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Leseprobe »Happy Hour«: Aus dem Nest gefallen

Auf einmal ist nichts mehr wie vorher. Ob Trennung, Jobverlust oder Krankheit: In einer Krise wissen wir oft nicht, wie es weitergehen soll. Das Buch soll helfen, persönliche Krisen gesund und gestärkt durchzustehen. Eine Leseprobe
Frau steht am Fenster

Einschneidende lebensverändernde Ereignisse

Nur ein Wimpernschlag und alles ist mit einem Mal anders. Noch eben schien unsere Welt sicher und vertraut. Auch wenn wir vielleicht hier und da mal gehadert haben, war es doch irgendwie angenehm und beruhigend. Plötzlich fühlen wir uns hilflos, wir sind verunsichert, erleben uns als verletzt und fremd in der Welt. Wir sind herausgefallen aus unserem Nest, erkennen uns selbst, die anderen, die Welt nicht mehr wieder. Wir möchten zurück. Noch nie haben wir unser altes Leben so geliebt.

Wir denken zumeist, dass wir immun sind gegen Schicksalsschläge und in einer sicheren vorhersagbaren Welt leben. Unglücke und Krisen finden woanders statt. Das ist auch gut so und gesund, denn sonst würden wir in ständiger Angst leben. Doch niemand von uns ist vor einschneidenden lebensverändernden Ereignissen geschützt. Persönliche Krisen gehören zum Leben dazu. Die Situationen können so vielfältig sein wie das Leben selbst: die Diagnose, die uns von einem Arzt bei einer Routineuntersuchung mitgeteilt wird; die Kündigung unseres Arbeitsvertrages, die plötzlich und unerwartet auf unserem Schreibtisch liegt; der eigene Partner, der uns ohne Vorwarnung verlässt; die Nachricht, dass unsere Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind; der Einbruch in unserem eigenen Haus oder ein Virus namens Covid-19, von dem wir noch nie gehört haben und das unser eigenes Leben stark einschränkt.

Doch was immer wir auch erleben, unser Kopf schützt uns zunächst vor der Wucht des ganzen Aufpralls. Die Gewissheit des Ereignisses dringt erst allmählich in unser volles Bewusstsein. Tröpfchenweise gibt es den Schrecken für uns frei. Vor der vollständigen Erkenntnis drängen sich Gedanken auf, die der eigenen Beruhigung dienen sollen: »Der Arzt hat die Unterlagen verwechselt«; »Der Chef meint es mit der Kündigung gewiss nicht ernst«; »Bei dem Verkehrsunfall muss es sich um eine Verwechslung handeln, gibt es nicht viele Autos der gleichen Marke und Farbe?«; »Das ist sicherlich ein Missverständnis, das sich ganz schnell aufklären wird«; »Ein so kleines Virus kann doch nicht wirklich so viel Schaden anrichten«; »Mich wird das Ganze sowieso nicht betreffen«; »Es wird schon nicht so schlimm sein«. Wir wissen, dass es schlimme Krankheiten, Kündigungen, Scheidungen, Unfälle, Pandemien und andere Katastrophen gibt. Aber normalerweise gehen wir immer davon aus, dass der Schrecken anderen passiert.

Die erste Selbstberuhigung dauert meist nur einige Sekunden, manchmal hält sie auch länger an. Unser Kopf fungiert als Airbag vor der Realität. Danach kommt der Schock, wir realisieren, dass die katastrophale Nachricht wirklich wahr ist. Wir spüren zunächst eine innere Leere, fühlen nichts, wirken nach außen hin fast emotionslos. Doch die Gefühle lassen nicht allzu lange auf sich warten: Je nachdem was passiert ist und in welchem Ausmaß oder wie wir betroffen sind, spüren wir früher oder später beispielsweise Angst, Verzweiflung, Wut, Traurigkeit, Schuld. Alles gleichzeitig oder auch nacheinander. Nach einiger Zeit werden auch körperliche Reaktionen spürbar wie beispielsweise Reizbarkeit, Konzen­trationsschwierigkeiten, Schreckhaftigkeit, erhöhte Wachsamkeit, Schlafstörungen oder auch Interessenverlust und Rückzug.

Bin ich noch normal?

Normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse

Ist das normal? Viele sind aufgrund ihrer Reaktionen völlig verunsichert. Sie haben das Gefühl, doppelt gestraft zu sein. Ihnen ist nicht nur das Unfassbare widerfahren, sie erkennen auch sich selbst und ihre eigenen Empfindungen nicht mehr wieder. Sie kennen beispielsweise Konzen­trationsschwierigkeiten und Schreckhaftigkeit nicht von sich. Alles fühlt sich irgendwie »falsch« an. Besonders auch dann, wenn sie Wut verspüren (etwa auf einen Angehörigen: »Warum ist er gestorben und lässt mich allein?«), sich schuldig fühlen (»Warum habe ich mich nicht mehr angestrengt und noch mehr Überstunden gemacht?«) oder sich selbst anklagen (»Hätte ich gesünder gelebt, hätte ich die Krankheit nicht bekommen«). So erschüttert uns nicht nur das Geschehen selbst, sondern auch unsere eigene Reaktion darauf – letztere manchmal noch mehr als das Ereignis selbst. Wir haben ein zusätzliches Problem: Zu der Kata­strophe kommt noch die Verunsicherung über die eigene Reaktion hinzu, wir trauen uns selbst nicht mehr über den Weg, fordern von uns, dass wir doch eigentlich stärker sein müssten. Somit verlieren wir den Glauben daran, dass wir in schwierigen Situationen selbst etwas bewirken können und fühlen uns zunehmend hilflos. In der Psychologie spricht man davon, dass die Erwartung an unsere Selbstwirksamkeit beeinträchtigt wird.

Diese Reaktionen sind völlig normal, die meisten Menschen empfinden nach einem solchen Ereignis so. Allerdings fühlt es sich für uns selbst nicht normal an, da die Situation und ihr Erleben neu sind. Wären sie alltäglich, könnten wir auch besser damit umgehen. Diese Information ist schon ein erster wichtiger Schritt, um das Erlebte besser einordnen zu können. So haben wir eine Sorge weniger: Die Situation ist unnormal, unsere Reaktion darauf schon – wir sind normal!

Die psychischen Grundbedürfnisse

Sicher ist, dass wir durch eine Krise in unseren Grundfesten erschüttert werden. Der Psychologe Klaus Grawe hat vier neurobiologisch fundierte und wissenschaftlich anerkannte psychische Grundbedürfnisse aufgestellt. Das sind das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle, nach Lustgewinn und Unlustvermeidung, nach Bindung und Zugehörigkeit sowie nach Selbstwerterhöhung. Alle unsere Grundbedürfnisse dienen evolutionär dem Überleben jedes Einzelnen und unserer Art. Dies ist auch heute noch unser übergeordnetes Ziel. Unser Organismus befindet sich noch immer auf Steinzeitniveau, in den vergangenen 2,6 Millionen Jahren hat er sich kaum verändert. Für unser Gehirn laufen wir noch immer im Lendenschurz und mit einer Keule durch die Gegend. Auch unser Körper hat nichts davon mitbekommen, dass wir in einer »zivilisierten« Gesellschaft leben und antwortet auf manche unserer Verfehlungen mit dem, was wir Zivilisationskrankheiten nennen. Unter Übergewicht litten unsere Vorfahren zumindest nicht.

Unsere körperlichen, biologischen Grundbedürfnisse sind uns meist präsent, und wir merken schnell, wenn diese nicht befriedigt sind. Wenn wir Hunger haben, essen wir; wenn wir Durst haben, trinken wir etwas; wenn wir nicht atmen können, ringen wir nach Luft; wenn uns kalt ist, ziehen wir etwas an; haben wir eine Nacht durchgemacht, versuchen wir in der nächsten, etwas mehr Schlaf zu bekommen. Die psychischen Grundbedürfnisse sind ähnlich präsent, werden nur oft nicht so bewusst wahrgenommen. Es gilt als oberstes Prinzip, dass diese psychischen Grundbedürfnisse in einer möglichst guten Balance zueinander stehen. Grawe nennt dies das Konsistenzprinzip. Verspüren wir ein Ungleichgewicht zwischen den Bedürfnissen oder ist auch nur eines von ihnen bedroht, wird unser psychisches Wohlbefinden beeinträchtigt, und es kann sogar zur Entwicklung von psychischen Störungen kommen.

Was sind nun die vier psychischen Grundbedürfnisse?

Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle

Zusammenhänge zu verstehen, Ursache und Wirkung der eigenen Handlungen nachvollziehen zu können, war besonders in der Steinzeit wichtig. Dies hat uns vorangebracht, so wurden Werkzeuge entwickelt, das Feuer nutzbar gemacht und vieles mehr, was unser Überleben zunehmend sicherte. Dieses Bedürfnis, die Welt zu verstehen, ist in uns allen angelegt. Denken Sie nur an die endlosen »Warum«-Frageketten von kleinen Kindern, die sich nicht mit einem »Darum« als Antwort abspeisen lassen, sondern sofort weiterfragen: »Warum darum?« Ereignisse möchten wir vorhersagen und auch beeinflussen können. Es ist wichtig für uns zu wissen, dass wir mit unserem eigenen Verhalten und unseren Entscheidungen für uns bedeutende Ziele erreichen können. Das führt zu einer hohen Erwartung an unsere Selbstwirksamkeit: Wir können selbst etwas tun, haben unser Schicksal in der eigenen Hand. Dies gibt uns auch Orientierung, wir wissen, wo es langgeht. Wir mögen es nicht, wenn wir das Steuerrad aus der Hand geben müssen. Das ruft große Unsicherheit und zuweilen auch ein Gefühl der Ohnmacht hervor. Ist etwas nicht so, wie wir es kennen, suchen wir nach einer Erklärung. Unser Ziel bei Unstimmigkeit ist, unsere Kon­trolle wiederherzustellen.

Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

Wir streben danach, Freude zu empfinden, das Leben zu genießen. Wir möchten angenehme Emotionen haben und vermeiden tendenziell Dinge, die uns unangenehm sind. So ist es auch wichtig für uns, Aufgaben zu haben, in denen wir aufgehen, in denen wir uns nicht über- oder unterfordert fühlen. Wenn wir nicht (mehr) wissen, was uns Spaß macht, nur noch (ungeliebte) Pflichten haben, nur noch Unangenehmes erleben, fühlen wir uns unausgeglichen und können dadurch auch krank werden. Aber können wir immer nur Spaß haben? An einem schön gemähten Rasen können wir uns nur erfreuen, wenn wir uns aus unserem bequemen Liegestuhl erheben und den Rasenmäher hervorholen. Hier ist es besonders wichtig, eine gesunde Balance zwischen Lust und Unlust zu finden und aufrechtzuerhalten.

Das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit

Dies ist eines der bedeutendsten Bedürfnisse. Als Steinzeitmensch war es überlebenswichtig, andere Menschen um sich herum zu haben. Aus der Gruppe ausgestoßen zu werden, auf sich allein gestellt zu sein, war ein Todesurteil. Auch heute noch brauchen wir andere Menschen, um uns wohlzufühlen, um überleben zu können. Wir wollen zu einer Familie, zu einer Gruppe gehören, wir benötigen mindestens einen guten Freund, von dem wir Unterstützung und Geborgenheit bekommen. Jemanden, den wir um Rat fragen, dem wir uns anvertrauen können. Werden wir von anderen ausgegrenzt, hat das einen äußerst negativen Einfluss auf unsere Gesundheit.

Ein drastisches Beispiel dafür, wie wichtig unser Bindungsbedürfnis ist, zeigt der sogenannte »Waisenkindversuch« von Friedrich II., dem Staufer – ein Experiment, welches heute zum Glück so nicht mehr möglich wäre. Er wollte herausfinden, welche Sprache uns angeboren ist. So ließ er Säuglinge von Hebammen mit ausreichend Nahrung und Flüssigkeit versorgen, die biologischen Grundbedürfnisse wurden somit befriedigt. Den Hebammen war es jedoch verboten, mit den Säuglingen zu sprechen und mit ihnen zu kuscheln. Das Bedürfnis nach Bindung wurde somit nicht erfüllt. Alle Kinder starben. Das Experiment zeigte, wenn auch unbeabsichtigt, dass die Erfüllung der biologischen Grundbedürfnisse nicht zum Überleben ausreicht. Das gilt für Erwachsene übrigens ebenso wie für Kinder.

Das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung

Uns allen geht es so: Wir wollen von anderen anerkannt und respektiert sein, möchten in dem, was wir tun, bestätigt werden. Wir freuen uns über Wertschätzung von anderen. Es ist wichtig für uns, dass wir unseren eigenen Wert spüren, uns selbst etwas zutrauen und uns als kompetent erleben. Klaus Grawe sagt, dass es sich hierbei um ein »spezifisch menschliches Bedürfnis« handelt: Bei Tieren findet es sich nicht. Um ein Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung zu verspüren, muss man in der Lage sein, über sich selbst nachzudenken. Bewegen wir uns dauerhaft in einem Umfeld, das uns nichts zutraut und uns vermittelt, dass wir nicht gut sind, ist unser Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung bedroht. Das kann im schlimmsten Fall so weit führen, dass wir uns selbst nichts mehr zutrauen und unseren eigenen Wert infrage stellen.

Alle unsere psychischen Bedürfnisse lassen sich einem dieser vier psychischen Grundbedürfnisse zuordnen. Wir fühlen uns nur wohl, wenn diese im Gleichgewicht sind. Durch eine Krise können gleich mehrere unserer Grundbedürfnisse bedroht werden. Durch das Geschehen haben wir scheinbar unsere Kontrolle verloren.

Leider endet die Leseprobe an dieser Stelle. Das Buch bietet den Rest des Kapitels und mehr über »Happy Hour Wie wir gesund und gestärkt persönliche Krisen durchstehen«.

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