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Antike: Als römische Touristen die Welt eroberten

Tourismus ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon wohlhabende Römer reisten in die Ferne – und machten Jagd auf Souvenirs.
Die Pyramiden auf dem Gise-Plateau

Beeindruckt sehen sich der römische Provinzbeamte Artemidorus und seine Frau Arsinoe in der unterirdischen Grabstätte um. Der örtliche Reiseführer erklärt ihnen und dem Rest der Gruppe, unter welchen Umständen König Memnon hier seine letzte Ruhe gefunden hat. Memnon, mythischer König Äthiopiens und Sohn der Göttin Eos, wurde von Achill erschlagen – so erzählen es sich Griechen und Römer. Dass das Grab, in dem die Reisenden stehen, nicht das von Memnon ist, sondern das von Ramses VI., weiß zu ihrer Zeit noch niemand.

Artemidorus holt Tinte und Griffel heraus und schreibt seinen Namen und den seiner Frau an die Wand. Andere Mitglieder der Gruppe tun es ihm gleich. Der Reiseführer hat nichts dagegen. Ganz Ägypten ist voll von den Graffiti der Touristen. Sie kritzeln an die Wände des Tempels von Abu Simbel, auf die Pranken der Sphinx und auf die Pyramiden natürlich auch. Teilweise sind es nur Namen, teilweise Widmungen und ganze Gedichte.

So oder so ähnlich könnte es sich vor 2000 Jahren im ägyptischen Theben zugetragen haben. Tatsache ist aber, dass antike Besucher zuhauf Graffiti hinterließen, die sich bis heute erhalten haben. Wer waren diese Touristen, die damals den Nil befuhren, das Apolloheiligtum in Delphi bestaunten oder in den Ruinen Trojas auf Homers Spuren wandelten? Zuvorderst waren es Bürger des Römischen Reichs – also eines Imperiums, das den ganzen Mittelmeerraum umfasste, das vergleichsweise sichere Land- und Wasserwege bot und in dem man mit einer Währung und einer Sprache sehr weit kam.

Damals pulsierte das Leben in der Mittelmeerregion. Vor allem Händler waren unterwegs – erst im 18. Jahrhundert werden es ungefähr wieder so viele sein wie unter der Herrschaft der römischen Kaiser. In der antiken Welt reisten indes nicht nur Händler. Hinzu kamen Beamte, Soldaten, aber eben auch: Touristen. Das Imperium war reich. Und viele Römer konnten es sich leisten, aus privaten Gründen auf Reisen zu gehen.

Zur Kur fuhr man ins Asklepiosheiligtum

Ein häufiger Anlass waren Kuraufenthalte. In der antiken Welt versprachen insbesondere drei bedeutende Heiligtümer des Gottes Asklepios den Kranken Heilung. Diese standen in Epidauros auf der griechischen Halbinsel Peloponnes, im kleinasiatischen Pergamon (heute Nordwesttürkei) und auf der Ägäisinsel Kos. Über Jahrhunderte erfreute sich gerade Epidauros eines ausgezeichneten Rufs. Auf heiligem Boden sollten die Patienten mit Hilfe von Heilbädern, Diäten, Gebeten, körperlichen Übungen und dem Heilschlaf neue Kraft schöpfen. Gerade das Schlafen im Heiligtum versprach den Gläubigen Linderung diverser Leiden. Idealerweise erschien den Patienten Asklepios selbst im Traum, heilte sie oder gab Anweisungen für eine Therapie.

Das Imperium war reich. Und viele Römer konnten es sich leisten, aus privaten Gründen auf Reisen zu gehen

Die wohlhabenden Bewohner der Stadt Rom zog es aber meist gar nicht in die Ferne, sondern zur Naherholung an den Golf von Neapel. An der Küste reihten sich die Villen der Reichen aneinander. Gerade im Frühling war es dort voll. Die Urlauber schipperten dann mit luxuriösen Ausflugsbooten durch den Golf und luden sich gegenseitig zu Banketten ein, besonders zum Aal- und Austernessen, wie Plinius der Ältere (23/24–79 n. Chr.) zu berichten weiß.

Aber nicht nur die Oberschicht kam ans Meer. Vor allem in den ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderten zog es die Stadtrömer in Scharen zum Sommerurlaub an die Orte Neapel, Puteoli und Baiae an der Golfküste, wo die Plebs die Pensionen füllte. Die Menschen gingen an den Strand oder vergnügten sich in den Bädern. Doch es lockten noch weitere Sehenswürdigkeiten: So lohnte eine Besichtigung der öffentlich zugänglichen Fischteiche des Kaisers, ferner ein Besuch des Amphitheaters oder ein Spaziergang durch schattige Parkanlagen. Die Menschen genossen es auch, den Schiffen bei der Ein- und Ausfahrt in den Golf zuzusehen. Und am Abend füllten die Touristen bis in die Nacht die Restaurants an der Küste.

Trinken, tanzen, nackt baden gehen

Baiae hatte in dieser touristischen Gegend eine herausgehobene Stellung. Dorthin gingen die Touristen nicht nur zum Baden, sondern vor allem zum Feiern am Strand und auf Booten. Es wurde getrunken, getanzt, gesungen, nackt gebadet und Ehebruch begangen. Selbst nachts wurde es dort nicht still. Der Stoiker Seneca (1–65 n. Chr.) schrieb entnervt: »Wieso muss ich mir Betrunkene ansehen, die die Küste entlangtorkeln, und laute Feiern auf Booten [ertragen]?«

»Wieso muss ich mir Betrunkene ansehen, die die Küste entlangtorkeln, und laute Feiern auf Booten [ertragen]?«
(Seneca, Stoiker, 1–65 n. Chr.)

Wem die Exzesse von Baiae zu weit gingen, der hatte andere Badeorte am Golf von Neapel zur Auswahl. Und ein jeder entwickelte einen eigenen Charakter. Neapel beispielsweise, das als griechische Koloniegründung bis in die römische Kaiserzeit im Zeichen der Hellenenkultur stand, war eher etwas für intellektuelle Urlauber, die dort einen Bildungsaufenthalt samt Literaturstudium einlegten. Die gesamte Gegend war für die Römer das Urlaubsziel Nummer 1, auch der Untergang Pompejis 79 n. Chr. hatte daran nichts geändert.

Per Deckpassage nach Griechenland, Kleinasien und Ägypten

Die Römer zog es auch in die Ferne – vor allem nach Griechenland, Kleinasien und Ägypten. Besonders schnell ließ es sich dorthin per Schiff reisen. Von den großen Häfen des Mittelmeers, etwa von Rom, Antiochia (Südosttürkei), Tarragona auf der Iberischen Halbinsel oder Alexandria aus konnte man jeden großen Hafen auf direktem Weg erreichen. Anschließend setzten die Reisenden ihre Fahrt mit Küstenschiffen zu kleineren Orten fort.

Spezielle Touristenschiffe gab es nicht, obwohl einige Routen stark von Besuchern frequentiert wurden. Wer reisen wollte, quartierte sich auf einem Handelsschiff ein. Verpflegung und Dienerschaft brachte man mit an Bord. Bedeutende Persönlichkeiten bekamen ab und an eine eigene Kabine zugeteilt, aber die meisten Reisenden buchten Deckpassage: Sie schliefen unter freiem Himmel an Deck.

Nachdem Pompejus im Jahr 66 v. Chr. die Piraten aus dem Mittelmeer vertrieben hatte, mussten Schiffsreisende kaum noch Überfälle fürchten. Stürme konnten dennoch über sie hereinbrechen. Die Seeleute waren deshalb sehr vorsichtig und erlegten den Touristen allerhand abergläubische Regeln auf: Solange das Wetter gut war, durften Haare und Nägel nicht geschnitten werden. Gotteslästerung war untersagt – war aber auch sonst strengstens verboten –, ebenso zu tanzen. Wenn jemand an Bord starb, wurde er rasch ins Meer befördert, um Unheil vom Schiff und seiner Besatzung abzuwenden. Aber meistens passierte nichts dergleichen, sondern die Reisenden vergnügten sich beim Glücksspiel und sahen der Mannschaft beim Schuften zu.

Essen, schlafen, sexuelle Dienste

Wer den Landweg bevorzugte, konnte sich auf ein ausgezeichnetes Straßennetz verlassen. Die Wege waren gut befestigt und von einer Qualität, wie es sie nach dem Untergang Roms für mehr als 1000 Jahre nicht mehr geben sollte. In regelmäßigen Abständen informierten Meilensteine am Wegesrand über den Fortschritt der Reise. Zudem erreichte man mindestens einmal am Tag eine Herberge. Und die Unterkünfte boten alles Nötige: Hier konnte man essen, schlafen, die Kutsche reparieren lassen und sexuelle Dienste in Anspruch nehmen. Um die Herbergen und Meilensteine herum entstanden allmählich Siedlungen, deren Bewohner sich auf die Bedürfnisse der Reisenden einstellten. Sie boten zum Kauf, was die Touristen fern der Heimat vermissen würden.

Auf den Straßen des Römischen Reichs unterwegs zu sein, dürfte allerdings beschwerlich gewesen sein. Man saß in ungefederten Kutschen oder in Sänften, die nur langsam vorwärtskamen. Wer es sich also leisten konnte, reiste nicht nur prunkvoll, sondern auch mit einem gewissen Komfort. Kaiser Claudius beispielsweise, der von 41 bis 54 n. Chr. über das Imperium Romanum herrschte, ließ laut römischen Autoren eine Kutsche zu einem kleinen Spielsalon umbauen.

Zu den beliebtesten Fernzielen gehörten die Sieben Weltwunder des Altertums

Am Ziel der Reise besaßen manche Römer Ferienhäuser, andere kamen bei Freunden unter: Viele Häuser der Oberschicht hatten einen Gästeflügel mit eigenem Zugang. Für alle anderen Touristen gab es Hotels. Auf einigen Routen, etwa entlang des Kanals zwischen Alexandria und Kanopus im westlichen Nildelta Ägyptens, säumten Unterkünfte den Weg. Die Hotels in den Städten verfügten auch über eigene Restaurants. Wie aufgemalte Schilder bezeugen, trugen sie Namen wie »Zum Hahn«, »Zum Kamel«, »Zum Schwert« oder »Merkur« und »Diana«. Wo auch immer sich die Touristen aufhielten, eine besondere Anziehungskraft besaßen die Bäder. Ähnlich wie in einem Hamam konnte man dort baden, aber sich auch medizinisch behandeln lassen, Sport treiben oder Konzerte besuchen.

Auf zu den Wundern der Welt!

Zu den beliebtesten Fernzielen gehörten die Sieben Weltwunder des Altertums. Dazu zählten die Pyramiden von Gise, die mehrere Meter hohe Statue des Zeus in Olympia, die Phidias aus Gold und Elfenbein gefertigt hatte, der Artemistempel in Ephesos, der Leuchtturm Pharos von Alexandria oder der Koloss von Rhodos – der allerdings seit 226 v. Chr. nur noch als Trümmerhaufen zu besichtigen war, nachdem ihn ein Erdbeben umgeworfen hatte. Darüber hinaus strömten die Touristen zum Grab von Alexander dem Großen, das sich ebenfalls in Alexandria befand. Auch die Orte berühmter Schlachten suchten die Römer auf – vor allem Marathon, wo die Athener mit Männern aus Platää 490 v. Chr. ein Heer der Perser besiegten. Daneben war den Römern Chaironeia eine Reise wert. Nahe dieser Stadt in Mittelgriechenland hatte Philipp II. von Makedonien zusammen mit seinem Sohn Alexander 338 v. Chr. die vereinten griechischen Städte geschlagen. Die Niederlage kam einem Zeitenwandel gleich; ganz Griechenland hatte in makedonischer Hand gelegen, der Aufstieg Alexanders des Großen folgte.

Viele Plätze galten zudem als Schauplätze mythischer Begebenheiten. Im Glauben vieler Menschen der Antike hatten sich diese Geschehnisse ja tatsächlich ereignet. So ließ sich das Grab des homerischen Helden Achill in Troja besuchen oder das Haus des Königs Menelaos in Sparta. Auf Kreta stieg man in Gebirgshöhlen auf, denn dort oben soll Göttervater Zeus geboren worden sein.

Gerade in den alten Heiligtümern Griechenlands bestaunten die römischen Touristen die Kunstschätze, die dort über Jahrhunderte von Städten, Heerführern, Königen und Privatleuten geweiht worden waren. Wer was und warum dorthin gegeben hatte, ließen sich die Besucher von lokalen Reiseführern erklären – oder entnahmen es Reisebüchern, wie denen des griechischen Autors Pausanias (zirka 110–180 n. Chr.). Er beschrieb zahlreiche Städte und Heiligtümer wie Delphi und Olympia, ließ aber die Bauten und Werke seiner eigenen Zeit weg – die alten Sehenswürdigkeiten waren von Interesse. Dabei zählte Pausanias auch Reliquien auf: etwa den Speer des Achill, der sich in einem Athenatempel in Kleinasien befand. Bestaunen konnten die Menschen aber auch den Schild des Aeneas auf der Ägäisinsel Samothrake, die Lyra von Orpheus war angeblich im Apollotempel auf Lesbos ausgestellt, und das Schwanenei, aus dem die schöne Helena geschlüpft sein soll, hing in einem Tempel in Sparta. Daneben gab es Elefantenskelette, Fossilien und Kuriositäten aus weiter Ferne wie Kokosnüsse oder Bambus in den Heiligtümern zu bestaunen.

Was die alten Römer im alten Ägypten besichtigten

In Griechenland und Kleinasien folgten die kaiserzeitlichen Römer den Spuren alter Geschichten. Ehrfürchtig besichtigten sie Ruinen und lasen dazu Homer, Herodot und Thukydides. Ägypten war für die Römer ebenfalls ein wahres Touristenparadies. Sie bekamen nicht nur das verfallene Heiligtum des Sonnengottes von Heliopolis zu sehen, wo nach ägyptischer Vorstellung die Welt entstand, sondern auch die alte Reichskapitale Memphis im Norden des Landes. Dort konnten sie dem Apis-Stier einen Besuch abstatten oder dem Krokodilgott Suchus bei der Fütterung zusehen.

Außerdem bewunderten sie die Pyramiden von Gise in all ihrer heute längst vergangenen Pracht. Denn einst waren die Steinblöcke mit hellen Kalksteinplatten verkleidet. Einheimische veranstalteten Shows für die Touristen, bei denen sie in Windeseile die glatten Fassaden erklommen.

Nippes existierte schon vor mehr als 2000 Jahren und hat zum Teil bis heute die Zeiten überdauert

Wohin es die Reisenden auch verschlug – überall drängten sich ihnen mehr oder minder qualifizierte Reiseführer auf. Miniaturmaler wollten sie vor dem Hintergrund des Apollotempels in Delphi oder der Zeusstatue in Olympia porträtieren. Händler boten alle möglichen Souvenirs an: Miniaturen der großen Athenastatue im Parthenon von Athen, gläserne Behälter bemalt mit dem Hafen von Alexandria, Flaschen in Form der Statue der Göttin Tyche von Antiochia oder Modelle des Artemistempels von Ephesos – entweder aus Silber für die Wohlhabenden oder aus Ton für alle anderen. Nippes existierte schon vor mehr als 2000 Jahren und hat zum Teil bis heute die Zeiten überdauert.

Auch Rom war Touristenziel

Beladen mit Tand, aber oft genug auch mit teuren Teppichen, Kunstgegenständen und Möbeln traten die Touristen den Heimweg an; ärgerten sich womöglich über hohe Zollgebühren. Und wenn sie in Rom lebten, so ärgerten sie sich vielleicht bald über die Touristen aus allen Teilen des Reichs, die das ganze Jahr über das Forum verstopften. Denn Rom war ebenfalls ein beliebtes Reiseziel. Es lockten vor allem die großen Bauten, mit denen die Kaiser Rom zu einer repräsentativen Weltstadt herausgeputzt hatten.

Jahrhundertelang gingen römische Touristen auf Wasserwegen und Straßen auf Reisen. Ihre Welt war groß und wuchs, bis sie in der Spätantike allmählich in sich zusammenfiel und sich überall neue Grenzen erhoben. Danach reiste für sehr lange Zeit niemand mehr aus Vergnügen.

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