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Neu entdeckte Fußspuren: Lucys rätselhafte Nachbarn

In der Vulkanasche haben nicht nur Artverwandte von »Lucy« ihre Fußabdrücke hinterlassen. Eine bislang übersehene Spur stammt wohl von einem gänzlich unbekannten Zweibeiner.
Australopithecus anamensis, ein mutmaßlicher Vorfahr von »Lucy«

Ganz am Anfang dieser Geschichte steht ein Streich aus dem Jahr 1976: Als der Yale-Paläontologe Andrew Hill eines Abends in Tansania ins Forschungscamp der berühmten Paläoanthropologin Mary Leakey zurücklief, versuchte er einem Klumpen Elefantendung auszuweichen, den ein Kollege nach ihm geworfen hatte. Dabei landete der Forscher mit dem Gesicht direkt vor einem Felsen, in dem sich deutlich versteinerte Fußspuren von Antilopen, Nashörnern und anderen Tieren abzeichneten.

3,66 Millionen Jahre vor diesem Ausweichmanöver war in der Gegend, die heute zum Ngorongoro-Krater-Schutzgebiet im Norden Tansanias gehört, ein Vulkan ausgebrochen und hatte sein Umland mit einer Ascheschicht überzogen. Ein leichter Nieselregen feuchtete diese überdimensionale Decke an und löste dabei eine ganz ähnliche Reaktion aus wie die, nach der sich heute Zement in eine steinharte Masse verwandelt.

»Damals waren Strauße, Giraffen, Hyänen und andere Tiere durch die feuchte Vulkanasche gestapft«, erklärt Stephanie Melillo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die Paläoanthropologin gräbt mehr als 1000 Kilometer nördlich von Laetoli im Woranso-Mille-Gebiet im Afar-Dreieck von Äthiopien nach Fossilien von frühen Verwandten des Menschen und beschäftigt sich mit Körperbau und Evolution dieser Australopithecus genannten Vormenschen.

Aufrechter Gang

Für die Australopithecus-Forschung haben die Laetoli-Fußspuren, auf die Andrew Hill seinerzeit mit der Nase voran gestoßen war, ganz besondere Bedeutung. Denn kurz nach der Entdeckung hatte sich herausgestellt, dass drei Vertreter dieser urtümlichen Art ebenfalls ihre Abdrücke in der Vulkanasche hinterlassen hatten. Sie ähneln verblüffend denen eines modernen Menschen, der barfuß durch den Schlamm läuft. 25 Meter weit führt die Spur durch Laetoli und lässt einen Gang vermuten, der sich durchaus mit dem eines langsam laufenden heutigen Menschen vergleichen lässt. Genau in diese Fußabdrücke trat eine weitere, kleinere Person, während ein noch kleinerer Vormensch anscheinend hinterherlief und dabei ebenfalls genau in die Fußspuren trat.

Vielleicht war dort eine Familie mit Vater, Mutter und mindestens einem Kind durch die feuchte Vulkanasche gelaufen. Ob sich diese Vermutung jemals bestätigen lassen wird, bleibt erst einmal ungewiss. Sicher ist aber, dass unsere Vorfahren – lange bevor sie ein großes Gehirn entwickelten und sich zu geschickten Werkzeugmachern mauserten – bereits den aufrechten Gang auf zwei Beinen perfektioniert hatten. Überreste dieser Art, genannt Australopithecus afarensis waren bereits 1974 im Afar-Dreieck gefunden. Man kennt sie heute unter dem Namen »Lucy«.

Auf breitem Fuß | Die Abbildung zeigt das Original der Fußspur Laetoli A und darunter ein Höhenmodell davon. Der Fundort liegt im Norden Tansanias unweit der Olduwai-Schlucht, in der bereits zahlreiche bedeutende Funde gemacht wurden.

Fast vergessene Spur

Nicht weit von der Spur der »Familie« entfernt hatten Peter Jones und Mary Leakeys Sohn Philipp weitere Fußspuren entdeckt, die sich erheblich schlechter interpretieren ließen: »Nicht nur ihre Form war ungewöhnlich, auch der Gang sah sehr seltsam aus, als wenn die Füße auf der falschen Seite des Körpers gewesen wären«, erklärt Stephanie Melillo. Auch Mary Leakey hatte damals notiert, dass diese Spur wohl von einem Vormenschen stammen dürfte, der bei jedem Schritt die Hüfte geschwungen und so einen leicht watschelnden Gang gehabt hätte.

Alternativ könnte dort allerdings auch ein Bär auf seinen beiden Hinterbeinen gelaufen sein und dabei Tatzenspuren in die Vulkanasche gedrückt haben, die ein klein wenig denen eines Menschen ähneln. Mit einer Besonderheit: Bärentatzen sind so geformt, dass man die rechte Fußspur der Tiere durchaus mit dem Abdruck eines linken Menschenfußes verwechseln kann, genau wie bei den Spuren von Laetoli. Vieles sprach also für einen Bären, und so wurden die Abdrücke nur kurz dokumentiert und dann schnell wieder abgedeckt, um sie vor der Witterung zu schützen.

Das Aus für Bären

Das war womöglich etwas vorschnell, denn die Wissenschaft hat sich dabei wohl für Jahrzehnte um eine aufschlussreiche Entdeckung gebracht. Erst 2019 sind Ellison McNutt von der Ohio University im US-amerikanischen Athens und ihr Team den vermeintlichen Bärenspuren nachgegangen. Ihre Entdeckung publizieren sie aktuell im Fachmagazin »Nature«.

So entfernten sie auch die letzten Reste des Sediments, das in den versteinerten Fußabdrücken abgelagert war. Die Umrisse traten so deutlicher hervor. Von Bärenkrallen war allerdings nichts zu sehen. Dann studierten sie mehr als 50 Stunden Videos von amerikanischen Schwarzbären und fanden nur einen einzigen Fall, in dem ein Bär freiwillig vier Schritte auf den beiden Hinterbeinen machte. Obendrein stehen die Hinterbeine eines Bären deutlich weiter auseinander als bei einem heutigen Menschen und vor allem auch bei den Spuren von Laetoli.

Ellison McNutt lässt die Bären laufen | Um die »Bärentheorie« zu überprüfen, testete Ellison McNutt in einem Bärenpark, welche Trittsiegel entstehen, wenn die Tiere auf zwei Beinen laufen. Das tun sie nur äußerst selten, hier versucht das Jungtier an einen Leckerbissen zu gelangen.

Bären auf ihren Hinterbeinen scheiden so als Urheber der wieder feigelegten Spuren praktisch aus, zumal aus der fraglichen Zeit in der gesamten Großregion kaum einmal Fossilien irgendwelcher Bären ausgegraben wurden. Stattdessen deutet viel auf einen Primaten auf zwei Beinen hin: So sind die große Zehe und die folgende zwar ungefähr gleich lang, aber der Abdruck der großen Zehe ist so wie bei uns Menschen viel tiefer und kräftiger. Auch ist der Abdruck der Ferse deutlich breiter als bei Bären, die damit endgültig aus dem Rennen sind.

Füße auf der falschen Seite

Trotzdem aber bleiben deutliche Unterschiede zu Australopithecus afarensis oder gar einem unbeschuhten Homo sapiens. So ähneln die von Elllison McNutt untersuchten Abdrücke der großen Zehe eher denen eines Schimpansen, der mit seinen Zehen einen Ast ähnlich geschickt umklammern kann wie moderne Menschen mit dem Daumen einen Bleistift.

Und dann sehen die Spuren auch noch so aus, als hätte dieser Vormensch seinen rechten Fuß auf der linken Körperseite und den linken Fuß rechts gehabt. Erklären lassen sich diese Abdrücke, wenn ein Vormensch damals seinen rechten Fuß links von der Körpermitte auf den Boden gesetzt hätte und im nächsten Schritt sein linker Fuß rechts von der Körpermitte aufgetreten wäre. So können moderne Menschen zwar durchaus laufen, nur ist ein solcher Gang recht unpraktisch. Und doch erkläre eine solche Fortbewegung die jetzt genauer untersuchten Spuren von Laetoli am besten, schreibt das Team in »Nature«.

Die neuen Spuren im Vergleich zu den alten | Die Spuren der unbekannten Vormenschenart links ähneln zwar denen, die mutmaßlich von Australopithecus afarensis gemacht wurden (rechts), zeigen aber deutliche Unterschiede, vor allem in der Breite des Vorderfußes.

Wege zum aufrechten Gang

Obendrein entdeckten Ellison McNutt und ihr Team in den Spuren noch mehr, das nicht so recht zum Australopithecus afarensis passt. Vieles spreche also dafür, dass dort kein naher Verwandter von Lucy durch den Matsch lief – und vielleicht nicht einmal ein entfernter Verwandter.

Die Suche nach dem Urheber führt schließlich auch zu Stephanie Melillo und ihren Kollegen, die im Woranso-Mille-Gebiet im Afar-Dreieck von Äthiopien besondere Fußknochen gefunden haben. Dieser Burtele-Fuß gehört eindeutig zu einem auf zwei Beinen laufenden Vormenschen, unterscheidet sich aber sehr deutlich von den Füßen von Australopithecus afarensis. Auch dabei scheint es sich um eine andere Art zu handeln, die ebenfalls vor rund 3,5 Millionen Jahren im östlichen Afrika lebte. Gut möglich, dass solche Füße die Spuren in die Vulkanasche von Laetoli drückten. Genauso gut aber könnte es sich beim Träger des Burtele-Fußes um eine dritte Art von Vormenschen gehandelt haben.

Wieder einmal zeigt sich, dass die Sippe des Homo sapiens deutlich größer ist, als man noch vor einigen Jahren dachte. Und Vertreter von mindestens zwei dieser Linien lebten gleichzeitig und nebeneinander im Gebiet von Laetoli, denn die Fußabdrücke stammen aus derselben Ascheschicht und damit dem gleichen Jahr. Auch bei der Entwicklung zum aufrechten Gang scheint die Evolution also mehr als einen Weg gegangen zu sein. Gut, dass sie dabei der Wissenschaft so viele Spuren hinterlassen hat.

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