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Massengrab: Eine Grube voller Kopfloser

In einer jungsteinzeitlichen Siedlung in der heutigen Slowakei stießen Forschende auf ein rätselhaftes Massengrab: drei Dutzend Leichname, alle ohne Kopf. Spuren einer Gewalttat?
Kopfloses Durcheinander

Kopfloses Durcheinander

38 Skelette, davon 37 kopflos: In der Slowakei haben Fachleute einen europaweit einzigartigen Fund aus der Jungsteinzeit gemacht. Die menschlichen Überreste lagen dicht an dicht auf einer Fläche von gerade einmal 15 Quadratmetern. Ursprünglich befand sich an Ort und Stelle ein Graben, der eine mit Palisaden eingefriedete Siedlung umgab, berichtet das Team aus Experten der Universität zu Kiel und der Slowakischen Akademie der Wissenschaften. Die Gruppe um Maria Wunderlich und Martin Furholt stieß im Sommer 2022 auf die Skelette , nachdem sie dort bereits zuvor einzelne kopflose Leichname aus der Erde geholt hatte.

Am Fundort in der slowakischen Gemeinde Vráble-Vel'ke Lehemby sind Entdeckungen keine Seltenheit. Schließlich war der Ort um 5000 v. Chr. mit rund 590 Einwohnerinnen und Einwohnern einer der größten bekannten Siedlungsplätze in Zentraleuropa. Drei Dörfer mit den zeittypischen Langhäusern lagen dort in unmittelbarer Nähe zueinander, eines davon war durch die 1300 Meter lange Palisade von den anderen abgetrennt. Bewohnt wurde die Siedlung von Angehörigen der ersten Ackerbau und Viehzucht betreibenden Kultur in Europa, der Linearbandkeramik. Mit insgesamt rund 80 Häusern, die dort zeitgleich bewohnt wurden, hatte sie für damalige Verhältnisse fast schon die Ausmaße einer Metropole.

Warum die Toten ohne Kopf bestattet wurden und unter welchen Umständen, ist immer noch unklar. Von einem gewaltsamen Tod der 38, gar einer Enthauptung, gehen die Fachleute aktuell nicht aus. Wahrscheinlicher sei, dass ein Ahnenkult dahinterstecke, schreibt die Gruppe in einer Pressemitteilung. »Schädelkult und Leichenzerstückelung sind in der Jungsteinzeit weit verbreitet und mit magischen oder religiösen Vorstellungen verknüpft«, erklärt der Prähistoriker Johannes Müller von der Kieler Universität. Bei der einzigen Leiche mit Kopf handelt es sich um ein Kleinkind.

Auch dass die Toten alle zur gleichen Zeit in den Graben geworfen wurden, ist demnach nicht sicher. Womöglich wurden sie über mehrere Generationen an derselben Stelle beerdigt. Auf Grund der Position der Skelette gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Leichen in den Graben gerollt oder geworfen worden sein könnten. Womöglich waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits so stark verwest, dass sich der Schädel leicht entfernen ließ. Das legt beispielsweise der Umstand nahe, dass bei manchen der oberste Halswirbel noch komplett erhalten ist.

Mit Hilfe interdisziplinärer Analysen wollen die Forschenden diese Fragen beantworten. So sollen die Skelette demnächst detailliert untersucht werden, auch genetisches Material aus den Knochen könnte Anhaltspunkte über die Identität der Toten liefern. Bei einem Punkt bleibt Furholt aber skeptisch: »Die Schädel selbst zu finden, wäre natürlich großartig, hier haben wir jedoch wenig Hoffnung.«

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