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Grams' Sprechstunde: Wer Globuli sät, wird Impfgegnerschaft ernten

Die Homöopathie kann der Einstieg zum Ausstieg aus dem rationalen Denken sein. Die Pandemie zeige einmal mehr, warum es wichtig ist, es nicht so weit kommen zu lassen, sagt Kolumnistin Natalie Grams-Nobmann.
Glasampullen in einer Reihe

Auch in der vierten Welle der Coronapandemie sind die Impfquoten in Deutschland nicht gerade hoch – warum nur, trotz all der Aufklärung und all der Appelle? Welche Ursachen hat die weit verbreitete und offenbar aufklärungsresistente Wissenschaftsskepsis? Wie wurde aus den extremen, aber vereinzelten Impfgegner-Gruppen eine so große Menge Impfverweigernder?

Eine Ursache ist die jahrelange falsche Toleranz von Medizin und Gesellschaft gegenüber der Homöopathie. Niemand kann naiv genug sein zu glauben, es hätte keine Folgen, wenn Menschen Zuckerkügelchen als sinnvolle »Alternative« zur Medizin angedient werden. Oder wenn das Narrativ bedient wird, Wirksamkeit könne anders als wissenschaftlich erklärbar erzielt werden. Nun aber erwarten wir, dass alle der Wissenschaft und der evidenzbasierten Medizin vertrauen. Während diese gleichzeitig von vielen ziemlich selbstverständlich als »Schulmedizin« der »bösen Pharmaindustrie« diffamiert wird.

Das Flaggschiff der Pseudomedizin, die Homöopathie, nimmt hier eine besondere Rolle ein, wegen ihrer Verbreitung und vor allem ihres ungerechtfertigten Ansehens, das sie nach wie vor weithin genießt – sie kann den »Einstieg zum Ausstieg aus dem wissenschaftlichen Denken« immens befördern. Dabei fängt es harmlos an. Ein paar Globuli fürs Baby von der Hebamme können doch nicht schaden? Und muss die erste Impfung wirklich so früh sein? Sorry, aber genau das haben viele viel zu lange toleriert. Wer Globuli sät, wird Impfgegnertum ernten. Denn wer an den einen Unsinn glaubt, ist geneigt, dem nächsten auf den Leim zu gehen.

Was kann die moderne Medizin leisten? Nutzt die Homöopathie? Was macht einen guten Arzt aus, und welche Rolle spielt der Patient? Die Ärztin und Autorin des Buchs »Was wirklich wirkt« Natalie Grams diskutiert in ihrer Kolumne »Grams' Sprechstunde« Entwicklungen, Probleme und eklatante Missstände ihrer Zunft. Alle Teile lesen Sie hier.

Das ist längst wissenschaftlich gut untersucht. Lange bestätigt ist etwa, dass die Neigung zur Homöopathie mit einer geringeren Impfbereitschaft verbunden ist. Zwar sind Homöopathen nicht pauschal Impfgegner, doch belegten bereits mehrere Erhebungen, dass sich das Impfverhalten bei den Ärzten mit homöopathischer Ausrichtung deutlich von dem ihrer nicht homöopathisch tätigen Kollegen unterscheidet. So fand eine Untersuchung schon 2004, dass die Homöopathen vor allem bei den Impfungen gegen gängige Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln deutlich zurückhaltender vorgehen. Als Begründung wurde (tatsächlich!) angeführt, man könne diese Krankheiten sehr gut homöopathisch behandeln. Eine Erhebung im Jahr 2012 ergab, dass Kinderärzte mit Zusatzbezeichnung Homöopathie Kinder häufig später impfen als von der STIKO empfohlen. Nur 32 Prozent der befragten Homöopathen gab an, sich vollständig an die STIKO-Empfehlungen zu halten. Eine in England durchgeführte Umfrage dokumentierte 2003 eine breite Ablehnung der Masern-Mumps-Röteln-Impfung unter homöopathischen Ärzten. Das war zu dieser Zeit noch auf die Auswirkungen der Wakefield-Lüge zurückzuführen (was nebenbei auch zeigt, dass Anhänger von Pseudomedizin wilden Fake News gern zu glauben geneigt sind).

Rationale Bewertung wird gelernt – oder eben nicht

So weit die Ärzteseite. Und wie sieht es mit der Haltung der Patienten und insbesondere der Eltern aus, die für ihre Kinder in Impffragen entscheiden? Eine erst kürzlich veröffentlichte Studie hat untersucht, ob es eine Korrelation zwischen der Impfbereitschaft gegen Covid-19 und dem Glauben an »Alternativmedizin« gibt, speziell auch dem an Homöopathie. Das Ergebnis finde ich erschreckend: Es zeigt unmissverständlich, dass fehlende Impfbereitschaft vor allem bei Personen festzustellen ist, die »im Allgemeinen alternative Behandlungsverfahren bevorzugen«. Bei den Erwachsenen, die Homöopathie bejahen, sind lediglich rund 47 Prozent bereit, sich impfen zu lassen! Die Neigung zu Homöopathie und Pseudomedizin bringt nicht nur oft ein grundsätzliches Misstrauen gegen die »böse Schulmedizin« mit sich; sie sorgt auch für eine falsche Risikobewertung beim Abwägen zwischen Impfung und Erkrankung.

Eine ergänzende Studie zur Impfbereitschaft von Eltern förderte zu Tage, dass diejenigen, die viel von der Homöopathie hielten, zu 62,4 Prozent (!) Impfungen ablehnten. »Bei der Mehrzahl der Eltern besteht – bei gleichzeitigem Vertrauen in nicht evidenzbasierte Behandlungsmethoden – Unsicherheit bezüglich der Risiken und Nebenwirkungen einer Covid-19-Impfung«, führen die Autoren im Fazit aus. In dieser Gruppe waren, speziell bei Müttern, erhebliche Risikofehleinschätzungen und häufig der Glaube an Impfverschwörungsmythen zu beobachten.

Die Studien belegen also, dass pseudomedizinische Versprechungen ihre Anhängerschaft immer weiter in den Sumpf der Wissenschaftsablehnung führen und zudem die Risikowahrnehmung verzerren. Das hat man jahrelang toleriert und die Kritik daran belächelt. Oder man war zu hoffnungsfroh: Wenn's nicht hilft, so schadet's nicht. Tja. Es schadet doch. Und den Preis dafür zahlen wir jetzt, unter anderem mit den schlechten Impfquoten, die zur verlängerten Corona-Situation beitragen.

Ich mache dabei nicht den einzelnen Homöopathie-Anwendenden den Vorwurf, sondern der Politik. Seit Jahren haben Homöopathie-Kritisierende versucht, den Entscheidenden in Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik das Problem zu vermitteln: Gesundheitskompetenz und Wissenschaftsverständnis werden untergraben, wenn Homöopathie positiv dargestellt wird. Homöopathieglaube ist keine reine Privatsache, weil seine negativen Auswirkungen dem Staat nicht gleichgültig sein dürfen. Die Freunde des Laissez-faire-Mottos »Lasst den Leuten doch ihre harmlosen Placeboglobuli …« haben viel zu lange verkannt, dass damit Wissenschaftsablehnung legitimiert und gefördert wird.

Die Folgen führt die Pandemie drastisch vor Augen. Spätestens jetzt muss klargemacht werden, dass Homöopathie keine Medizin ist. Es muss eine klare Position gegen unwissenschaftliche Mittel und Methoden aller Art her. Heißt konkret für die Homöopathie, aber auch für die Anthroposophie: Aberkennung des Status eines Arzneimittels, raus aus der Apothekenpflicht, raus aus der Kassenerstattung.

Sicherlich löst man so nicht alle Probleme. Es wird Zeit brauchen. Doch immerhin könnte die Neigung zu Impfgegnerschaft und Wissenschaftsablehnung weniger salonfähig werden, gar abnehmen. Damit wäre ein entscheidender erster Schritt gemacht. Eine schöne – dringliche – Aufgabe für die neue Bundesregierung!

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