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Hypothermie: Kühlen Kopf bewahren

Fehlt dem Gehirn Sauerstoff, sterben bald Nervenzellen ab. Eine verringerte Körpertemperatur kann manche Schäden abwenden.
Im OP

Die normale Körperkerntemperatur eines erwachsenen Menschen liegt ungefähr zwischen 36 und 37,5 Grad Celsius. In diesem Bereich arbeiten die Organe optimal, denn Stoffwechselprozesse, die von Enzymen menschlicher Zellen katalysiert werden, laufen dann besonders effizient ab. Ein paar Grad mehr oder weniger bringen das fein justierte System bereits aus dem Gleichgewicht. Hält ein Fieber oder eine Unterkühlung länger als einige Stunden an, kann das bleibende Gewebeschäden hinterlassen oder gar tödlich enden.

Eine Unterkühlung hat jedoch nicht nur negative Effekte. Das zeigt etwa der Fall der schwedischen Ärztin Anna Bågenholm. Sie hält einen unfreiwilligen Weltrekord, denn sie hat einen Unfall überlebt, bei dem ihre Körpertemperatur zwischenzeitlich auf unter 14 Grad Celsius sank. Heute arbeitet sie als Radiologin am Uniklinikum in Tromsø im nördlichen Norwegen. In genau diesem Krankenhaus retteten ihr Notfallmediziner vor mehr als zwei Jahrzehnten das Leben.

Im Mai 1999 war sie mit zwei Arbeitskollegen zum Skifahren im etwa 200 Kilometer südlich von Tromsø gelegenen Narvik unterwegs. Um 18.20 Uhr stürzte die damals 29-Jährige abseits der präparierten Pisten bei einem Wasserfall in einen Fluss. Ihre Begleiter konnten sie nicht befreien und verständigten den Notruf. Eingeklemmt unter einer Eisschicht verharrte Bågenholm 40 Minuten lang mit dem Kopf in einem Luftspalt, bis sie sich nicht mehr bewegte. Kurz darauf dürfte ihr Herz aufgehört haben zu schlagen. Bei normaler Körpertemperatur dauert es nach einem solchen Kreislaufstillstand nur wenige Minuten, bis die betroffene Person nicht mehr reanimiert werden kann und tot ist.

Anna Bågenholm lag noch weitere 40 Minuten im eiskalten Wasser, bis ein Rettungsteam am Unfallort eintraf. Gemeinsam schnitten die Ersthelfer ein Loch ins Eis, zogen die junge Frau heraus und begannen ­sofort mit Reanimationsmaßnahmen. Kurze Zeit spä­ter traf ein Rettungshubschrauber ein, in dem sie mit Sauerstoff versorgt wurde. Um 21.10 Uhr, fast drei Stunden nach dem Unfall, erreichte er das Krankenhaus in Tromsø. Bågenholms Herz stand immer noch still, ihre Haut war eiskalt, ihre Körpertemperatur betrug 13,7 Grad Celsius. Die Ärzte vor Ort beschlossen: Sie würden die Frau erst für tot erklären, nachdem sie ihren Körper auf Normaltemperatur gebracht hatten. Sie schlossen sie an eine Herz-Lungen-Maschine an, die ihr Blut langsam erwärmte. Es dauerte bis zum Nachmittag des folgenden Tages, bis ihr Herz begann, wieder von selbst zu schlagen…

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  • Quellen

Arrich, J. et al.: Hypothermia for neuroprotection in adults after cardiopulmonary resuscitation. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2016

Gilbert, M. et al.: Resuscitation from accidental hypothermia of 13·7°C with circulatory arrest. The Lancet 355, 2000

Kirkegaard, H. et al.: Targeted temperature management for 48 vs 24 hours and neurologic outcome after out-of-hospital cardiac arrest. A randomized clinical trial. JAMA 318, 2017

Lewis, S. et al.: Hypothermia for traumatic brain injury. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2017