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Warkus' Welt: Naturschutz ist Selbstschutz

Tiere und Umwelt zu schützen, ist wichtig. Doch warum eigentlich? Dafür sprechen moralische ebenso wie pragmatische Gründe, erklärt unser Kolumnist Matthias Warkus.
Kind umarmt Baum mit Herz drauf

Als ich Ende der 1980er Jahre in die Grundschule kam, war Umweltschutz ein großes Thema. Atomkraftwerke galten als schlecht (das Reaktorunglück in Tschernobyl hatte sich gerade ereignet), es war wichtig, dass die Eltern möglichst das neue phosphatfreie Waschmittel und das neue bleifreie Benzin benutzten, und ich lernte auch noch, dass man zum Ölwechsel nicht einfach auf irgendeine Waldlichtung fahren und dort das Öl ins Erdreich fließen lassen durfte. Außerdem galt es als selbstverständlich, Tiere zu schützen, zum Beispiel die akut vom Straßenverkehr bedrohten Igel und Kröten sowie die damals fast ausgestorbenen Maikäfer und den vom Sterben bedrohten Wald insgesamt, vor allem vor Abgasen aus Autos und Kohlekraftwerken. Dann kam die Sache mit dem Ozon, und Ende der 1990er Jahre tauchte das, was man damals noch nicht »Klimawandel« oder »globale Erwärmung« nannte, sondern in der Regel »Klimakatastrophe«, am Horizont auf.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich begriffen hatte, dass dabei nicht immer dasselbe geschützt wurde. Beim Ozon zum Beispiel ging es um UV-Strahlen, die Hautkrebs verursachen konnten, wenn es in der oberen Atmosphäre zu wenig davon gab, beziehungsweise um Atemwegsprobleme, wenn es im Sommer in Bodennähe zu reichlich vorhanden war. Altöl schadete dem Wald, aber wenn es ins Trinkwasser kam, auch den Menschen. Und später tauchte das Problem auf, dass Tiere darunter leiden können, wenn man Windkraftwerke in der Natur baut, um Kraftwerksabgase einzusparen.

Gibt es vernünftige Rassisten? Hat nicht nur der Ärger unseres Vorgesetzten eine Ursache, sondern auch alles andere auf der Welt? Und was ist eigentlich Veränderung? Der Philosoph Matthias Warkus stellt in seiner Kolumne »Warkus' Welt« philosophische Überlegungen zu alltäglichen Fragen an.

Diese Unterscheidungen sind bis heute für viele Menschen in unserer Gesellschaft eine Herausforderung, wie man etwa daran erkennen kann, dass nicht immer allen ganz klar ist, ob Autofahrverbote wegen Stickoxiden und Feinstaub nun mit dem Klimaschutz zu tun haben oder nicht. Aber halbwegs begriffen haben es, meine ich, die meisten: Naturschutz ist nicht ganz dasselbe wie Umweltschutz, und Klimaschutz ist noch einmal etwas anderes.

Im Studium wurde ich dann in einem Seminar, das ein Philosophie- und ein Biologieprofessor zusammen abhielten, mit einer Frage konfrontiert, die dem Ganzen noch eine neue Dimension von Schwierigkeit hinzufügte: Klar, es ist moralisch offensichtlich schlecht, Gift in die Luft oder das Wasser zu entlassen, das andere Menschen direkt oder indirekt krank macht und vielleicht sogar tötet. Aber warum soll man eigentlich die Natur schützen? Warum ist es moralisch geboten, sich um Kröten, Eichhörnchen oder Maikäfer zu bemühen?

Warum auch die anderen Tiere eine faire Chance verdienen

Philosophisch gesehen gibt es für die Beantwortung dieser Frage verschiedene Ansätze. Zum einen kann man Tiere als wertvolles Leben eigenen Rechts ansehen, das genauso geschützt werden sollte wie ein Menschenleben. Hier stößt man allerdings beim Naturschutz schnell an Grenzen, denn wenn etwa Frösche an sich schützenswert sind, warum soll man sie nur vor dem Straßenverkehr schützen und nicht auch vor ihren natürlichen Fressfeinden? Was ist besser daran, wenn ein Frosch sein Leben im Schnabel eines Storchs beschließt statt unter einem Autoreifen? Müsste man dann nicht zumindest theoretisch alle räuberisch lebenden Tiere zu Vegetariern machen?

Schon in der Grundschule kannten wir eine Antwort: Frosch und Storch bilden eine natürliche Nahrungskette, das Auto gehört nicht dazu. Die Natur ist ein System von Fressbeziehungen, in das der Mensch eingreift, und man muss sie als Ganzes schützen. Schon aus der damaligen Zeit erinnere ich mich an die Überlegung, man müsse sozusagen »die Natur« insgesamt als so etwas wie ein großes, einzigartiges Lebewesen betrachten, dem man nicht schaden darf.

Das wiederum wirft eine neue Schwierigkeit auf: Wir Menschen sind ebenso ein Produkt der Evolution und gehören auch irgendwie zur Natur, oder? Wenn Störche sich keine Erlaubnisscheine abholen, bevor sie einen froschreichen Sumpf anfliegen, warum sollten wir uns beschränken? Klar, man könnte sagen, wir sind durch unsere Fähigkeiten, Werkzeuge, Technik und nichtbiologische Energiequellen zu nutzen, derartig überlegen, dass es schlicht nicht fair wäre. Aber da ist man wieder beim selben Problem: Warum verdienen die anderen Tiere eine faire Chance?

Je mehr Spezies wir übrig lassen, desto weniger gefährdet ist unsere eigene Art

Es gibt sehr pragmatische Argumente dafür, die über den Nutzen von Biodiversität für die Menschheit funktionieren: Je mehr Spezies wir übrig lassen, desto mehr Chancen gibt es zum Beispiel, neue pharmazeutische Wirkstoffe zu entdecken, und desto weniger gefährdet ist unsere eigene Art, wenn etwa wichtige Nahrungspflanzen durch Umweltveränderungen aussterben. Man kann aber auch ganz anders argumentieren: Die Natur habe die unvergleichliche Fähigkeit, Schönheit hervorzubringen, wie sie sich kein Mensch je ausdenken könnte, und das sei wichtig, weil wir nur so unser Potenzial zum Erleben angenehmer Empfindungen ausschöpfen und ein wirklich gutes Leben führen können.

Ganz gleich, auf welchem Weg man es begründet – auch in der Philosophie sind die allermeisten, die sich mit dieser Frage beschäftigen, selbstverständlich davon überzeugt, dass Flora und Fauna genauso schützenswert sind wie unsere Atemluft oder unser Trinkwasser. Aber einmal darüber nachzudenken, warum das so ist, schadet nicht.

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