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Lexikon der Ernährung: Ernährungsprobleme von Privathaushalten mit vermindertem Einkommen (Sozialhilfebezieher) – sozialökonomische und ernährungswissenschaftliche Aspekte

Ernährungsprobleme von Privathaushalten mit vermindertem Einkommen (Sozialhilfebezieher) – sozialökonomische und ernährungswissenschaftliche Aspekte

Ingrid-Ute Leonhäuser und Stephanie Lehmkühler, Gießen

Ausgangssituation und Ausmaß von Armut

Die Bundesrepublik Deutschland zählt ebenso wie andere reiche europäische Nationen zu den Ländern, die sich etwa seit Ende der achtziger Jahre augenscheinlich mit dem Phänomen der Armut auseinander zu setzen haben. Allerdings ist die Armut hier und heute nicht vergleichbar mit der, die sich zur Zeit der Industrialisierung als eine Verelendung breiter Bevölkerungsgruppen herausbildete. Sie ist auch nicht gleichzusetzen mit der Lebenssituation in den Ländern der dritten oder vierten Welt, in denen es um das physische Überleben geht. Die Frage, was Armut in einer Wohlstandsgesellschaft und einem Wohlfahrtsstaat für die betroffenen Menschen bedeutet, wird von Seiten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, von Seiten der Politik und von Sozialarbeitern unterschiedlich wahrgenommen und definiert [1]. Eindeutig ist jedoch, dass es sich dabei nicht um die sog. absolute Armut, um das physische Überleben, handelt. Vielmehr geht es um die sog. relative Armut, und damit um die Frage eines menschenwürdigen Lebens.

Relative Armut bezieht sich in namhaften nationalen und europäischen Armutsberichten von EUROSTAT auf Einkommensarmut. Arm sind demnach die Menschen, die in einem Haushalt leben, dessen Äquivalenzeinkommen nicht mehr als 50 % des arithmetischen Mittels der Einkommen in der gesamten Bevölkerung beträgt. Zusätzlich werden Armutsschwellenwerte zur Abgrenzung einer strengen Armut (40 %-Schwelle) sowie zur Abgrenzung des sog. prekären Wohlstands (75 %-Schwelle) gesetzt (Datenreport 1999). Aus Tab. 1 ist das Ausmaß von relativer Armut in den europäischen Ländern ersichtlich.

Demnach war 1993 in Dänemark die relative Armut am niedrigsten. In den anderen europäischen Mitgliedsländern war sie zum Teil erheblich höher. In der EU insgesamt lebten 17 % der Menschen in relativer Armut im Vergleich zu 11 % in der Bundesrepublik Deutschland. Zu den am meisten von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen zählen in unserem Land neben den Ausländern, Einelternfamilien, Arbeitslose sowie Familien mit mindestens drei Kindern. Das Ausmaß der von Armut betroffenen Gruppen geht aus Tab. 2 hervor.

Wirtschaftliche Lage, Gesundheit und Ernährung

Greift man bei der Erfassung von Armut auf die Sozialhilfestatistik zurück, so erfolgt die Orientierung am Eckregelsatz der laufenden Hilfe zum Lebensunterhalt. Dieser stellt das gesellschaftlich definierte Existenzminimum dar. Nach dieser Berechnungsgrundlage ergibt sich für Deutschland folgendes Bild: Ende 1997 erhielten 2,89 Mio. Mitbürger und Mitbürgerinnen Sozialhilfe. 56 % aller Empfänger / innen waren Frauen. Gemäß der Altersaufgliederung wird deutlich, dass Kinder relativ häufig unter den Sozialhilfebeziehern vorzufinden sind. So machten beispielsweise Kinder und Jugendliche unter achtzehn Jahren einen Anteil von 37,2 % aus. Unter den 1,49 Mio. deutschen und ausländischen Haushalten, die Sozialhilfe bezogen, waren 622.000 Einpersonenhaushalte, daneben gab es 184.000 Ehepaare mit Kindern und 104.000 Ehepaare ohne Kinder. Besonders hoch ist die Anzahl der alleinerziehenden Frauen (325.000 Empfängerinnen) [3]. Die Sozialhilfe errechnet sich im Wesentlichen nach Regelsätzen und Mehrbedarfszuschlägen. Darüber hinaus werden auch die Unterkunftskosten übernommen. Aus Tab. 3 geht die Berechnung der Leistungen hervor.

Die Gesamtsumme der o. g. Bedarfspositionen für den Haushaltsvorstand und seine Haushalts- bzw. Familienangehörigen ergibt den Bruttobedarf. Hiervon wird das anzurechnende Einkommen abgezogen, um den tatsächlich auszuzahlenden Nettoanspruch zu ermitteln. 1997 hatte ein Sozialhilfeempfängerhaushalt demnach im Durchschnitt einen monatlichen Bruttobedarf von 1.520 DM, wovon allein rund ein Drittel auf die Kaltmiete entfiel. Unter Berücksichtigung des angerechneten Einkommens von durchschnittlich 733 DM, wurden pro Haushalt im Schnitt 787 DM – also etwas mehr als die Hälfte des Bruttobedarfs – monatlich ausgezahlt. Mit zunehmender Haushaltsgröße gelangt tendenziell weniger vom Nettobedarf zur Nettoauszahlung. Größere Haushalte verfügen häufig über anrechenbares Einkommen wie z. B. Kindergeld und Unterhaltsleistungen. So bekamen alleinstehende Männer 68,9 % ihres Bruttobedarfs ausgezahlt. Ehepaare mit zwei Kindern demgegenüber lediglich 44,1 % [3].

Somit lässt sich zwar die Höhe der zur Verfügung gestellten laufenden Hilfe zum Lebensunterhalt anhand der Sozialstatistik berechnen. Inwieweit jedoch die Regelsatzbeträge ausreichen, um die jeweils von der besonderen Lebenslage abhängigen und situationsbedingten Bedürfnisse zu befriedigen, bleibt indessen im Zuge der amtlichen Berichterstattung bislang unerfassbar. Ebenso wenig wurde in Deutschland bisher untersucht, ob ein direkter Zusammenhang zwischen dem Sozialhilfebezug und Gesundheit bzw. gesundheitsförderlichem Ernährungsverhalten besteht. Allerdings gibt es gesicherte Erkenntnisse über Einkommen und Erkrankungshäufigkeit. Aus Befragungen in Westdeutschland weiß man, dass arme Personen erheblich kränker sind als wohlhabende. Dies gilt sowohl für die persönliche Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes als auch für Angaben zu speziellen Krankheiten [4].

Die Annahme, dass ein Zusammenhang zwischen Einkommen und Gesundheit besteht, konnte über einige Studien bestätigt werden. So konnte herausgefunden werden, dass sich mit abnehmendem Einkommen der Gesundheitszustand kontinuierlich verschlechtert [5]. Dies wurde auch durch Befragungen gestützt, die nach der Wiedervereinigung in den östlichen Bundesländern durchgeführt wurden. Dabei geben im Vergleich zu Erwerbstätigen Sozialhilfeempfänger doppelt so häufig an, krank oder unfallverletzt zu sein [4]. Diese Befunde werden von den Autoren des Gesundheitsberichtes für Deutschland anhand der These „Armut macht krank“ dahingehend erörtert, dass sich bei von Armut Betroffenen ein besonders ungünstiges Gesundheitsverhalten beobachten lässt. Zudem sind sie offensichtlich außergewöhnlich belastenden Lebensbedingungen ausgesetzt und haben einen schlechteren Zugang zur gesundheitlichen Versorgung.

Bei den Gesundheitsgefährdungen, die verhaltensbedingt sind, treten häufig die Risikofaktoren Rauchen, Übergewicht und Bewegungsarmut auf. Hier besteht auch ein nachweisbarer Zusammenhang zum Einkommen: Personen mit geringem Einkommen rauchen häufiger, bewegen sich vielfach weniger und sind im Mittel übergewichtiger als Personen mit höherem Einkommen [4]. Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle, dass die genannten Risikomerkmale auch durchaus aus den sie belastenden Lebensbedingungen resultieren wie z. B. dem Arbeitsplatzverlust und dem Verlust von außerfamiliären Kontakten zu Berufskollegen und Freunden. Die geringeren zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel zum Lebensunterhalt schränken Möglichkeiten einer annehmbaren Wohn- und Ernährungsversorgungsqualität gravierend ein, so dass von Armut betroffene Menschen meistens auch einer „sozial ungleichen“ Lebenslage ausgesetzt sind. So beschreibt Feichtinger (1995) in Anlehnung an die Definition des englischen Armutsforschers Townsend die so genannte soziale Ernährungsarmut. Diese bezieht sich auf den Abbau von sozialen Beziehungen:

Soziale Ernährungsarmut ermöglicht es nicht, in einer gesellschaftlich akzeptierten Weise soziale Beziehungen aufzubauen, Rollen und Funktionen zu übernehmen, Rechte und Verantwortlichkeiten wahrzunehmen oder Sitten und Gebräuche einzuhalten, die jeweils im sozialen und kulturellen Umgang mit Essen in einer Gesellschaft zum Ausdruck kommen. [6]

Hinzu kommen Krankheiten, die ebenso massiv die Lebensqualität einschränken können. Ergebnisse zu den statistisch gesicherten Zusammenhängen zwischen sozialer Schicht und Risikofaktoren im Rahmen des Bundesgesundheitssurveys (1998) erhärten die Annahme, dass gesundheitsrelevante Verhaltensweisen auch über die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht bestimmt werden. Beispielsweise leiden 3,7 % der Männer und 4,6 % der Frauen unter einem nicht insulinpflichtigen Diabetes mellitus. Männer und Frauen der Unterschicht weisen mit 5,6 % bzw. 8,5 % deutlich höhere Prävalenzraten auf als Mitglieder der Oberschicht (Männer: 2,5 %; Frauen: 1,6 %). Ebenso geben Männer und Frauen der Unterschicht wesentlich häufiger an, eine chronische Bronchitis zu haben. Was die Lebens- und Gesundheitszufriedenheit betrifft, zeigt sich gleichfalls eine Schichtabhängigkeit und zwar dahingehend, dass die Angehörigen der unteren sozialen Schichten und Einkommensgruppen unzufriedener sind gegenüber denjenigen, die höheren sozialen Schichten angehören [7].

Was nun den Risikofaktor „Ernährung“ betrifft, so kann die These, dass sich Personen der unteren sozialen Schichten und unteren Einkommensgruppen ungesünder ernähren als andere, bislang nur ansatzweise belegt werden [6]. So erlauben Berechnungen der Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie (NVS) sowie des dazugehörigen Verbundprojektes „Ernährung und Risikofaktorenanalytik“ (VERA) einen ersten Schluss zum Einfluss des Einkommens auf den Lebensmittelverzehr [8]. In den niedrigen Einkommensklassen sind die Verzehrsmengen an tierischen Lebensmitteln wie Fleisch und Fisch geringer. Lebensmittel mit einem günstigen Preis / Mengenverhältnis, wie z. B. Brot und Teigwaren, werden zum Teil von Personen mit geringem Einkommen in größeren Mengen verzehrt. Der Verzehr von frischem Obst und Gemüse wird deutlich vom Einkommen determiniert und zwar dahingehend, dass diese Lebensmittel in den unteren Einkommensklassen seltener gegessen werden. Demzufolge ist anzunehmen, dass bei armen Bevölkerungsgruppen Abweichungen von nationalen / internationalen Ernährungsempfehlungen möglicherweise verbreiteter sind als bei den wohlhabenderen. Unabhängig davon kann davon ausgegangen werden, dass der Nikotinkonsum zu einer schlechteren mittleren Vitamin-C-Versorgung der Personengruppe beiträgt [9]. Diese wenigen Befunde verdeutlichen die Notwendigkeit, den Gesundheits- und Ernährungsstatus der betroffenen Bevölkerungsgruppen zu analysieren.

Im Vergleich zur o. g. Bestimmung von sozialer Ernährungsarmut ist die so genannte materielle Ernährungsarmut in diesem Zusammenhang ebenso relevant:

Materielle Ernährungsarmut: Jede Ernährung, die weder in ihrer Quantität noch in ihrer physiologischen und hygienischen Qualität bedarfsdeckend ist; sei es durch einen Mangel an Mitteln zum Erwerb von Nahrung (in Form von Geld oder anderen Zugangsberechtigungen) oder durch einen Mangel an Nahrung selbst (fehlende Lebensmittel, fehlende Distributionswege). [6]

Allerdings ist hier nicht nur das Einkommen als Einflussgröße anzunehmen, sondern gleichermaßen andere Faktoren wie beispielsweise die Wertschätzung von Lebensmitteln in Bezug auf ihren Gesundheitswert [9].

Armut und Ernährungsverhalten

Die Tatsache, dass das Ernährungsverhalten von in Armut lebenden Privathaushalten bisher ebenso wenig systematisch analysiert wurde, führte dazu, über einen qualitativen Untersuchungsansatz dieser Fragestellung nachzugehen. Im nachfolgenden werden ausgewählte Ergebnisse aus einer im Auftrag der Stadt Gießen durchgeführten Studie mit fünfzehn Privathaushalten vorgestellt [10].

Im Mittelpunkt stand die Hypothese, dass die Ernährung von in Armut lebenden Familien nicht gesundheitsfördernd und ernährungsphysiologisch ausgewogen ist. Dabei zeigt sich, dass sich das Ernährungsverhalten von Familien, die Sozialhilfe beziehen, vom Verhalten anderer Verbraucher mit höherem Einkommen unterscheidet. Zum einen ist ihr Handlungsspielraum wegen finanzieller Engpässe eingeschränkt. Zum anderen fehlen Fähigkeiten und Fertigkeiten, um die Familien kompetent mit Essen und Trinken zu versorgen. Finanziell besser gestellte Familien können diesem Problem jedoch leichter ausweichen – sei es durch die Teilnahme an Kochkursen, durch ein teures Fertiggericht aus der Mikrowelle oder durch den Besuch eines Restaurants.

Die Kompetenz zu Fragen der Ernährungsversorgung und zur Zubereitung von Mahlzeiten wird nach traditionellem Muster überwiegend den Hausfrauen zugeschrieben. Junge Frauen, die aus der Armut ihrer Eltern nicht herausfanden, weisen allerdings oft mangelnde Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Hinblick auf das Zubereiten von Mahlzeiten auf. Daher sind – entgegen der üblichen Kompetenzzuschreibung – eine große Zahl der befragten (Ehe-)Männer für das Kochen und Zubereiten der Mahlzeiten zuständig. Aufgrund von Arbeitslosigkeit und dadurch bedingtem zeitlichem Handlungsspielraum übernehmen die Partner diese Beschäftigung, um den Tag mit einer sinnvollen Aufgabe zu füllen. Außerdem geben die Partnerinnen bereitwillig Auskunft, dass sie nicht kochen können bzw. keine Zeit oder kein Interesse am Kochen haben und daher der Partner das Essen zubereitet. Vereinzelt konnten Defizite in grundlegenden Ernährungsfragen festgestellt werden.

Die Hypothese, dass sich das Ernährungsverhalten von Familien, die schon lange in Armut leben, vom Ernährungsverhalten von erst in jüngerer Zeit verarmten Familien („neue Armut“) unterscheidet, wurde durch die Befunde bestätigt. Die Familienmitglieder essen, gemessen an den Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) und den ernährungsphysiologischen Bedarfswerten, zu einseitig und zu fett. Das Ernährungsverhalten der neuen Armutshaushalte zeichnet sich dadurch aus, dass aus finanziellen Gründen erforderliche Kompromisse bewusst eingegangen werden, sich aber an dem vor der Armut praktizierten Essstil grundlegend nichts verändert hat. Ernährungskompetenzen, die Familie mit Essen und Trinken zu versorgen, sind ebenso wie das Basiswissen über gesunde Ernährung ausgeprägter vorhanden als bei den Menschen, die schon länger in Armut leben.

Gemessen an gesundheits- und genussorientierten Essstilen in der Gesellschaft empfinden die Betroffenen den Verzicht auf bestimmte Produkte als schmerzlich. Aufgrund der finanziellen Einschränkungen kann diese Gruppe die Angebotsvielfalt nicht ausnutzen. Überwiegend erfolgt die Auswahl der Lebensmittel im Vergleich zum Entscheidungsverhalten der Allgemeinbevölkerung in erster Linie nach dem Preis. „Ich kaufe das Billigste, was es gibt und wo am meisten drin ist.“ Aspekte des Gesundheitswertes, des Nährwertes und des Genusswertes werden nachrangig berücksichtigt. Neue und unbekannte Produkte werden aufgrund der finanziellen Situation nicht erworben. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Lebensmittel der an der Einkaufsstudie beteiligten sechs Haushalte liegen zwischen 130 DM und 365 DM im Monat. Das „wenige“ Geld schlägt sich in einem engeren Spektrum der gekauften Lebensmittel nieder. Vorrangig werden Grundnahrungsmittel, wie Brot, Kartoffeln und Teigwaren, gekauft, da sie einen hohen Sättigungswert aufweisen. Dem Verbrauch von Wurst- und Fleischwaren kommt eine hohe Bedeutung zu. Milch und Milchprodukte, Obst und Gemüse werden dagegen zwar konsumiert, haben jedoch einen niedrigeren Stellenwert.

Es konnte ermittelt werden, dass zwei Drittel der befragten Haushalte ihren Einkauf planen und sich vorher über das Produkt- und Preisangebot informieren. Insbesondere kinderreiche Familien erstellen für den Großeinkauf nach eigenen Angaben Einkaufslisten. Anzeigen und Hauswurfsendungen von Großmärkten werden regelmäßig „studiert“. Für den täglichen Einkauf werden vorwiegend Geschäfte des Stadtteils, ein Discounter und ein Supermarkt, aufgesucht. Ohne den Besitz eines Autos gestaltet sich der Großeinkauf schwierig. Die Beschaffung von Lebensmitteln und anderen Gütern ist für Arme umständlich, zeitaufwändig und kostenintensiv. Die Betroffenen sind auf die öffentlichen Verkehrsmittel oder auf Minicars angewiesen. In den meisten Familien reicht das Geld nicht bis zum Monatsende. Die letzte Monatsphase wird als Zeit der „Ziehtage“, „Strecktage“ oder „Gummiwoche“ bezeichnet, in der das restliche Geld oder die verbliebenen Lebensmittelvorräte sparsam verwendet werden. Knapp die Hälfte der befragten Haushalte sind auf familiäre bzw. verwandtschaftliche Hilfe angewiesen. Sie leihen sich Geld, um in der „Gummiwoche“ den notwendigsten Lebensunterhalt zu gewährleisten.

Was es heißt, sich und die Familie mit wenig Geld bis an das Monatsende mit Essen und Trinken zu versorgen, mussten die Familien, die erst seit kurzem in Armut leben, die so genannten neuen Armen, erst lernen. Zu den erforderlichen Umstellungen ihres Ernährungsverhaltens gehörten beispielsweise der Konsum von Billigprodukten anstatt von Markenartikeln, der Konsum von abgepackten Produkten anstatt von Produkten aus der Frischtheke oder der Verzicht auf ausgefallene, teure Wünsche.

In den Haushalten, die schon lange mit niedrigem Einkommen leben, wird über das Auftreten von Krankheiten vor, während und nach einer Erkrankung wenig reflektiert, d. h. die Betroffenen nehmen die Situation so an, wie sie sich darstellt. Die gesundheitliche Risikoabschätzung erscheint nebensächlich, und präventive Überlegungen werden nicht angestellt. Dies stellt jedoch kein Versäumnis der Betroffenen dar. Vielmehr haben sie aufgrund der Lebensumstände, ihres Selbstbildes und ihrer finanziellen Situation häufig nicht die Möglichkeit, sich präventiv oder kurativ zu verhalten.

Die bisher erzielten Befunde weisen auf die Notwendigkeit hin, im Rahmen einer großen Untersuchungsstichprobe den Zusammenhang von Armut, Gesundheit und Ernährung zu analysieren. Zudem sollte geprüft werden, ob die Regelsätze für die Hilfe zum Lebensunterhalt hinreichend sind, sich aufgrund der zu tätigenden Lebenshaltungskosten gesund zu ernähren.

Literatur:

1) R. Geißler: Armut in der Wohlstandsgesellschaft. In: Informationen zur politischen Bildung. Sozialer Wandel in Deutschland. Heft Nr. 269, Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Bonn 2000.

2) Living conditions in Europe. Statistical pocketbook. Europäische Kommission, EUROSTAT (Hrsg.), Luxemburg (1999) 64–65.

3) Datenreport 1999. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit WZB und ZUMA. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000.

4) Gesundheitsbericht für Deutschland. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wiesbaden 1998.

5) U. Helmert et al.: Poverty and Health in West Germany. In: Sozial- und Präventivmedizin 42 (1997) 276–285.

6) E. Barlösius et al. (Hrsg.): Ernährung in der Armut. Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Edition Sigma, Berlin, (1995) 89–105.

7) H. Knopf et al.: Sozialschicht und Gesundheit. In: Das Gesundheitswesen. Sozialmedizin, Gesundheits-System-Forschung, Public Health, Education, Öffentlicher Gesundheitsdienst, Medizinischer Dienst. Sonderheft, Jg. 61 (1999), Thieme-Verlag, Stuttgart, New York, 169–177.

8) Die Nationale Verzehrstudie (NVS) und die Verbundstudie Ernährungserhebung und Risikofaktoren-Analytik (VERA). Synopsis und Ausblick. VERA Schriftenreihe Band XIV, hrsg. von W. Kübler et al., Wissenschaftlicher Fachverlag Dr. Fleck, Niederkleen 1997.

9) T. Adolf: Lebensmittelaufnahme und Vitaminversorgung Erwachsener in Abhängigkeit vom Einkommen. In: Ernährung in der Armut. E. Barlösius et al. (Hrsg.), Wissenschaftszentrum Berlin, Edition Sigma 1995.

10) S. Lehmkühler u. I.-U. Leonhäuser: Untersuchung des Ernährungsverhaltens von Familien mit vermindertem Einkommen in der Stadt Gießen. Forschungsbericht erstellt im Auftrag des Magistrats der Stadt Gießen, Gießen 1998.

Ernährungsprobleme von Privathaushalten: Tab. 1. Relative Armut in der EU im Jahre 1993. Arme Menschen (in Prozent der jeweiligen Bevölkerung), die über weniger als 50 % des jeweiligen Durchschnittseinkommens (Haushaltsnettoeinkommen pro Person, gewichtet nach Alter) verfügen, nach [2], k. A. = keine Angaben.

Dänemark

6

Deutschland

11

Belgien

13

Frankreich

14

Luxemburg

15

Spanien

20

Italien

20

Irland

21

Griechenland

22

Großbritannien

22

Portugal

26

Niederlande

k. A.

EU

17

Ernährungsprobleme von Privathaushalten: Tab. 2. Armutsraten in Deutschland 1997 in Prozent nach der 50 %-Grenze, nach [1].

Durchschnitt der Wohnbevölkerung

9

Durchschnitt der deutschen Wohnbevölkerung

7

Risikogruppen (mind. 14 %)

Einelternfamilien

30

Arbeitslose

24

Familien mit mind. 3 Kindern

22

Ausländer

20

Personen ohne abgeschlossene Lehre

16

Kinder 0–15 Jahre

14

Schutz vor Armut (maximal 5 %)

ältere Alleinlebende (> 65 Jahre)

5

Abitur

6

Vollzeiterwerbstätige

4

Partner-Haushalte ohne Kinder

3

ältere Partner-Haushalte (> 65 Jahre)

3

Hochschulabschluss (Uni, FH)

1

Ernährungsprobleme von Privathaushalten: Tab. 3. Haushalte von Empfängern / Empfängerinnen laufender Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen in Deutschland am Jahresende 1997, nach [3].

Haushaltstyp

  insgesamt

Brutto-
bedarf [DM]

darunter Brutto-Kaltmiete
[DM]

angerechnetes Einkommen
[DM]

Nettoanspruch
[DM]

Anteil Nettoanpruch am Bruttobedarf [%]

Haushalte insgesamt

14.884.841

   1.520  

     526

     733

    787

    51,8

darunter

Ehepaare ohne Kinder

104.452

   1.675

     584

     828

    847

    50,6

Ehepaare mit Kindern1

184.121

   2.537

     788

  1.419

 1.119

    44,1

mit einem Kind

68.346

   2.075

     687

  1.056

 1.018

    49,1

mit 2 Kindern

65.301

   2.487

     775

  1.390

 1.097

    44,1

mit 3 und mehr Kindern

50.474

   3.230

     941

  1.947

 1.283

    39,7

einzeln nachgewiesene Haushaltsvorstände

621.632

   1.066

     438

     415

    651

    61,1

männlich

288.070

      994

     400

     309

    685

    68,9

weiblich

333.562

   1.129

     470

     507

    622

    55,1

alleinerziehende Frauen mit Kindern1

324.911

   2.034

     675

  1.063

    970

    47,7

mit einem Kind

182.429

   1.714

     608

     804

    910

    53,1

mit 2 Kindern

100.382

   2.249

     723

  1.244

 1.005

    44,7

mit 3 und mehr Kindern

42.100

   2.905

     850

  1.754

 1.151

    39,6

1 = Kinder unter 18 Jahren

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