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»MENSCH!«: Woher wir kommen

Susan Schädlich und Michael Stang nehmen Kinder mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte des Menschen. Beatrice Davies illustrierte diesen lehrreichen Trip.
Neandertaler in moderner Kleidung – von heutigen Menschen kaum zu unterscheiden.

Der Neandertaler war ein grunzender Hohlkopf, stets mit der Keule im Anschlag. So klischeehaft ist noch immer der Blick des gemeinen Homo sapiens auf seinen Verwandten. Alles falsch! In Wahrheit waren die Neandertaler sehr stark, sozial, stellten Werkzeuge und Waffen her und gestalteten wohl auch Gegenstände und Höhlenwände. Außerdem wies ihr Erbgut dasselbe Sprachgen auf, das auch wir haben. Es gibt deshalb keinen Grund, unseren Vorfahren die Fähigkeit des Sprechens abzuerkennen – zumal ihre komplex organisierte Kultur wohl ohne sprachliche Kommunikation kaum möglich gewesen wäre.

Die Wissenschaftsjournalisten Susan Schädlich und Michael Stang räumen in ihrem Comic-Sachbuch über die Evolution der Menschen nicht nur beherzt mit diesem und anderen Vorurteilen über unsere Urahnen auf. Sie beantworten auch abwechslungs- und wissensreich sowie ziemlich unterhaltsam viele Fragen von kleinen und großen Forschern: Woher kommen wir? Wer waren unsere Vorfahren? Ab wann lernten sie, mit Werkzeugen umzugehen? Und wie wurde der Homo sapiens zu dem, was er heute ist?

Dazu spannt das Autorenduo einen großen zeitlichen Bogen und nimmt seine Lesenden ab zehn Jahren mit auf eine Zeitreise durch sieben Millionen Jahre Menschheitsgeschichte. Im Gepäck haben Schädlich und Stang dabei jede Menge faszinierende Daten, Fakten und Geschichten. Die Wissensvermittlung gelingt kindgerecht, leicht verständlich, auf Augenhöhe und fachlich fundiert. Die Evolution der Menschheit als Comic zu erzählen, heißt auch, komplexe Zusammenhänge auf wenig Text und Zeichnungen zu reduzieren. Und eine Story mit passenden Bildern zu finden, um die Fakten überhaupt interessant zu machen. Auch das ist den Machern gelungen.

Wo auch wirklich die ganze Familie kommt

Das Autorenduo hat das Buch gemeinsam mit der Zeichnerin Beatrice Davies konzipiert und sich dafür eine Rahmengeschichte ausgedacht: Die Großmutter von Tali – einem weder weiblich noch männlich zu lesenden Kind mit Beinprothese und deshalb auch mit viel Identifikationspotenzial ausgestattet – wird 80 Jahre alt und will den Geburtstag gemeinsam mit ihrer gesamten, aber weltweit verstreuten Verwandtschaft feiern. Die Idee, »alle« einzuladen, nimmt Tali hier wörtlich und will nicht nur die gegenwärtigen Familienmitglieder, sondern auch Vertreter aus der Vergangenheit der großen »Familie Mensch« zum Fest bitten.

Also bricht Tali mit Hilfe von Xyzo, einer künstlichen Intelligenz in Form eines Amuletts, zu einer Zeitreise auf. Bei dem rasanten Trip in die menschliche Evolution trifft Tali in verschiedenen Zeitaltern auf acht menschenartige Wesen. Sie entpuppen sich als für die Forschung wichtige Puzzlesteine, um das große Mosaik der Menschheitsgeschichte zusammenzusetzen: wie der sieben Millionen Jahre alte Zweibeiner Toumaï aus dem Tschad, das wohl bekannteste menschliche »Fossil« Lucy aus Äthiopien oder der »alte Mann von La Chapelle« aus Frankreich, einer der berühmtesten Neandertaler. Die neuen Freunde aus alten Zeiten begleiten Tali am Ende natürlich gerne und feiern gemeinsam die Großmutter – und dabei irgendwie auch den Menschen als Erfolgsmodell (mit seinen bekannten Schwächen).

Beatrice Davis illustriert die Rahmenhandlung kunterbunt und actionreich als Comicstrip in Panelform mit Sprechblasen. Das leuchtende Neongelb, mit dem Davies viele Bildelemente und Textkästen hervorhebt, ist ein Aufmerksamkeitsfänger und bildet damit einen auffallenden Kontrast zu den sonst dominierenden Grundtönen Beige und Blau. Die Fakten setzt Davies in doppelseitigen Zeichnungen formal frei und wissenschaftlich fundiert ins Bild – ohne dabei zu sehr zu vereinfachen oder plakativ zu werden. So können Kinder selbst komplexe Zusammenhänge und Prozesse ohne viel Text verstehen, wie es zum Beispiel die knackigen Darstellungen der DNA oder der weltweiten Wanderrouten des Menschen zeigen. Für die wissenschaftliche Korrektheit bürgen Experten aus dem Frankfurter Senckenberg Naturmuseum, die auch den aktuellen Forschungsstand beisteuern. Dadurch bekommen Kinder zudem interessante Einblicke in die wissenschaftliche Arbeit von Forschenden aus aller Welt.

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