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Serie: Kuriose Experimente am Menschen: Der Forscher, der Affe und Mensch kreuzen wollte

Erst schuf er aus Wisent und Kuh ein »Zubron«, aus Zebra und Esel einen »Zebroiden«. Schließlich wollte Ilja Ivanovich Iwanow (1870-1932), Pionier in der künstlichen Besamung von Nutztieren, Affe und Mensch miteinander vermählen. Ist ihm das umstrittene Experiment je gelungen? Ein Blick ins Dunkel der Geschichte.
Ein gezeichnetes Porträt eines SchimpansenLaden...

Kann man einen Menschen mit einem Affen kreuzen? Allein die Frage jagt den meisten einen kalten Schauer über den Rücken. Wenige wissenschaftliche Themen wecken ähnlich schwere ethische Bedenken und entfachen hitzigere Diskussionen zwischen Darwinisten und Kreationisten. Doch auch dieses heikle Thema ist dem ehernen Gesetz der Wissenschaft unterworfen: Was erforscht werden kann, wird früher oder später erforscht.

Stets taucht zu dem Thema derselbe Name als Erstes auf: Ilja Iwanowitsch Iwanow (1870 – 1932), Professor an der Universität Charkiw (heutige Ukraine) und hochrangiger Wissenschaftler am Zoologischen Institut in Moskau. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte er sich auf künstliche Besamung und Kreuzbefruchtung spezialisiert.

Seine ersten praktischen Erfolge erzielte er bei Pferden. Iwanow befruchtete edle Stuten mit dem Sperma von ebenso sorgfältig ausgewählten Hengsten, um ein Superpferd zu kreieren. Ein bedeutsames Unterfangen in einer Zeit, da die Streitkraft der Kavallerie noch nicht von Panzerdivisionen abgelöst worden war, und zugleich wegbereitend für die künstliche Befruchtung, die damals noch in den Kinderschuhen steckte.

Ein gezeichnetes Porträt des russischen Zoologen Ilja Iwanowitsch IwanowLaden...
Ilja Iwanowitsch Iwanow (1870-1932) | Der russische Zoologe galt Anfang des 20. Jahrhunderts als Experte in der künstlichen Besamung von Nutztieren.

Iwanow ging aber über die ursprüngliche Forschungsfrage hinaus und kreuzte unterschiedliche Tierarten miteinander. Die Ergebnisse blieben zwar hinter den Erwartungen zurück. Er war davon ausgegangen, eine völlig neue Art schaffen zu können, doch das gelang nicht. Allerdings erwiesen sich Iwanows Methoden der Befruchtung durchaus als erfolgreich und breit einsetzbar. Es gelang ihm, ein Zebra und einen Esel zu etwas zu kreuzen, das er »Zebroid« nannte. Und einen Wisent und eine Kuh vermählte er zu einem »Zubron«.

Nach und nach setzte Iwanow seine Arbeit mit anderen Tieren fort, die zoologisch gesehen etwas weiter auseinander lagen. Er kreuzte Antilope und Kuh, Maus und Ratte, Maus und Meerschweinchen. Das Tor zum ultimativen Experiment stand nun weit offen: der Kreuzung von Menschen und Affen.

1910 hielt Iwanow dazu einen Vortrag auf dem Internationalen Zoologenkongress in Graz. Aber der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution kamen dazwischen, und so musste er warten, bis er Mitte der 1920er Jahre bei Forschungsarbeiten am Institut Pasteur in Paris an der richtigen Adresse war: Das Institut unterhielt im damaligen Französisch-Guinea in Westafrika eine Forschungseinrichtung, die sich auf Menschenaffen spezialisiert hatte. Iwanow erhielt die Erlaubnis, seine Forschung dort durchzuführen, und warb die finanziellen Mittel für die Reise im eigenen Land ein.

»Experiments were to be conducted […] at the Pasteur Institut of Kindia, French West Africa, to ›support‹ Evolution by breeding apes with humans. Soviet Russia had contributed $10,000. A total of $100,000 was needed over a period of years. Eminent Professor Elie Ivanoff of Moscow had already departed for Africa to make preparations«(Das US-Nachrichtenmagazin »Time« am 28. Juni 1926)

Dort hatte sich die Situation verändert: Aus dem Russland des Zaren war die kommunistische Sowjetdiktatur geworden; die Wissenschaft stand explizit im Dienst des Regimes. Das mag der Grund sein für eine weit verbreitete Geschichte, deren Wahrheitsgehalt jedoch nie nachgewiesen wurde: Diktator Josef Stalin habe Iwanow dazu ermutigt, eine menschliche Affenhybride zu schaffen, um damit den Grundstein für ein Zuchtprogramm für Supersoldaten zu legen. Tatsache ist, dass Iwanow den Segen von Nikolaj Petrowitsch Gorbunow hatte, damals Ranghöchster an der Russischen Akademie der Wissenschaften, und ebenso den Segen des französischen Gouverneurs vor Ort.

Und so kam Iwanow 1926 in Französisch-Guinea an. Zwar schlugen seine Versuche fehl, drei Schimpansen mit menschlichem Sperma zu befruchten. Doch er blieb dabei, dass es grundsätzlich gelingen könnte, und verlagerte seine Forschung in die sowjetische Stadt Sochumi am Schwarzen Meer, die heute auf dem Gebiet von Georgien liegt. Ging es bei dem Umzug darum, sich der ständigen Beobachtung durch die Franzosen zu entziehen? Möglich, aber noch eine andere Erklärung ist im Umlauf. Die französische Regierung in Paris war offenbar dahintergekommen, dass Iwanow plante, Frauen in Afrika ohne deren Wissen mit Affensperma zu befruchten. Für das Élysée inakzeptabel – aber vielleicht nicht für den Kreml?

Als gesichert gilt, dass Iwanow eine Gruppe Affen nach Sochumi brachte, darunter Weibchen und Männchen. Danach verschwimmt sein Treiben wieder im Nebel der Geschichte. Ließ er tatsächlich menschliche Eierstöcke in ein Weibchen transplantieren? Und stimmt es, dass er vergeblich versuchte, sie künstlich zu befruchten? Bis heute unklar. Dies gilt auch für den nächsten Schritt: die künstliche Befruchtung von Frauen mit Affensperma. Historische Dokumente belegen anscheinend, dass Iwanow öffentlich nach Freiwilligen suchte. Laut historischen Aufzeichnungen meldeten sich daraufhin tatsächlich fünf Frauen, und von diesen »Heldinnen des Vaterlandes« wurden sogar Fotos verbreitet. Wahrheit oder Propaganda? Ein weiteres Fragezeichen.

Stalin und der Ku-Klux-Klan

Wie auch immer – Iwanow hatte ein Problem: Seine männlichen Tiere starben. Die Lösung nahte Ende der 1920er Jahre aus Kuba, damals noch kein kommunistisches Land, sondern de facto eine Überseekolonie der Vereinigten Staaten. Iwanow stand in Kontakt mit Rosalía Abreu, einer reichen Witwe, die in einem Palast in Havanna wohnte und einen privaten Zoo für ihre Enkelkinder hielt, darunter eine Gruppe Schimpansen. Um deren Sperma zu beziehen, traf er mit ihr eine Abmachung.

Doch es kam zu filmreifen Komplikationen. Der Deal kam irgendwie an die Öffentlichkeit und sorgte in den Vereinigten Staaten für Empörung, unter anderem seitens des Ku-Klux-Klan, der die »Verunreinigung reinrassiger weißer Frauen« fürchtete. Abreu wurde mit dem Tode bedroht und kündigte die Vereinbarung mit Iwanow auf.

Parallel nahm die Geschichte auch in der Sowjetunion eine neue Wendung. Unter Stalin konnte ein Held im Handumdrehen zum Feind werden, und so geschah es auch Iwanow. Im Jahr 1930 fiel er gemeinsam mit seinem Schirmherr Gorbunov den Stalinschen »Säuberungen« in der Wissenschaft zum Opfer. Beide wurden wegen Verrats verurteilt und nach Kasachstan verbannt. Danach, so besagt es eine historische Quelle, landete Iwanow in einem Arbeitslager, während er laut einer anderen Quelle seine Experimente unter strengster Geheimhaltung in der Stadt Alma-Ata (dem heutigen Almaty) fortsetzte, wo er 1932 starb.

Eigentlich wäre die Geschichte von Iwanow und seiner Forschung an dieser Stelle zu Ende. Er gilt als Wissenschaftler ohne Gewissen, seine Arbeit als Verirrung. Zu Unrecht, wie Spezialisten auf dem Gebiet der Fruchtbarkeitsforschung wissen. Bevor sich Iwanow obsessiv mit dem Kreuzen von Menschen und Affen beschäftigte, legte er den Grundstein für die künstliche Befruchtung, wie wir sie heute auch beim Menschen kennen.

»Die Geschichte von Iwanows wissenschaftlichen Experimenten offenbart einige der wichtigsten kulturellen Konventionen und versteckten Annahmen über die menschliche Natur, Spezies und soziale Hierarchie«(Kirill Rossiianov vom Institut für Wissenschaftsgeschichte der Moskauer Akademie der Wissenschaften in einem Artikel aus dem Jahr 2002)

Darüber hinaus ist inzwischen klar, dass sich derartige Experimente meist nicht nur einem dubiosen Wissenschaftler, einem zweifelhaften Regime zuschreiben und in der fernen Vergangenheit verorten lassen. Der niederländische Autor und Historiker Piet de Rooy schildert 2015 in seinem Buch »De Nederlandse Darwin« (»Der niederländische Darwin«) die Geschichte von Herman Marie Bernelot Moens (1875 – 1938). Der Anthropologe und Biologielehrer hatte in Deutschland studiert und war den Theorien von Ernst Haeckel zugetan, einem renommierten deutschen Zoologen, der zu Zeiten Bismarcks für den Darwinismus und gegen den Kreationismus der Kirche kämpfte. (Anm. d. Red.: Laut dem »Biografisch Woordenboek van Nederland« wollte Moens Anfang des 20. Jahrhunderts einen gemeinsamen Nachkommen von Mensch und Affe schaffen, und Haeckel hielt einen Erfolg angeblich für möglich. Moens wollte damit der Evolutionstheorie handfeste Argumente liefern und warb öffentlich für sein Anliegen, erntete aber viel Empörung. In dieser Phase blieb sein Vorhaben 1908 anscheinend stecken.)

Wissenschaftliche Skizzen der Schädel von Primaten, veröffentlicht 1884Laden...
Schädelzeichnungen von Primaten aus dem Jahr 1884 | Die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Affen ließen Forscher Ende des 19. Jahrhunderts auf eine enge Verwandtschaft schließen.

Zurück zu Spekulationen über erfolgreiche Experimente, die wie eine Art wissenschaftliches Ungeheuer von Loch Ness immer mal wieder auftauchen. Unter anderem Anfang 2018: Da offenbarte der Evolutionspsychologe Gordon Gallup von der New York State University in Albany, er wisse von einem »Affenmenschen«, der in den 1920er Jahren in einem Primatenforschungszentrum Orange Park in Florida geboren wurde – angeblich das Produkt einer erfolgreichen Kreuzung zwischen einem Menschen und einem Schimpansen. Davon soll ihm ein vertrauenswürdiger Wissenschaftler einst erzählt haben, dessen Namen Gallup aber nicht verriet. »Sie befruchteten ein Schimpansenweibchen mit menschlichem Sperma und behaupteten, die vollendete Schwangerschaft habe zu einer Geburt geführt«, wird der Forscher zitiert. Nach ein paar Tagen oder Wochen, so heißt es weiter, hätten sie das Neugeborene wegen moralischer und ethischer Bedenken getötet.

Dieser Beitrag erschien im Original im belgischen Wissenschaftsmagazin »eos wetenschap«.

Noch einen Schritt weiter ging 2018 der Evolutionsbiologe David P. Barash, Professor für Psychologie an der University of Washington. Gewiss wollte er Aufmerksamkeit auf sein neues Buch ziehen, doch seine Behauptung war deshalb nicht minder brisant: Der Mensch der Zukunft soll ihm zufolge halb Mensch, halb Schimpanse sein: »Die Schaffung eines Affenmenschen mittels Genmanipulation ist nicht nur denkbar, sondern könnte eine hervorragende Idee sein. Der Mensch wäre so gezwungen zu erkennen, dass er sich im Grunde nicht von Tieren unterscheidet. Das könnte helfen, dem grotesken Missbrauch von anderen Lebewesen auf der Erde ein Ende zu setzen.«

Mit anderen Worten: Zu einem der umstrittensten wissenschaftlichen Szenarien ist das letzte Wort noch immer nicht gesprochen.

Serie: Kuriose Experimente am Menschen

Teil 1: Interview mit einem Cyborg: "Man muss keine Angst haben, weniger Mensch zu werden"

Teil 2: Der Doktor, der sich selbst einen Herzkatheter legte

Teil 3: Hängen für die Wissenschaft

Teil 4: Der Forscher, der Affe und Mensch miteinander kreuzen wollte

Nächster Teil: Selbstoperation am Südpol

24/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24/2019

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