schädlich für eine Volkswirtschaft ist. Denn je mehr sich die Sozialstruktur polarisiere, desto stärker bildeten sich Subkulturen und Parallelwelten heraus. Sie warnen davor, dass eine ganze Generation abgehängt wird.

Die Verfasser bezeichnen Armut und Ausgrenzung in einem sehr reichen Land, in dem es die Phänomene eigentlich nicht geben dürfte, als gesellschaftlichen Skandal. Dabei gelingt ihnen eine differenzierte Analyse mit interessanten Informationen und Vorschlägen, um die Situation zu verbessern.

Vieles, was das Duo anspricht, ist nicht wirklich neu. Die Autoren machen ihre Meinung sehr klar. Als Beleg für ihre Thesen führen sie zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen an. Doch auch wenn zahlreiche Studien und die Fakten oft schon bekannt sind, verdeutlicht vielleicht gerade das den Skandal der unveränderten Kinderarmut.

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