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Scham: Wunde am Selbst

Manch eigenes Missgeschick lässt uns kalt. Bei anderen würden wir am liebsten im Erdboden ver­sinken. Wann schämen wir uns – und warum neigen bestimmte Menschen eher dazu als andere?
Ein Kind schämt sichLaden...

Schamgefühle erlebt wohl jeder von uns irgendwann einmal. Manchmal werden sie durch ungeschicktes Verhalten ausgelöst, wie etwa das Tragen eines vermeintlich unpassenden Kleidungsstücks, in anderen Fällen sorgen körperliche Merkmale wie eine auffällige Zahnlücke oder das Übertreten von moralischen Standards dafür, dass wir uns vor anderen bloßgestellt fühlen. Scham ist ein heißes Gefühl, das uns innerlich aufwühlt, weil es uns nach außen hin sichtbar und durchlässig macht. Der Soziologe Sighard Neckel von der Universität Hamburg beschrieb sie 1993 sogar als eine »Wunde am eigenen Selbst«.

Schamgefühle entstehen in erster Linie dann, wenn wir soziale Regeln missachten. Doch nicht jede Normverletzung ist uns gleich peinlich: Manchmal empfinden wir lediglich Bedauern oder Reue, in anderen Fällen lässt uns das Geschehene sogar vollkommen kalt. Was unterscheidet solche Situationen also von Momenten, in denen wir am liebsten direkt im Erdboden versinken würden? Laut der Philosophin Hilge Landweer von der Freien Universität Berlin müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Person sich schämt: Zunächst einmal muss der Betreffende erkennen, dass es eine Norm für die Situation gibt, in der er sich gerade befindet. Außerdem muss er diese Norm akzeptieren und als erwünschte und bindende Verhaltensvorschrift ansehen, nur dann kann ihm etwas so richtig unangenehm sein.

Wenn wir uns schämen, verstoßen wir also sozusagen gegen unser eigenes Idealbild – und fühlen uns in diesem Punkt entsprechend den prüfenden Blicken anderer ausgesetzt ...

2/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 2/2019

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